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Segeberg Millionen-Zoff mit dem Wetterdienst
Lokales Segeberg Millionen-Zoff mit dem Wetterdienst
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20:10 18.09.2015
Das Wetterradar in Boostedt werde durch Windräder beeinträchtigt, befürchtet der Deutsche Wetterdienst. Quelle: Materne
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Wiemersdorf

Beinahe täglich rollen Schwerlasttransporte mit Teilen von Windkraftanlagen über die Straßen. Auch nach Gönnebek, Großenaspe und Wiemersdorf hätten längst 14 Anlagen geliefert werden können — wären die Bauanträge nach Einwänden des Deutschen Wetterdienstes (DWD) nicht abgelehnt worden. Zu Unrecht, ist Planer Dr. Hans-Günther Lüth überzeugt. Seit einem halben Jahr wartet er darauf, dass das Verwaltungsgericht Schleswig über den Fall entscheidet. Es geht um Millionen.

Dass über die abgelehnten Bauanträge für die geplanten Windräder in Großenaspe und Wiemersdorf noch in diesem Jahr entschieden wird, besteht kaum Hoffnung. Das Gericht verhandele noch Fälle aus 2013, heißt es aus der Pressestelle. Die Ablehnung der Gönnebeker Anlagen befindet sich noch im Widerspruchsverfahren. Geschäftsführer und Gönnebeker Bürgermeister Knut Hamann hofft noch auf ein positives Ende. Doch die Stellungnahme aus der Genehmigungsbehörde, dem Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume (LLUR), ist eindeutig: Über die Einwände des Wetterdienstes werde man sich nicht hinwegsetzen, sagte Sprecher Martin Schmidt.

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Der Kampf des DWD gegen Windkraftanlagen im 15-Kilometer-Umkreis seiner Wetterstationen wird deutschlandweit geführt. Die Einwände sind überall die gleichen, kurz zusammengefasst: Die empfindlichen Messgeräte würden durch die Windanlagen gestört, Unwetter könnten nicht zuverlässig erkannt werden.

Ja, die Windanlagen ragen in den unteren Bereich der Messanlagen hinein und tauchen auch in den Radarbildern auf, räumt Lüth ein. Trotzdem sei der DWD bisher den Beweis schuldig geblieben, dass dies auch ernsthafte Konsequenzen für die Unwettervorhersage hat, betont Lüth. Da Windräder an festen und bekannten Stellen stehen, wäre es dem DWD möglich, die Effekte der Anlagen aus seinen Daten herauszurechnen, sagt er. So sah es auch das Verwaltungsgericht Trier nach Gutachteranhörung: Der DWD verfüge über „zumutbare eigene Abhilfemöglichkeiten“, heißt es in der Urteilsbegründung. Durch Ausschluss der beeinflussten Daten lasse sich der Einfluss auf Unwetter- und Hagelerkennung deutlich reduzieren.

Der Bundesverband Windenergie jubelte schon und hoffte nach dem Urteil, „dass die Blockade von Energiewendeprojekten durch den Deutschen Wetterdienst bei der Windenergie künftig der Vergangenheit angehört“. Auf die Segeberger Anlagen hatte die Entscheidung bisher keinen Einfluss. Das Verfahren geht erstmal in die nächste Instanz. Und das LLUR bleibt bei seiner Haltung. Die Einwände des DWD erscheinen plausibel, sagt Sprecher Martin Schmidt. Daran änderten auch die zwei Gutachten nichts, die von Windparkseite in Auftrag gegeben wurden und zu anderen Ergebnissen kommen. Auch müsse man dem DWD nicht zumuten, die durch die Anlagen beeinflussten Daten herauszurechnen, so Schmidt.

Sollte der Wetterdienst seine Meinung also nicht ändern, sieht es schlecht aus für die sechs geplanten Gönnebeker Anlagen. Eine Klage wie im Fall Wiemersdorf/Großenaspe schließt Windparkgeschäftsführer Hamann derzeit aber aus, sollte der Widerspruch endgültig scheitern. Aus Kosten-, aber auch aus Zeitgründen. Bis zu einem endgültigen Gerichtsurteil könne es mehrere Jahre dauern. „Wie dann das EEG aussieht, weiß keiner“, so Hamann.

Von einer „Verhinderungstaktik“ seitens des DWD spricht deshalb auch Planer Lüth, der sich die Verhandlung in Trier angehört hat. Auf ein letztinstanzliches Urteil kann er eigentlich nicht warten.

Vier Millionen Euro seien von 82 Kommanditisten für den geplanten Windpark in Großenaspe mit acht Anlagen bereits eingesammelt worden. „Das Geld liegt auf Eis“, sagt Lüth. Noch sei aber kein Anleger abgesprungen. Insgesamt gehe es um ein Investitionsvolumen von 60 Millionen Euro.

Der Ingenieur hofft noch auf ein Einlenken des Wetterdienstes. „Wir würden dem DWD sogar helfen bei der Weiterentwicklung seiner Software“, sagt er. Doch erstmal wird der Konflikt weiter vor Gericht ausgetragen. In Düsseldorf habe jüngst ein Verfahren begonnen (siehe Info-Text), außerdem wird in München in einer ähnlichen Sache verhandelt. Auch Lüth wird wieder im Gerichtssaal sitzen.

Etappensieg für DWD
Eine fast 100 Meter hohe Anlage in Wülfrath könne das etwa elf Kilometer entfernte Wetterradar des Deutschen Wetterdienstes in Essen stören, befand das Verwaltungsgericht in Düsseldorf vergangene Woche. Das Gericht wies die Klage eines Windenergieunternehmens zurück, nachdem der Kreis keine Genehmigung erteilt hatte.



Die Richter befanden, der Rotor verursache Störsignale, die in der unmittelbaren Umgebung die Radarmessungen beeinträchtigen könnten. Dem DWD könne nicht aufgegeben werden, wegen dieser Störung seine Datenverarbeitung zu ändern. Dann könne beispielsweise vor kleinräumigen Wettererscheinungen wie Hagelschlag nicht mehr zuverlässig gewarnt werden.



Zuletzt hatte das Verwaltungsgericht in Trier allerdings eine Klage des DWD gegen drei geplante Windräder in der Eifel abgewiesen, obwohl die Anlagen die Radarmessungen stören könnten.

Nadine Materne