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Segeberg Leben im Zwischenraum
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14:58 08.12.2018
Sabine Clausen aus Wahlstedt begleitet Schwerkranke auf dem letzten Lebensweg. Quelle: Irene Burow
Bornhöved

 Humor ist nicht pietätlos. Das kann man nachlesen, wenn man sich mit dem Thema Tod beschäftigt. Weil sie sehr erkältet ist, trägt die Hospizbegleiterin Sabine Clausen zuerst einen Mundschutz, als sie sich an das Bett von Tina (Name geändert) setzt. „Nicht, dass ich dich noch umbringe.“ Beide müssen lachen und umarmen sich freundschaftlich. Nein, eine Erkältung, das muss nicht auch noch sein. Denn Tina, die 48-Jährige, wird bald sterben – das ist gewiss.

Therapie brachte nicht den gewünschten Erfolg

Sabine Clausen kann sich diesen Humor erlauben, denn seit zehn Monaten begleitet sie Tina auf ihrem letzten Weg. „Das ist schon mehr als ,Guten Tag und Guten Weg’“, sagt Clausen nachdenklich. Sie gibt Halt, wo kein Halt mehr ist. Vor zwei Jahren wird bei Tina Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Nur Tage später wird der Tumor damals großzügig entfernt. Eine monatelange Strahlentherapie folgt. Eine Computertomographie bringt jedoch die Gewissheit, dass der gewünschte Erfolg ausbleibt. „Ich ahnte es schon bei der Diagnose“, sagt Tina leise. „Man weiß es einfach.“

Ein zweiter Arzt spricht dann deutlich aus, was mit dem Körper passieren wird. Ihre Blase wird angegriffen, die Nieren arbeiten nicht mehr wie üblich. Der Tumor breitet sich aus. Sie wird innerlich verbluten. Äußerlich nimmt man wenig davon wahr. Ihre Haut sieht geschmeidig aus, die Fingernägel gepflegt. Sie spricht langsam, aber klar, als wollte sie die Worte noch einmal abwägen. Sie hat viel Gewicht verloren, die Knochen treten hervor. „Ich sehe aus wie ein Häftling“, sagt sie. Angst vor dem Tod hat sie nicht. „Aber vielleicht kommt das noch, wenn es mir schlechter geht. Ich glaube nicht, dass dann alles zu Ende ist. Ich glaube, unser Leben ist nur ein Zwischenraum. Da kommt noch mehr hinterher.“

Hilfe im Advent

Die Spendenaktion „Hilfe im Advent“ der Lübecker Nachrichten in Kooperation mit der Sparkasse Südholstein kommt in diesem Jahr dem Hospizverein Segeberg zugute.

Sterben, Tod und Trauer - das sind Themen, die uns extrem fordern, nicht selten überfordern. Der Hospizverein Segeberg unterstützt seit 25 Jahren Menschen in solch schwierigen Lebenssituationen. Ehrenamtliche Helfer begleiten schwerkranke und sterbende Menschen, und sie kümmern sich um Angehörige. Sie hören zu, führen Gespräche, sind „einfach da“ oder bieten eine ruhige Hand am Sterbebett. Ziel der Ehrenamtlichen ist es, jedem Menschen eine den eigenen Bedürfnissen entsprechende letzte Lebenszeit und ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Darüber hinaus ist es dem Verein ein Anliegen, die häufig tabuisierten Themen Sterben, Tod und Trauer an die Öffentlichkeit zu bringen und Menschen dadurch Ängste zu nehmen.

Liebe Leserinnen und Leser, bitte unterstützen Sie diese wertvolle Arbeit des Hospizvereins und das Engagement der Ehrenamtlichen. Bitte spenden Sie für „Hilfe im Advent“.

Das Spendenkonto:

Hospizverein Segeberg e.V.

