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Segeberg Hilfe im Advent: Ein Senior bereichert die Selbsthilfe in Segeberg
Lokales Segeberg

Hilfe im Advent: Ein Senior bereichert die Selbsthilfe in Segeberg

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20:00 21.12.2021
Jürgen Krüger blättert gern in den Fotoalben, die Bilder der gemeinsamen Urlaube zeigen.
Jürgen Krüger blättert gern in den Fotoalben, die Bilder der gemeinsamen Urlaube zeigen. Quelle: Sven Wehde
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Bad Segeberg/Trappenkamp

Jürgen Krüger war 74 Jahre alt, als er eines Tages wie schon oft das Mittagessen für sich und seine Frau zubereitete, die noch bei der Arbeit in einer Gärtnerei in Gönnebek war. Danach legte er sich etwas auf das Sofa. Als seine Ehefrau schließlich nach Hause kam, sah er sie an und fragte: „Wo kommst du denn her?“ „Von der Arbeit in Gönnebek“, sagte sie. Ob denn ihr gemeinsamer Sohn Dirk wieder Arbeit in der Gärtnerei für sie habe, fragte Jürgen Krüger seine Frau. Doch sein Sohn Dirk lebte da schon lange nicht mehr, er hatte sich das Leben genommen. Und Jürgen Krügers Frau arbeitete längst in einer anderen Gärtnerei. Doch ihr Mann, der hatte das vergessen. Genauso wie alles andere, nur seine Frau und seine Tochter erkannte er noch.

Vier Monate ohne Gedächtnis

„Vier Monate lang war ich komplett ohne Gedächtnis“, erinnert sich Krüger, der heute 84 Jahre alt ist und mit seiner Frau in einem schönen Häuschen in Trappenkamp wohnt. Die Psychiater erklärten ihm, dass er sich nach dem Tod des Sohnes zwar um Frau und Tochter gekümmert habe, aber versäumt habe, selbst zu trauern. Das könnte zu dem Zusammenbruch geführt haben. Der Sohn hatte Jürgen Krügers Gartenbaubetrieb in Gönnebek übernommen. Doch es lief nicht gut, es stand die Insolvenz bevor. Als Jürgen Krüger mit seiner Frau im Urlaub in der Türkei war, kam der Anruf der Schwiegertochter, dass sein Sohn sich das Leben genommen habe.

So können Sie helfen

Die LN-Leser-Aktion „Hilfe im Advent“ macht sich in diesem Jahr für ehrenamtliche Projekte stark, die sich für das Miteinander einsetzen und Menschen helfen, einen Weg aus der Einsamkeit zu finden. Die Spendensammlung der LN und der Sparkasse Südholstein findet unter dem Motto „Gemeinsam gegen einsam“ statt. Mit Hilfe der Lübecker Freiwilligenagentur ePunkt stellen wir Ideen und Projekte vor, die sich uneigennützig dafür stark machen, dass sich einsame Menschen wieder eingebunden fühlen und wieder Freude am Leben haben. Der ePunkt sammelt die Spenden der LN-Leserinnen und -Leser und gibt sie dann an die Ehrenamtlichen weiter.

In Segeberg wird mit den Spenden die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KIS) unterstützt. Egal, ob es um ADHS, psychische Erkrankungen, verwaiste Eltern, Senioren oder Blinde und Sehbehinderte geht: Die Kontaktstelle in Bad Segeberg bringt Menschen zusammen, damit sie nicht alleine sind, sondern sich gegenseitig unterstützen und helfen können. Mit ihren Experten hilft KIS Selbshilfegruppen bei der Gründung und bietet auch regelmäßig Seminare und Vorträge an. Mit den Spenden möchte KIS speziell etwas gegen Einsamkeit tun, die während der Corona-Krise bei vielen Menschen noch viel stärker geworden ist. Unter dem Motto „Rausgehen tut gut“ soll unter anderem ein fester Draußen-Treffpunkt in Bad Segeberg direkt an dem Gemeinschaftshaus der Awo-Seniorenwohnanlage aufgebaut werden, für den noch wetterfeste Stühle benötigt werden. Zweimal im Monat sind dann alle Segeberger, die gern mit anderen Menschen in Kontakt kommen möchten, zu den offenen Treffen draußen eingeladen. Dort sollen Menschen ins Gespräch kommen, gerade auch, wenn es ihnen mal nicht so gut geht.

