Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Hilfe im Advent: Die Ingangsetzerin hilft Menschen ins Gespräch zu kommen
Lokales Segeberg

Hilfe im Advent in Segeberg: Die Ingangsetzerin hilft Menschen ins Gespräch zu kommen

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 07.12.2021
Die Bad Segebergerin Melanie Goltschnig hilft als Ingangsetzerin Selbsthilfegruppen bei der Gründung.
Die Bad Segebergerin Melanie Goltschnig hilft als Ingangsetzerin Selbsthilfegruppen bei der Gründung. Quelle: Fotograf Lutz Roessler
Anzeige
Bad Segeberg

Ingangsetzerin. Das Wort kennt kaum jemand. In der Selbsthilfe hingegen weiß wohl fast jeder, was gemeint ist, denn dort hat es eine große Bedeutung. Die Bad Segebergerin Melanie Goltschnig (41) ist so eine Ingansetzerin. Den Begriff kann man eigentlich wörtlich nehmen. „Wenn sich Selbsthilfegruppen neu gründen, die Leute sich noch nicht so gut kennen, dann bringen wir es erstmal zum Laufen“, sagt Goltschnig. Wichtig sei aber, dass man keine Gruppenleitung sei. Goltschnig: „Da kristallisiert sich meist innerhalb der Gruppe schnell jemand heraus, der dafür geeignet ist.“

Regeln für das gemeinsame Gespräch

Goltschnigs Aufgabe ist es eher den Menschen Vorschläge und Anregungen zu geben, wie die gemeinsame Zeit gestaltet werden kann und ihnen dabei zu helfen herauszufinden, was sie sich eigentlich von der Gruppe erhoffen und wünschen. „Wichtig ist es da keinen Druck zu machen, die Gruppe soll frei für sich entscheiden.“ Ein paar Dinge empfiehlt Goltschnig aber schon nachdrücklich: „Jede Gruppe sollte Regeln haben und die Wichtigste ist sicher, dass niemand unterbrochen wird, wenn er von sich erzählt. Oder dass andere dann nicht tuscheln.“ Denn damit kann der Mut, den jemand aufbringt, um seiner Einsamkeit zu entfliehen und das Gespräch mit anderen zu suchen, schnell zunichte gemacht werden. „Oft entsteht dann das Problem, wenn die Betroffenen sich nicht gleich äußern. Sie sind dann geknickt, fühlen sich nicht richtig wahrgenommen und verlassen vielleicht sogar die Gruppe.“

So können Sie helfen

Die LN-Leser-Aktion „Hilfe im Advent“ macht sich in diesem Jahr für ehrenamtliche Projekte stark, die sich für das Miteinander einsetzen und Menschen helfen, einen Weg aus der Einsamkeit zu finden. Die Spendensammlung der LN und der Sparkasse Südholstein findet unter dem Motto „Gemeinsam gegen einsam“ statt. Mit Hilfe der Lübecker Freiwilligenagentur ePunkt stellen wir Ideen und Projekte vor, die sich uneigennützig dafür stark machen, dass sich einsame Menschen wieder eingebunden fühlen und wieder Freude am Leben haben. Der ePunkt sammelt die Spenden der LN-Leserinnen und -Leser und gibt sie dann an die Ehrenamtlichen weiter.

In Segeberg wird mit den Spenden die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KIS) unterstützt. Egal, ob es um ADHS, psychische Erkrankungen, verwaiste Eltern oder Blinde und Sehbehinderte geht: Die Kontaktstelle in Bad Segeberg bringt Menschen zusammen, damit sie nicht alleine sind, sondern sich gegenseitig unterstützen und helfen können. Mit ihren Experten hilft KIS Selbshilfegruppen bei der Gründung und bietet auch regelmäßig Seminare und Vorträge an. Mit den Spenden möchte KIS speziell etwas gegen Einsamkeit tun, die während der Corona-Krise bei vielen Menschen noch viel stärker geworden ist. Unter dem Motto „Rausgehen tut gut“ soll unter anderem ein fester Draußen-Treffpunkt in Bad Segeberg aufgebaut werden, für den noch wetterfeste Stühle benötigt werden. Zweimal im Monat sind dann alle Segeberger, die gern mit anderen Menschen in Kontakt kommen möchten, zu den offenen Treffen draußen eingeladen. Dort sollen Menschen ins Gespräch kommen, gerade auch, wenn es ihnen mal nicht so gut geht.

Hier können Sie spenden: Empfänger: ePunkt e.V. – Segeberg, Kontoinhaber: ePunkt e. V., IBAN: DE37 2305 1030 0511 3175 62, BIC: NOLADE21SHO, Bank: Sparkasse Südholstein, Verwendungszweck: „Spende: Hilfe im Advent“

Beitrag gegen Einsamkeit

Das wäre natürlich die schlimmste Folge, denn Selbsthilfegruppen erfüllen einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen die Einsamkeit. Dabei muss Einsamkeit gar nicht immer bedeuten, dass jemand als Mensch alleine ist. Manchmal ist er nur mit seinem „Thema“ alleine. „Wenn es zum Beispiel um Depressionen geht, haben Partner und Freunde nicht immer Verständnis. Viele können das nicht verstehen, wenn jemand die ganze Zeit schlecht drauf und träge ist und alles absagt. Und viele möchten auch nicht mit Freunden darüber reden, denn dann erfährt am Ende plötzlich jemand anderes davon, der oder die das gar nicht wissen sollte“, sagt Goltschnig. Selbsthilfe sei da anders. „Hier erfahre ich Verständnis und habe die Sicherheit, dass alles anonym ist.“

Home@Metropolregion – der Newsletter für Segeberg, Stormarn, Lauenburg und Hamburg

Alles, was die Region umtreibt – jeden Montag gegen 18 Uhr in Ihr Postfach. Hier anmelden für den kostenlosen Newsletter!

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Selbsthilfe ersetzt keine Therapie

Es gibt jedoch auch Grenzen der Selbsthilfe. „Jeder soll die Gruppe so verlassen, dass er zu Hause auch klar kommt“, sagt Goltschnig, denn klar sei, dass Selbsthilfe immer nur eine Ergänzung sei. „Wir dürfen nicht vergessen, wir sind keine Therapeuten oder Psychologen“, sagt Goltschnig. Sabine Ivert-Klinke von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KIS) rät Selbsthilfegruppen deshalb auch immer noch mal zu einer Abschlussrunde zum Ende eines Treffens. „Vielleicht ist jemand dabei, der sich bisher nicht getraut hat zwischendurch etwas zu sagen, sondern das in sich reingefressen hat. So kann er oder sie das noch loswerden und nimmt es nicht mit nach Hause“, sagt Ivert-Klinke.

Erleichterung für Betroffene

Denn in aller Regel ist der Besuch eines der Treffen eine sehr positive Erfahrung. „Oft sagen Menschen, dass es ihnen schwer gefallen ist zu kommen. Sie gehen dann aber sehr erleichtert nach Hause, weil sie wissen, dass sie nicht alleine sind“, sagt Goltschnig, die das Gefühl kennt, denn sie war selber jahrelang in einer Selbsthilfegruppe für Borderliner und hat eine Suchttherapie gemacht. Mit Erfolg. Die 41-Jährige: „Als ich dann wieder fester auf den Beinen stand, habe ich von dem Projekt der Ingangsetzer erfahren und die Fortbildung gemacht.“

Von Sven Wehde