Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Hilfe im Advent: Selbsthilfegruppe gegen Einsamkeit
Lokales Segeberg

Hilfe im Advent: Selbsthilfegruppe gegen Einsamkeit

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:30 14.12.2021
Sich treffen, miteinander reden: Das ist das Ziel des Selbsthilfe-Stammtisches von KIS. Ein Stuhlkreis ist dabei aber eher die Ausnahme, meist trifft man sich tatsächlich am großen Tisch in der Geschäftsstelle.
Sich treffen, miteinander reden: Das ist das Ziel des Selbsthilfe-Stammtisches von KIS. Ein Stuhlkreis ist dabei aber eher die Ausnahme, meist trifft man sich tatsächlich am großen Tisch in der Geschäftsstelle. Quelle: Lutz Roessler
Anzeige
Bad Segeberg

Es ist schon dunkel draußen. Nur das bunte Licht des Kinderkarussells und der Wurstbude in der Bad Segeberger Fußgängerzone dringt durch die Fenster der Geschäftsräume der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KIS) im ersten Stock. Koordinatorin Sabine Ivert-Klinke bereitet den Tisch im Besprechungsraum vor. Sie legt einen Stein und eine Feder darauf. Nach und nach treffen die Teilnehmer ein. Ein älterer Herr, drei Frauen im mittleren Alter, eine junge Frau. Sie begrüßen einander. Peter, Meike, Astrid, Heidrun und Frieda (alle Namen geändert). Es wird sich geduzt beim Selbsthilfe-Stammtisch von KIS. Es ist eine ganz besondere Gruppe, gerade weil es eben nicht wie sonst in Selbsthilfegruppen üblich um ein bestimmtes Thema geht. Hier kann jede und jeder kommen, egal ob er oder sie unter Depressionen leidet, eine körperliche Erkrankung hat oder einfach nur das Gespräch mit anderen sucht.

Kis-Koordinatorin Sabine Ivert-Klinke leitet den Selbsthilfe-Stammtisch in Bad Segeberg. Quelle: Fotograf Lutz Roessler

Umzugsstress schlägt sich auf den Körper nieder

Peter hat Sabine Ivert-Klinke ein weihnachtliches Fensterbild mitgebracht. Als Dankeschön für ihre Unterstützung. Der Rentner hat es selber in vielen Stunden Arbeit ausgesägt. „Ich wollte heute zum Einstieg eine Blitzrunde mit dem Stein und der Feder machen. Ihr kennt das ja schon“, sagt Ivert-Klinke, nachdem sie sich für das schöne Geschenk bedankt hat. „Jeder kann einmal erzählen, was ihm zurzeit schwer und was leicht fällt.“ Astrid nimmt den Stein in die Hand. „Mir geht es ja schon eine ganze Weile nicht so gut. Vor allem morgens ist es schwer“, sagt sie und hält danach die Feder etwas höher. „Aber es ist eben nur noch morgens. Wenn ich erstmal Kaffee getrunken habe, geht es mir besser. Und richtig leicht fühlt es sich an, wenn ich zum Beispiel mit der Familie über den Weihnachtsmarkt bummele.“ Für Maike hingegen war die ganze Woche schwer. Der Stress bei ihrem Umzug ist der jungen Frau auf den Körper geschlagen. „Es ging gar nichts mehr.“ Umso mehr hat sie sich gefreut, dass sie trotzdem in der Lage war, ihren Mann zu unterstützen, als er vor ein paar Tagen krank war. „Das fiel mir wieder leicht.“