Sparkasse Südholstein

IBAN: DE94 2305 1030 0015 0888 83

SWIFT-BIC: NOLADE21SHO

Der aktuelle Spendenstand:

2095

Mit inzwischen zwei Jahren, immerhin, bleibt ihr etwas mehr Zeit als manch anderem, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. „Man wird sofort ausgebremst, ob man will oder nicht“, erinnert sie sich. Sie verlässt ihre Wohnung in Bad Segeberg. In den fünften Stock schafft sie es bald nicht mehr. Sie möchte in ein Hospiz nach Kiel, denn in Bad Segeberg gibt es keines. Der tragische Zufall will es so, dass ein naher Angehöriger nur Wochen vorher stirbt. Die Mutter nimmt Tina zu sich. „Ich war so froh darüber“, sagt Sterbebegleiterin Sabine Clausen. Aus Erfahrung weiß sie, wie wichtig die eigenen vier Wände sind. „Hospize sind klasse heutzutage. Aber Familie ist eben Familie.“

Und dann ist da noch sie. Unbeschwert und ohne Scheu geht sie auf Tina zu. Spricht offen aus, was gesagt werden muss. „Da ist immer jemand. Jederzeit. Ich kann immer anrufen“, sagt Tina. „Und sie streicht einfach über meine Glatze“, witzelt sie. Es bringe ja nichts, immer nur traurig zu sein, meint die Ehrenamtlerin an ihrem Bett. „Ich nehme die Menschen immer mit nach Hause, sie sind immer hier“, sagt sie, und legt ihre Hand auf ihr Herz.

Hilfe ist nicht selbstverständlich

Die langjährige Hospizbegleiterin kommt vor vielen Jahren mit der Arbeit in Berührung. Sie ist Ersthelferin bei einem Verkehrsunfall, zwei Menschen sterben vor ihren Augen. Die Wahlstedterin kann es nur schwer verkraften. Ihr ergeht es danach ähnlich, wie den Betroffenen, die sie seit 2005 begleitet. „Sie rutschen automatisch in die Depression“, sagt sie. „Todkranke müssen aufgefangen werden“, sagt sie beinahe verärgert. Hilfe ist nicht selbstverständlich: „Es wäre so wichtig, dass sie nach so einer Diagnose nahtlos von Medizinern psychologisch betreut werden. Das sind Menschen, die bitten nicht um Hilfe.“ Doch die Medizin verlasse sich auf solche Vereine, wie den Hospizverein.

Die Ehrenamtlichen stellen sich dem Thema mutig, gemeinsam mit den Betroffenen. Denn das unmittelbare Umfeld leidet unweigerlich mit, eher noch mehr als der Kranke selbst. Auch in diesem Wohnzimmer ist das spürbar. Welche Worte soll man finden für das Unausweichliche? Verabschiedet man sich, und wenn ja, wie? „,Wie geht es dir?’, das ist wirklich etwas, das kein Krebskranker hören möchte“, sagt Clausen. Auch sie weiß nie, ob sie Tina das letzte Mal sieht. Sie sagt dann immer: „Mach deine Sache gut.“

Tinas Mutter hofft, dass sie noch ein gemeinsames Weihnachten erleben. „Wir haben einmal weinend in der Küche gesessen“, erzählt sie leise. „Ich habe ihr gesagt, dass sie doch nicht vor mir gehen kann.“ Ihre Tochter antwortet ihr noch einmal. „Jeder muss irgendwann gehen. Und ich gehe eben etwas früher.“ Einige Freunde haben sich verabschiedet. Das hat sie wahrgenommen, obwohl sie vor ein paar Tagen schon keinen Hunger mehr hatte. „Sie halten sich lange“, sagt Tina. „Sie zeigen Stärke. Weil ich selbst auch immer Stärke gezeigt habe.“

Hospizarbeit/Segeberg

Seit Jahren steht die Sparkasse Südholstein den Lübecker Nachrichten bei der Aktion „Hilfe im Advent“ zur Seite. So auch derzeit. Neben der Finanzierung der Flyer, die durch das Geldinstitut übernommen wird, übergab Bad Segebergs Sparkassen-Filialleiter Kai Gräper dem Hospizverein ein Weihnachtsgeschenk in Form einer 250-Euro-Spende: „Ich ziehe meinen Hut vor der Arbeit der Ehrenamtler.“ Gräper hob noch einmal die Wichtigkeit der Hospizarbeit im Kreis Segeberg hervor. Mit der LN-Aktion rücke ein sensibles Thema in den Blickpunkt, ohne, dass damit reißerisch umgegangen wird, ergänzte Vereinsvorsitzender Dr. Dieter Freese.

Irene Burow

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