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Segeberg Junges Phänomen wächst im Kreis Segeberg: Lebensmittel teilen
Lokales Segeberg Junges Phänomen wächst im Kreis Segeberg: Lebensmittel teilen
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14:01 29.07.2019
„Essen gehört nicht in die Tonne“: Kleingärtner Ingo Koch gibt angebautes Gemüse ab. Quelle: Irene Burow
Segeberg

Kirschen zum Selberpflücken, Paprika zu verschenken, Apfelmus vor der Haustür: Zugegeben, ganz einfach ist das nicht. Diese Sache mit dem Lebensmittelretten. Das spüren auch die Anhänger dieses noch recht jungen Phänomens, die sich in entsprechenden Gruppen vernetzen.

Im Kreis Segeberg sind Foodsharing-Initiativen erst seit kurzer Zeit aktiv. Doch es gibt Leute, die auch im ländlichen Raum probieren wollen, was in Großstädten schon etabliert ist: Lebensmittel teilen, statt zu vergeuden. Die Idee ist einfach: Wer etwas übrig hat, bietet es an. Wer etwas sucht, fragt nach.

Regeln für Foodsharing

Überflüssige Lebensmittel werden kostenlos weitergegeben. Auch ein Tausch ist möglich. Wer sich vernetzt hat, nennt Nahrungsmittel, Menge, Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) und den Ort der Abholung. Es wird empfohlen, Adressen nur als private Nachricht zu versenden. Bewährt hat sich das Prinzip „wer zuerst kommt, malt zuerst“.

„Wichtig ist auch, ob Verpackungen schon geöffnet sind“, erklärt Marlene Hoffmann. Sei das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten, sei es jedem selbst überlassen Nahrungsmittel einzustellen oder abzuholen. „Da muss jeder etwas mitdenken.“ Haltbare Waren würden sich besser eignen.

Für sie als Moderatorin so einer Gruppe sei es manchmal schwer, eine Grenze zu ziehen. Wird Futter für Tiere angeboten, lässt sie es noch durchgehen. Duschgel sei auch noch in Ordnung. „Im Zweifel immer fragen. Man muss aber etwas darauf achten, dass es nicht zu einer Flohmarktgruppe wird.“

Initiative schwappt aus Städten ins Umland

Marlene Hoffmann moderiert eine Foodsharing-Gruppe. Quelle: Marlene Hoffmann/hfr

Marlene Hoffmann ist eine von ihnen. „Ich habe das Prinzip in meiner Studentenzeit in Hamburg und Lübeck gesehen und war ganz begeistert“, sagt die 29-Jährige. „Als Student schaut man erst recht, wo man sparen kann.“

Sie wohnte in Kaltenkirchen, nach Hamburg war es zu weit. „Das widerspricht der Logik“, sagt sie. Vor Jahren gründete sie daher eine Foodsharing-Gruppe in Norderstedt und verbreitete die Idee aktiv über den Hamburger Rand hinaus. Das Netzwerk für Norderstedt, Kaltenkirchen, Henstedt-Ulzburg und Umgebung habe großen Anklang gefunden.

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Nach ihrem Umzug nach Bad Segeberg zog die Idee mit um: „Foodsharing/Lebensmittel verschenken Bad Segeberg“ heißt die Gruppe auf Facebook, die inzwischen 350 Mitglieder zählt.

„Es läuft etwas langsamer an“, sagt sie. „Die Leute erwarten Entertainment. Dabei sind sie es, die aktiv werden müssen.“ Jüngst waren hier haltbare Müsli-Packungen, Babybrei oder Konserven im Angebot. Doch es braucht mehr als die Idee: Das Teilen organisieren, auf andere zugehen, Hemmschwellen überwinden.

Die Ernte geteilter Setzlinge: Zucchini aus dem Kleingarten. Quelle: Ingo Koch

Es gibt einige gute Beispiele. Die Segeberger machen es vor: In einer anderen Gruppe zum selben Thema herrscht lebhafter Betrieb. Ingo Koch (54) hat Zucchini aus seinem Kleingarten in der Bad Segeberger Kolonie Am Stipsdorfer Weg abgegeben. „Vor Monaten habe ich nach Setzlingen gefragt. Das Ergebnis habe ich teilweise verschenkt – wie versprochen“, erzählt er.

„Ich fand es schon immer schlimm, Essen zu vergeuden. Ich koche selbst, verwerte alles. Lebensmittel gehören nicht in die Tonne.“ Weitere Vorteile an dem Prinzip: Man könne anderen eine Freude machen. „Im Garten weiß man außerdem, wie viel Arbeit das macht. Demut und Respekt vor der Natur, speziell vor Tieren, das hat manch einer heute völlig verloren.“

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In Deutschland seien Lebensmittel sehr günstig. „In vielen anderen Ländern ist diese Masse und Vielfalt so nicht vorhanden. Bei uns ist alles ständig verfügbar, für kleines Geld. Hauptsache billig.“ Oft werde zu viel gekauft – „Ein Effekt davon, dass es so billig ist.“

Pflanzen, Tee und Früchte

Es gibt weitere Foodsharing-Beispiele im Kreis Segeberg: Töpfe mit Pfefferminze und Oregano, die in Bad Segeberg am Straßenrand standen, ein Sammelsurium an Teesorten in Fahrenkrug, junge Paprikapflanzen in Trappenkamp oder fehlgekaufter Kaffee in Bad Segeberg, Tausch von Salatgurken oder selbst gemachte Hagebutten-Marmelade – mit Früchten von anderswo.

„Jeder schmeißt Sachen weg. Wirklich jeder“, sagt Marlene Hoffmann. „Dabei ist es so einfach.“ Sie selbst räumt alle paar Monate ihre Vorräte auf und bietet an, was nicht gebraucht wird. Das Schokomüsli etwa, oder verschlossene Süßigkeiten. Bei anderen Lebensmitteln, wie Quark oder Käse, wird es schon kniffliger.

Ein Kühlschrank für alle wäre toll, findet Ingo Koch. „Aber wo? Und wer kümmert sich?“ Spätestens da gehen die Probleme los. In Norderstedt habe das eine Zeit lang gut funktioniert, sagt Hoffmann. In einem alten Stromkästchen. Doch dann gab es Probleme mit der Kühlung, niemand kümmerte sich, der Versuch wurde beendet. Doch die Gruppen haben andere positive Effekte: Es entstehen Whatsapp-Gruppen, Debatten über Sammelrouten, Tauschgeschäfte – oder einfach Gespräche am Gartenzaun.

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