Hier können Sie spenden: Empfänger: ePunkt e.V. – Segeberg, Kontoinhaber: ePunkt e. V., IBAN: DE37 2305 1030 0511 3175 62, BIC: NOLADE21SHO, Bank: Sparkasse Südholstein, Verwendungszweck: „Spende: Hilfe im Advent“

Spendenstand am Montag: 2295 Euro

Erinnerung an den Krieg

Es dauerte einige Zeit, aber dann bekam Krüger nach dem Gedächtnisverlust einen Platz in einer psychiatrischen Klinik an der Ostsee. Und eines Tages war da plötzlich wieder eine Erinnerung in seinem Kopf. Es ist 1943 und der sechsjährige Jürgen steht mit seinem Opa in Schwerin vor dem Haus, in dem sie wohnten. Die Alarmsirenen beginnen zu heulen, die Flugzeuge kommen zum großen Bombenangriff auf Hamburg. „Wir mussten eigentlich sofort in den Keller, aber mein Opa nahm sein Fernglas und schaute hinauf zu den Bombern“, erinnert sich Krüger. Er habe ihn gefragt, ob er auch mal gucken könne, doch der Opa habe in seinem Berliner Dialekt gesagt: „Da sind deene Oogen viel zu kleen für.“ Das war die erste Erinnerung, die zurückkam – und nach und nach folgte der Rest, auch die Erinnerung an den Tod des Sohnes.

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Erst wollte er nicht wieder zur Selbsthilfe

Jürgen Krüger blieb auch nach seinem Klinikaufenthalt zunächst in ambulanter Therapie und fand später seinen Weg zu Kis, der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen. Er weiß noch, wie er das allererste Mal den Selbsthilfestammtisch besuchte und danach zu Hause zu seiner Frau gesagt habe: „Was soll ich denn da? Mir die ganze Zeit das Gejammer von anderen anhören?“ Nach acht Tagen fragte er dann seine Frau: „Du, kannst du mal nachgucken, wann das nächste Treffen ist?“ Heute ist Krüger nicht mehr wegzudenken aus der Gruppe. Sie tut ihm gut – und er tut den anderen Teilnehmern gut. „Ich kann den Jüngeren dort mit meiner Lebenserfahrung helfen und sie helfen auch mir. Das ganze Leben ist lernen, die Jungen lernen von den Alten, aber die Alten auch von den Jungen.“

Alle Berichte zu „Hilfe im Advent“ finden Sie hier

Im Alter wird man einsamer

Das Reden tut gut, denn das Alter macht es einem nicht leichter. Man wird einsamer. Fünf befreundete Paare waren sie, die gemeinsam Feste feierten, sich sogar an einem Weihnachtstag trafen, mal gemeinsam in den Urlaub fuhren. „Nur noch ein Freundespaar ist übrig geblieben. Es sind einige schon gegangen, das ist nun mal der normale Weg“, sagt Krüger. Sie seien immer sehr gesellig gewesen. „Dass man nicht mehr so oft zusammenkommt, das belastet mich schon“, sagt Krüger. Ein Freund habe ihm mal gesagt, man müsse sich immer jüngere Freunde suchen, damit man im Alter nicht allein sei. „Das stimmt zwar, aber jetzt im Alter ist es schwierig, noch mal neue Freundschaften zu schließen. Die in meinem Alter sind fast alle gestorben und die jüngeren möchten auch lieber mit Gleichaltrigen zusammen sein und nicht mit den Alten.“

Sein Garten ist sein Rückzugsort. Den Sommer verbringt Jürgen Krüger fast nur draußen. Quelle: Sven Wehde

Reisen in die ganze Welt

Auch mit den vielen Reisen ist es vorbei, die das Ehepaar angetreten hat, nachdem sie beide im Ruhestand waren. „Ich wollte die Welt sehen. Wir waren in Australien und Neuseeland, in Amerika und in Kanada“, sagt Krüger. Überall besuchten sie die botanischen Gärten und streiften durch die Natur, um die Pflanzenwelt zu bestaunen. Heute wäre das körperlich zu anstrengend für das Paar.

Glück im Garten

Einsam fühlt sich der 84-Jährige aber nicht: „Weil ich mich beschäftigen kann.“ Die Pflanzen sind auch weiterhin die Leidenschaft des Gärtners. Nahezu sein ganzes Gemüse baut das Paar selbst an, seine Frau kocht Saft und Marmelade. 40 Blumenkübel verwandeln den Garten in jedem Frühjahr in eine Blütenpracht. Große Ziele hat Krüger nicht mehr, aber die braucht er auch nicht. „Man kann ja mit 84 Jahren auch nicht mehr so ganz lange planen. Ich wünsche mir für das nächste Jahr einfach eine schöne Zeit mit meiner Frau in unserem Garten.“ Und wenn es sie doch mal wieder in die Ferne zieht, holt Krüger eines der liebevoll gestalteten Fotoalben hervor und sagt zu seiner Frau: „Was meinst du, wollen wir heute mal nach Neuseeland reisen?“ Dann blättern sie gemeinsam durch die Bilder ihrer Reise und manchmal fließt dann sogar eine kleine Träne bei dem 84-Jährigen. „Erinnerungen“, sagt Jürgen Krüger, „sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“

Von Sven Wehde