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02:25 27.02.2013
Heute liest für Sie: Silvie Domann

Zwei Jahre lang hat Philipp Möller als Lehrer-Quereinsteiger an Berliner Grundschulen unterrichtet. In seinem Buch „Isch geh Schulhof“ berichtet der Diplom-Pädagoge für Erwachsenenbildung von seinen Erfahrungen. Sie schockieren, berühren, bringen einen aber auch zum Schmunzeln und zum Lachen. Er erlebt einen Schulalltag wie ihn wohl viele Lehrer, nicht nur von Brennpunktschulen, kennen. Ein Alltag, der unter anderem auf Defizite im deutschen Schulwesen und in der Integrationspolitik zurückzuführen ist.

Der Großteil seiner Schüler kommt aus bildungsfernen Elternhäusern, häufig mit Migrationshintergrund. Entweder wird vernachlässigt oder geschlagen. Normale Umgangsregeln, wie Möller sie aus seiner Schulzeit kennt, sind bei vielen Schülern unbekannt. Die Umgangssprache ist so reduziert, dass der Autor anfangs Probleme hatte, die Mädchen und Jungen überhaupt zu verstehen. Und dass Herr Möller nicht mit Herr Mülla angeredet werden will, stößt bei den Kindern auf Unverständnis. Mühsam verschafft Möller sich Ruhe und Respekt, doch dieses eine Unterrichtsstunde durchzuhalten, geht an die Belastungsgrenze der meisten Schüler. Einige haben ADHS und ihre Pillen nicht genommen. Das sind Probleme, auf die ihn niemand vorbereitet hat. Anfangs stellt Möller bestürzt fest, dass viele seiner Schüler dem Lernziel soweit hinterherhinken, dass die Lerndefizite kaum auf weiterführenden Schulen zu beseitigen sein werden. Doch bald passt er sich seinen Kollegen an und freut sich über kleine Erfolge.

Da Möller seinen Schulalltag und seine Schüler locker beschreibt, fühlt sich der Leser sofort in den Unterricht hineinversetzt und nimmt an den Aktionen der kleinen Helden und Anti-Helden teil. Da passieren urkomische oder schöne Dinge, wie eine Stunde Vorlesen im Schulhof, aber auch ebenso schockierende Sachen, die berühren oder einen zum Verzweifeln bringen. Als Möller einmal von seinem Vater, ebenfalls Lehrer, abgeholt wird, bricht er in Tränen aus. Zu viel hat sich angesammelt. Gerade als er sich für den Schuldienst entschieden hat, um ein geregeltes Einkommen zu haben — er wird Vater — entscheidet der Berliner Senat, keine Verträge für Lehrerquereinsteiger zu verlängern. Und so beschließt er kurzerhand, seine Erlebnisse aufzuschreiben.

LN