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Segeberg Impfzentrum Wahlstedt: Hochbetagte warten über Stunden auf Corona-Schutz
Lokales Segeberg

Impfzentrum Wahlstedt: Hochbetagte Senioren stehen Schlange für Moderna

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20:51 16.03.2021
Schlange stehen für den Pik: Am Impfzentrum in Wahlstedt warten Moderna-Impflinge.
Schlange stehen für den Pik: Am Impfzentrum in Wahlstedt warten Moderna-Impflinge. Quelle: Heike Hiltrop
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Wahlstedt

Der Gartenweg ist zugeparkt. Nichts geht mehr. Am Impfzentrum Wahlstedt in einer der Tennishallen stehen die Senioren in einer langen Schlange an. Manche, die es mit Mühe und ihren Angehörigen im Rollstuhl oder am Rollator die steile Rampe hinunter geschafft haben, sind erleichtert. Hochbetagte harren bei Wind und Regen aus. Einigen fällt das lange Stehen schwer. Ihnen müssen Stühle gebracht werden. Für den kleinen Piks, der die Hoffnung auf mehr Sicherheit im Kampf gegen das Coronavirus bringt, heißt es über Stunden warten.

Menschenverachtende Situation

Es ist Nachmittag. Da wird in Wahlstedt das Präparat von Moderna – in Kaltenkirchen und Norderstedt Pfizer/Biontech – für die erste Prioritätsgruppe verimpft. In der langen Reihe steht auch Peter Kurt Würzbach. Der 83-jährige Klein Rönnauer und frühere CDU-Bundestagsabgeordnete kann die Situation kaum fassen: „Es war nun wirklich ausreichend Zeit, zur Vorbereitung dieses Impfzentrums. Was sich dort aber zutrug, war menschenverachtend in höchster Form“, fasst er in einem offenen Brief an Ministerpräsident Daniel Günther zusammen.

Der frühere Bundestagsabgeordnete Peter Kurt Würzbach (CDU) kritisiert Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) scharf: Quelle: Petra Dreu

„Über weit mehr als eine volle Stunde standen mit mir circa 100 Menschen – alle über 80 Jahre alt (!) bei sieben Grad und teilweise strömendem Regen ohne Schutz im Freien“, wähnt er etliche mit einer anschließenden Erkältung im Bett. Und als er etwa zweieinhalb Stunden nach dem eigentlichen Termin geimpft ist, hätten erneut so viele Menschen im Freien gestanden. „Ihr Gesundheitsminister ist dieser Herausforderung in keiner Form gewachsen“, kritisiert Würzbach Heiner Garg (FDP) scharf und ergänzt: „Ich verstehe den Zorn der Bürger auf die Politik.“

Die Gruppe der Priorität zwei

Der seit Montagmittag vorerst gestoppte Impfstoff von Astrazeneca wurde bisher an die Gruppe der Priorität zwei verimpft. Dazu zählen Personen im Alter zwischen 70 und 79 Jahren, Demenzkranke sowie Transplantationspatienten, Bewohner und Mitarbeiter in Obdachlosen- und Asylunterkünften sowie je zwei Kontaktpersonen eines Pflegebedürftigen, der nicht im Heimen lebt, und Schwangeren. Auch Mitarbeiter in Grund- und Förderschulen, Kitas und Tagespflegeeinrichtungen zählen dazu. Ebenso in der Gruppe zwei sind Menschen mit hohem Infektionsrisiko oder Vorerkrankungen, etwa bestimmte Krebspatienten, Personen mit schwerer chronischer Leber-, Lungen oder Nierenerkrankung, Diabetes, Fettleibigkeit, geistiger Behinderung oder psychischen Erkrankungen.

Zuständig für die Koordination sind Land und Kreis. Tabea Ketzner, Impfzentrenkoordinatorin beim Kreis Segeberg, bedauert es sehr, dass es zu unverhältnismäßig langen Wartezeiten gekommen sei und „dass die Menschen in der Kälte im Nieselregen so lange ausharren mussten“. Maßgeblicher Grund sei ein technisches Problem seitens des Landes, das zu einer Überbuchung geführt hatte. Es seien mehr Termine vergeben worden, als eigentlich vorgesehen. Hinzu gekommen sei, dass es in Wahlstedt der erste Öffnungstag für Über-80-Jährige war, es sich also um ein neues, anderes Klientel gehandelt hat und das Team vor Ort auch teilweise erstmals im Einsatz war. „Da kam also leider einiges zusammen“, sagte Ketzner und versichert, dass nun alles gut laufe.

