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Segeberg Hitze setzt der Natur immer stärker zu
Lokales Segeberg Hitze setzt der Natur immer stärker zu
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08:09 25.07.2018
Wasserschwund: Der ansonsten schmale Sandstreifen am Ufer des Ihlsee-Strandbads hat sich auf mehrere Meter verbreitert. Quelle: Foto: Wilkening
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Bad Segeberg

Auf dem Luftbild des Piloten Karsten Wilkening ist gut zu erkennen, wie stark der Wasserspiegel des Ihlsees im Lauf der vergangenen Wochen gesunken ist. Einen so breiten Sandstrand dürften Badegäste an dem Gewässer seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Für das sensible Ökosystem des nährstoffarmen Ihlsees ist der niedrige Wasserstand aber kein Problem, sogar im Gegenteil. Die seltene Wasser-Lobelie, für die der See bekannt ist, blüht wie lange nicht mehr, sagt Biologe Thomas Behrends von der Landesstelle Wasser des Naturschutzbundes (Nabu) in Schleswig-Holstein. „Eine Anwohnerin hat mir berichtet, in diesem Jahr schon mehr als 30 Lobelien von ihrem Grundstück aus gezählt zu haben. Im vergangenen Jahr seien es höchstens fünf gewesen.“ Flaches Wasser rege die Pflanze zum Blühen an. Das wiederum erhöhe die Samenproduktion und sichere die Population.

Andauernde Hitze und Trockenheit haben auf viele Ökosysteme im Kreis Segeberg teils dramatische Auswirkungen. Experten sorgen sich zum Beispiel um die gefährdete Bachmuscheln und Schmetterlinge. Dem Ihlsee tut die Wetterlage hingegen überraschend gut.

Montags Ruhetag

Das Strandbad Ihlsee ist für reguläre Badegäste künftig montags geschlossen. Zur Entlastung der Personals sei der Montag als Ruhetag eingeführt worden, teilte der Förderverein Ihlsee-Strandbad mit. Die Regelung gilt nicht führ Jahreskarten-Inhaber, die das Strandbad weiterhin auch an Montagen nutzen können.

Mehr gute Nachrichten aus der Natur hat Behrends leider nicht zu vermelden. „In vielen Ökosystemen ist die Lage wirklich nur als dramatisch zu bezeichnen“. Während die Tiere in vielen Seen die hohen Temperaturen verhältnismäßig gut wegstecken, weil sie sich einfach in tieferes, kühleres Wasser verkrümeln, haben ihre Verwandten in Teichen, Flüssen und Bächen diesen Ausweg nicht. Große Sorgen machen sich die Naturschützer derzeit zum Beispiel um die vom Aussterben bedrohte Bachmuschel, die vor allen in dem Travebogen zwischen Schackendorf und Klein Rönnau existiert. „Diesen Muscheln geht es im Moment wirklich sehr, sehr schlecht“, sagt Behrends. Der Fluss führe wenig Wasser und habe sich wegen ausbleibenden Regens und großer Wärme in den vergangenen Wochen stark aufgeheizt. Fatal für die Flussfauna, die auf kühles, frisches Wasser angewiesen ist.

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Nicht viel besser geht es Bewohnern von Tümpeln und Bächen. „Viele Tümpel, aber auch Waldbäche und -Quellen sind mittlerweile ausgetrocknet.“ Das sei an sich zwar nicht schlimm, komme in trockenen Sommern durchaus vor. Problematisch werde es aber dann, wenn Lurche und Amphibien auch in der Nähe keine feuchten Stellen mehr finden, in die sie sich zurückziehen können. Aber solche Ecken seien für die Tiere derzeit immer schwieriger zu erreichen.

Und auch Landbewohner haben ihre Not – zum Beispiel in der Barker Heide, die inzwischen so staubtrocken wie eine Wüste sei, hat Behrends festgestellt. Heidebewohner schätzen Trockenheit zwar. In diesem Jahr sei sie aber zu extrem. „Wir müssen vor allem bei einigen Schmetterlingsarten in diesem Jahr mit lokalen Aussterbeereignissen rechen“, prognostiziert der Biologe. Von Insektenkundlern wisse er, dass einige für die Gegend typische Tagfalterarten schon gar nicht mehr vorkämen.

Zwar werde sich die Natur im Laufe der Zeit erholen. „Nach extremen Wetterereignissen kann das aber bis zu zehn Jahre dauern, bis sich alle Arten neu angesiedelt haben“, erklärt Behrends. Isolierte Ökosysteme, zum Beispiel Teiche und Tümpel auf weitläufigen Ackerflächen, könnten aber auch irreparabel geschädigt werden, weil eine Neubesiedlung wegen ihrer Lage nicht stattfinden könne. Unterm Strich: „Wir brauchen dringend Regen.“

Immerhin: Eine echte Wasserknappheit ist in der Region aber nicht zu befürchten, beruhigt Stephan Wulf von der Unteren Wasserbehörde des Kreises. Zwar seien die Grundwasserspiegel gesunken, „aber das in einem im Sommer üblichen Rahmen“. Auch die wegen der Trockenheit erhöhte Wasserentnahme aus Gartenbrunnen habe die Lage noch nicht verschärft, Berichte über trockenfallende Brunnen gebe es bislang ebenfalls nicht.

An der Badewasser-Qualität gebe es laut Kreis zurzeit ebenfalls nichts zu beanstanden. Eine erhöhte Blaualgen-Konzentration sei noch nirgendwo aufgetreten.

Kreiswehrführer Nero: Feuerwehr ist Lage gewachsen

Die Feuerwehren im Kreis werden derzeit bis an die Belastungsgrenze getrieben. Teils mehrmals am Tag müssen sie wegen der andauernden Trockenheit zu Flächenbränden ausrücken. Kreiswehrführer Jörg Nero will von einer Überforderung seiner Kolleginnen und Kollegen bislang aber nicht sprechen. „Es ist im Moment sehr viel zu tun, ja. Aber das ist unsere Aufgabe. Ich habe jedenfalls noch von keinem gehört, der gesagt hat, er könne nicht mehr“, stellt Segebergs oberster Feuerwehrmann klar. Auf einer Seite sei auch Entspannung in Sicht: Die Ernte dürfte im Kreis bereits Ende dieser Woche weitestgehend abgeschlossen sein, mit Äckerbränden sei dann weniger zu rechnen. „Wenn die Trockenheit andauert, bleibt die Lage an Wald-, Wiesen- und Moorflächen aber natürlich weiter heikel“, sagt Nero.

Regen wäre einerseits zwar eine Erleichterung. „Wahrscheinlich kommt er dann aber gleich wieder in Sturzbächen runter und wir müssen Keller leerpumpen.“  ov

Oliver Vogt

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