Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Jüdisches Leben direkt in in unserer Stadt
Lokales Segeberg Jüdisches Leben direkt in in unserer Stadt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:24 25.09.2015
Welche Süßigkeiten essen strenggläubige Juden nicht? Burgfeld-Schüler diskutieren mit ihrer Geschichtslehrerin Nina Liekfeldt (l.).
Welche Süßigkeiten essen strenggläubige Juden nicht? Burgfeld-Schüler diskutieren mit ihrer Geschichtslehrerin Nina Liekfeldt (l.). Quelle: ark
Anzeige
Bad Segeberg

Welcher Segeberger weiß schon, dass die Villa Flath einst ein jüdisches Kinderheim war, geleitet von der Erzieherin Sidonie Werner? Und wer weiß

schon, dass Gertrud Katzenstein, die Nachfolgerin von Sidonie Werner, 1942 im KZ Theresienstadt umgebracht wurde? Das Kinderheim hatten sich die Segeberger Nazis bereits 1936 unter den Nagel gerissen.

Die 125 Schüler aus fünf Klassen der Schule am Burgfeld wissen um die lokale Geschichte der Juden nun ganz genau Bescheid, denn gestern Vormittag hatten sie das Ausstellungsteam des Jüdischen Museums Berlin zu Gast. Und diese jungen Historiker hatten nicht nur viel Wissenswertes und interessante Ausstellungsstücke zur jüdischen Geschichte und zum Alltagsleben von Juden mitgebracht, sondern sie hatten für die Schüler auch die 200-jährige jüdische Kultur in Bad Segeberg aufgearbeitet. Dies wurde von den Schülern in einem eignen Workshop nachvollzogen — und da kamen Dinge zur Sprache wie das Kinderheim in der Bismarckallee oder die Tatsache, dass der jüdische Kaufmann Jean Labowsky einer der maßgeblichen Wiederbegründer des FC Holstein 08 war.

Von den Stolpersteinen wurde gesprochen, die überall in der Stadt an die ermordeten Juden erinnern, und auch davon, dass mit der Neugründung der jüdischen Gemeinde im Jahr 2002 eine Tradition in Bad Segeberg wieder lebendig wurde, nicht zuletzt seit aus der Lohmühle an der Eutiner Straße „Mischkan Ha Tzaton“ wurde, die Synagoge des Nordens und gleichzeitig die erste nach 1945 in Deutschland erbaute Synagoge.

Gläubige Juden klopfen nicht auf Holz, hängen sich keine Hufeisen über die Tür und heben auch keine vierblättrigen Kleeblätter auf. Derlei Details, aber auch Informationen, welche Süßigkeiten gläubige Jungen und Mädchen in Israel meiden (weil Schweinefett darin enthalten ist) oder wie es zur Kippa, der traditionellen Kopfbedeckung kam — alle diese Dinge gehören zur allgemeinen mobilen Ausstellung aus Berlin.

Das Ausstellungsteam des Jüdischen Museums zieht durch Gymnasien und andere weiterführende Schulen in Hamburg und Schleswig-Holstein, war am Tag zuvor in einem Gymnasium in Kronshagen und am Dienstag in der Bramstedter Jürgen-Fuhlendorf-Schule zu Gast. Nina Liekfeldt, Fachleitung Geschichte der Schule am Burgfeld, hatte das Thema mit den Klassen 8 b, 10 b, 10 c, 10 d und 12 vorbereitet. Die Schüler waren selbst auf die Idee gekommen, ein Video zu drehen und sich damit erfolgreich beim Jüdischen Museum Berlin um eine Teilnahme zu bewerben.

Stolpersteine
Vier goldene Quadrate aus Stein, zehn mal zehn Zentimeter groß, die Oberseite mit einer eingelassenen Messingtafel, die Namen und Sterbedaten der von Nazis ermordeten Juden zeigt:
Über 28 000 dieser Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig bisher in Deutschland verlegt. In Bad Segeberg gibt es an unterschiedlichen Orten Stolpersteine für Friederike Levy, Melanie Annuschat, Leopold Bornstein, Frieda Epstein, Gertrud Katzenstein, Cäcilie Heilbronn sowie Familie Steinhof mit den Eltern Dina und Moritz und den Töchtern Paula und Selma.

Lothar Hermann Kullack