Lange Wartezeit trotz Termin: Am Impfzentrum in Wahlstedt wurde bis Montagvormittag Astrazeneca und am Nachmittag Moderna verimpft. Nun sind alle Astrazeneca-Termine abgesagt Quelle: Heike Hiltrop

Zusammenhang mit Hirnblutungen wird geprüft

So wie am Montagvormittag noch: „Das hat reibungslos geklappt. Eine sehr gute Organisation“, fasst Peter Meerpahl aus Schönmoor zusammen. Allerdings gehört der 71-Jährige zu den letzten, die vor der Aussetzung der Impftermine mit einer Dosis Astrazeneca gegen das Coronavirus geschützt wurden. Das ist, wie berichtet, zunächst vorbei. Deutschland hat seit Montagmittag vorläufig die betreffenden Corona-Schutzimpfungen gestoppt, weil es Berichte über zum Teil lebensbedrohlich Thrombosen gab, die eine Nebenwirkung des Präparats sein könnten. Gewissheit gibt es darüber aber noch nicht.

Angst vor Corona größer als die vor Nebenwirkungen

„Das beunruhigt mich überhaupt nicht und ich würde auch heute sofort wieder zum Impfen mit Astrazeneca gehen“, betont Peter Meerpahl und macht damit deutlich, dass nicht nur die Europäische Arzneimittel-Agentur, EMA, sondern aus seiner Sicht viele Menschen den Nutzen höher als die Risiken einschätzen würden. „Die Leute fallen doch nicht tot um. Das, was passieren kann, kennt man von jeder Tablette, wenn man sich den Waschzettel durchliest. Ich habe viel mehr Angst davor, mich mit Corona anzustecken.“ Er befürchte jedoch, dass nun viele einen Rückzieher und lieber nicht mit dem Vakzin geimpft werden wollen.

E-Mail vom Land an die Impflinge

Einen Tag nach Aussetzten der Astrazeneca-Impfung gab es Dienstagmittag E-Mails an diejenigen, die bereits eine Immunisierung bekommen haben oder deren Termin ausgesetzt ist. 11 520 Termine wurden bis Freitag abgesagt. Personen, die den Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca erhalten haben und sich zwischen dem vierten und 14. Tag nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen (beispielsweise Kopfschmerzen und punktförmige Hautblutungen) sollten sich in ärztliche Behandlung begeben. Denn eine Thrombose sei ein zwar „seltenes aber schwerwiegendes Ereignis“, heißt es weiter. Falls Zweit-Impftermine nicht wie geplant durchgeführt werden, wolle das Land Betroffene erneut anschreiben.

„Ich wäre lieber geimpft“, betont auch Dagmar Schmidt zur Nedden. Um 14.45 hatte ihr Mann seinen Moderna-Impftermin. „Um 17.30 Uhr waren wir erst wieder zu Hause, so lange hat das gedauert“, kritisiert auch die 76-Jährige, die in dieser Woche ihren Astrazeneca-Termin gehabt hätte. „Der fällt ja nun aus“, bedauert sie. „Das ist für mich alles Panikmacherei. Ein paar Thrombose-Fälle bei über eineinhalb Millionen Impfungen das ist doch verschwindend gering im Vergleich zum Corona-Tod, mit dem gespielt wird. Ich vertraue den Studien.“ Wenn jemand käme und ihr sagen würde, die Astrazeneca-Dosis gebe es nur auf eigene Gefahr, „dann würde ich das sofort machen. Alle, die freiwillig mit Astrazeneca geimpft werden wollen, sollten auch die Möglichkeit bekommen.“

Erst stehe die Impfpflicht zur Debatte, nun werde den Menschen der Impfstoff vorenthalten, bedauert Gerda Ehlers (75). Sie hat am Sonntag ihre erste Astrazeneca-Dosis bekommen. „Ich bin einfach nur froh.“ Es gehe ihr bisher sehr gut und sie verspüre keinerlei Nebenwirkungen, so die Seniorin. „Aber wie wird es denn mit meinem Zweitimpfung im Juni?“, frag sie sich.

Von Heike Hiltrop