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Segeberg Hier erhalten Schulversager neue Perspektiven
Lokales Segeberg Hier erhalten Schulversager neue Perspektiven
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18:00 29.08.2019
Annamary Aydin (r.) und Jochen Renk von der Produktionsschule in Norderstedt mit ihrer Musterschülerin Funda U., die mit Hilfe dieser Einrichtung den Hauptschulabschluss geschafft und einen Ausbildungsplatz in konkreter Aussicht hat. Quelle: Fuchs
Norderstedt/Bad Segeberg/Kaltenkirchen

Schule war für sie immer ein Krampf. Sie konnte nicht richtig lernen, wurde gemobbt und von ihrer Familie nie unterstützt und war praktisch obdachlos, als sie mit 18 im Streit zu Hause auszog. Heute hat Funda U., die türkische Wurzeln hat, in Hamburg geboren und in Norderstedt aufgewachsen ist, den Hauptschulabschluss geschafft. Dank der Produktionsschule, die in Norderstedt, Kaltenkirchen und Bad Segeberg seit vier Jahren gut 150 jungen Menschen, die ohne jede Aussicht auf einen Schulabschluss waren, wieder Hoffnung, Selbstbewusstsein und eine berufliche Perspektive verschafft hat. So wie die 20 Jahre alte Funda, die nächstes Jahr sogar ihren Traumberuf als Krankenschwester im Heidberg-Krankenhaus beginnen kann.

Schüler müssen regulären Tagesablauf lernen

„Unsere Schüler kommen mit allen möglichen Problemen zu uns“, erklärt Annamary Aydin, die die pädagogische Leitung der vor vier Jahren im Kreis Segeberg gegründeten Produktionsschule innehat. Spiel- und Drogensucht, verwahrloste familiäre Verhältnisse wie bei Funda, Depression, Lustlosigkeit, Borderlinesyndrom, Ernährungsprobleme oder regelrechte Schulverweigerung machten ihnen das Leben und Lernen schwer, erklärt die Pädagogin. „Unsere Schüler müssen überhaupt erst einmal einen regulären Tagesablauf lernen. So wie sie zu uns kommen, sind sie weder schul- noch arbeitsfähig.“

Ohne die Unterstützung der Produktionsschule mit ihren jeweils zehn bis zwölf Schulplätzen an den drei Standorten würden sie wohl hoffnungslos auf dem Arbeitsmarkt scheitern, auf der Straße landen, möglicherweise kriminell werden und dem Sozialstaat für immer auf der Tasche liegen, zeigt Aydin die düstere Perspektive auf.

Theorie und viel Praxis für die Schüler

Und so sorgt die Produktionsschule zunächst einmal für einen geregelten Tagesablauf an fünf Werktagen, jeweils von 9 bis 15 Uhr. Die Schüler werden von den Lehrkräften nicht nur theoretisch in den Grundfächern unterrichtet. Sie stellen auch praktisch etwas her. So überarbeiten und schrauben sie unter fachlicher Anleitung in der PC-Werkstatt, machen Gartenarbeit, werkeln in der Holzwerkstatt, kochen Mahlzeiten, malen und renovieren in Schulen und Kindergärten und sozialen Einrichtungen. Und sie stellen auch aus Paletten und anderen Holzmaterialien einfache Möbel her, wie Funda U. in den zwei Jahren ihrer Teilnahme an der Produktionsschule in Norderstedt, die hier direkt neben der Kreisberufsschule in der Moorbekstraße 19 liegt. „Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht“, sagt die junge Frau, die wie ausgewechselt und überhaupt nicht mehr mit dem orientierungslosen, schüchternen, fast verängstigten Mädchen von vor zwei Jahren zu vergleichen sei, ist Pädagogin Aydin von ihrer persönlichen Entwicklung begeistert.

„Das macht die Schüler stolz.“

Der Effekt des produktiven Arbeitens an der Produktionsschule und den Partnerbetrieben sei ein doppelter, erklärt Jochen Renk, der dem Wirtschaftsbeirat des Schulträgers angehört und den Kontakt zur Wirtschaft und den Unternehmen aus der Region hält, um Praktika für die Produktionsschüler zu bekommen. „Die Schüler stellen plötzlich und für manche zum ersten Mal in ihrem Leben fest, dass sie etwas machen, gestalten und herstellen können, was für andere einen Wert hat“, erklärt Renk. „Das macht sie stolz.“ So werden die einfach hergestellten Möbel zum Beispiel auf Flohmärkten verkauft und so wieder Einnahmen für die Beschaffung von Materialien erzielt.

Schulplatz kostet 800 Euro im Monat

Vermittelt werden die jungen Leute von den Sozialämtern und Jugendberufsagenturen an die Produktionsschule, erklärt die pädagogische Leiterin Aydin. In der Regel seien sie zwischen 18 und 25 Jahre alt, arbeitslos und ohne einen Schulabschluss. Ein halbes Jahr bis zu zwei Jahre dauert der Aufenthalt an der Produktionsschule. Gefördert wird das Projekt vom Jobcenter, der Arbeitsagentur und den beteiligten Kommunen, die nach Angaben Renks rund 800 Euro je Schulplatz im Monat an finanzieller Unterstützung gewähren. „Der Bedarf ist groß und die Zahl der Plätze könnte durchaus noch aufgestockt werden.“

Auch Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien lobte jüngst das Programm des „produktiven Lernens“ von Schülern, die „durch dieses Projekt noch die Kurve gekriegt“ hätten. Landesweit sorgten die Produktionsschulen für weniger Schul- und Ausbildungsplatz-Abbrüche, so die Ministerin.

Für Funda U. hat sich ohnehin ihr Leben komplett zum Positiven gewandelt. Sie, die anfangs noch aus dem Obdachlosenasyl im Langenharmer Weg in Norderstedt zur Produktionsschule gehen musste, hat inzwischen eine Wohnung mit Familienanschluss gefunden. Und durch ein Praktikum im Krankenhaus sei ihr der Ausbildungsplatz zur Krankenpflegerin sicher, sofern sie jetzt noch bis zum nächsten Jahr den Mittleren Schulabschluss nachhole. Dafür büffelt sie jetzt fleißig, beteuert die junge Norderstedterin und strahlt erleichtert und selbstbewusst über das ganze Gesicht. „Ich bin jetzt ein völlig anderer Mensch geworden.“

Von Burkhard Fuchs

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