Quelle: Sven Wehde

Kein festes Thema

In der Gruppe gibt es kein festes Thema, es kann über alles gesprochen werden. Doch manchmal stellt Ivert-Klinke eine Frage in den Raum, die dann den Anfang eines Gespräches bestimmen kann. „Hat Corona uns einsamer gemacht?“, fragt sie heute. Peter nickt. Das sei aber nicht nur ein Problem von Corona. „Im Alter ist es schwierig, noch mal neue Freunde zu finden, wenn die alten alle weg sind“, sagt er. Frieda erinnert sich, dass sie vor ein paar Jahren noch ständig mit dem Rad in Bad Segeberg unterwegs war und durch die Kinder immer in Kontakt mit anderen Menschen. Doch ihr Leben hat sich geändert. Sie braucht heute einen Rollator, lebt allein auf einem Dorf. „Ich komme kaum raus aus meinem Dorf und habe ja auch kein Geld“, sagt sie. Und ja, „die Einsamkeit ist da.“ Frieda ist kein ruhiger Mensch, sondern unterhält sich gern und geht eigentlich auf alle zu. In ihrer Verzweiflung hat sie es schon mit einer Annonce versucht – auch unter dem Titel „Gemeinsam statt einsam.“ „Aber da melden sich nur Idioten, die wollen alle nur Sex haben“, schimpft sie. In ihrer Not hat sie kleine Zettel mit ihrer Telefonnummer vorbereitet, die sie Menschen gibt, die sie sympathisch findet. „Aber bisher hat da noch keiner angerufen.“

So können Sie helfen

Die LN-Leser-Aktion „Hilfe im Advent“ macht sich in diesem Jahr für ehrenamtliche Projekte stark, die sich für das Miteinander einsetzen und Menschen helfen, einen Weg aus der Einsamkeit zu finden. Die Spendensammlung der LN und der Sparkasse Südholstein findet unter dem Motto „Gemeinsam gegen einsam“ statt. Mit Hilfe der Lübecker Freiwilligenagentur ePunkt stellen wir Ideen und Projekte vor, die sich uneigennützig dafür stark machen, dass sich einsame Menschen wieder eingebunden fühlen und wieder Freude am Leben haben. Der ePunkt sammelt die Spenden der LN-Leserinnen und -Leser und gibt sie dann an die Ehrenamtlichen weiter.

In Segeberg wird mit den Spenden die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KIS) unterstützt. Egal, ob es um ADHS, psychische Erkrankungen, verwaiste Eltern, Senioren oder Blinde und Sehbehinderte geht: Die Kontaktstelle in Bad Segeberg bringt Menschen zusammen, damit sie nicht alleine sind, sondern sich gegenseitig unterstützen und helfen können. Mit ihren Experten hilft KIS Selbshilfegruppen bei der Gründung und bietet auch regelmäßig Seminare und Vorträge an. Mit den Spenden möchte KIS speziell etwas gegen Einsamkeit tun, die während der Corona-Krise bei vielen Menschen noch viel stärker geworden ist. Unter dem Motto „Rausgehen tut gut“ soll unter anderem ein fester Draußen-Treffpunkt in Bad Segeberg direkt an dem Gemeinschaftshaus der Awo-Seniorenwohnanlage aufgebaut werden, für den noch wetterfeste Stühle benötigt werden. Zweimal im Monat sind dann alle Segeberger, die gern mit anderen Menschen in Kontakt kommen möchten, zu den offenen Treffen draußen eingeladen. Dort sollen Menschen ins Gespräch kommen, gerade auch, wenn es ihnen mal nicht so gut geht.

Hier können Sie spenden: Empfänger: ePunkt e.V. – Segeberg, Kontoinhaber: ePunkt e. V., IBAN: DE37 2305 1030 0511 3175 62, BIC: NOLADE21SHO, Bank: Sparkasse Südholstein, Verwendungszweck: „Spende: Hilfe im Advent“

Spendenstand am Dienstag: 1735 Euro

Selbsthilfe gegen Einsamkeit

Die Selbsthilfegruppen von KIS sind eine Möglichkeit, der Einsamkeit für ein paar Stunden zu entfliehen. Doch den Gruppenmitgliedern fallen noch mehr Treffpunkte ein. VHS-Kurse, Kirche, Sportvereine. „Während Corona hat ja aber kaum was stattgefunden“, sagt Frieda. Allerdings bedeute das Gegenteil von Einsamkeit auch nicht immer gleich ein großes Treffen, auch nicht zu Weihnachten. „Für meine Eltern war das schwer, aber ich möchte diesen Weihnachtsstress nicht mehr, wenn alle einen auf Familie machen. Mein Mann und ich machen es uns zu Hause gemütlich“, sagt Maike. Das Treffen am Stammtisch der Selbsthilfe hingegen, das tut an diesem Abend allen gut.

Von Sven Wehde