Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Kindesmissbrauch: Verteidigung will Prozess platzen lassen
Lokales Segeberg Kindesmissbrauch: Verteidigung will Prozess platzen lassen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:49 13.08.2019
"Ich bin unschuldig": Der Angeklagte (46), hier zwischen seinen Verteidigern  Mathias Huse (links) und Jacob Schwieger vor Prozessbeginn im Kieler Landgericht, Quelle: Thomas Geyer
Kiel/Kaltenkirchen

Der Prozessauftakt um schweren sexuellen Kindesmissbrauch durch den Ex-Leiter (46) einer Jugendeinrichtung endete am Mittwoch, bevor er richtig begonnen hatte: Nach massiven Vorwürfen der Verteidigung gegen die Staatsanwaltschaft stellte die Jugendstrafkammer des Kieler Landgerichts die Verlesung der Anklage zurück und vertagte sich auf den 19. August.

Die Rechtsanwälte wollen den medienträchtigen Prozess gegen den 46-jährigen Sozialpädagogen aus einem Dorf im Raum Kaltenkirchen (Kreis Segeberg) platzen lassen. Sie forderten gestern die Aussetzung des Verfahrens. Zur Abwehr der Kameras im Saal rüsteten sie ihren Mandanten vor dem Zutritt der Öffentlichkeit mit einem Aktendeckel mit dem Aufdruck „ICH BIN UNSCHULDIG“ aus.

Das Gericht wolle die Anträge der Verteidigung ohne Zeitdruck sorgfältig prüfen, teilte der Vorsitzende Stefan Becker nach kurzer Beratung mit. Der Richter ließ jedoch durchblicken, er rechne nach vorläufiger Einschätzung mit der Fortsetzung der Verhandlung. Die ursprünglich vorgesehene Verlesung der Vorwürfe wurde verschoben.

Verteidigung lehnte schon die Verlesung der Anklage ab

Nach Mitteilung einer Sprecherin des Landgerichts wirft die Anklage dem 46-jährigen Sozialpädagogen insgesamt 17 Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs im Tatzeitraum 2013 bis 2018 vor. Davon sollen 13 Fälle mit einem Eindringen in den Körper verbunden gewesen sein. Zwei weitere schwere Fälle wertet die Anklage als Vergewaltigung. Der Angeklagte sitzt seit Februar 2019 in U-Haft.

Opfer sollen die heute zwölfjährige Tochter und der Sohn (10) seiner Lebensgefährtin in der Wohnung der Familie sowie ein weiterer Junge (14) in einem Heim der Jugendfürsorge Cuxhaven (Niedersachsen) gewesen sein. Die Kinder werden im Prozess voraussichtlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen. Sie sagten im Lauf des Ermittlungsverfahrens bereits vor Videokameras aus.

Rechtsanwalt Jacob Schwieger lehnte die Verlesung der Anklage ab, weil sie nicht den gesetzlichen Anforderungen entspreche. So seien die einzelnen Vorwürfe bezüglich der Tatorte und Tatzeiten nicht hinreichend konkretisiert und voneinander abgrenzbar.

In Wahrheit noch viel mehr Fälle?

Schwiegers Ausführungen werfen jedoch ein Schlaglicht auf die möglichen Dimensionen des Verfahrens. So befinden in den Akten offenbar Aussagen eines Jungen aus der Jugendeinrichtung befinden, nach der ihn der Angeklagte anderthalb Jahre lang fast jeden Tag schwer missbraucht habe. Das wären rund 500 Fälle. Aus Sicht des Anwalts zeige diese Zahl aber nur, wie hanebüchen und absurd die Vorwürfe seien.

An dem heute 14-Jährigen soll sich der Angeklagte nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft unter Ausnutzung des besonderen Vertrauens- und Schutzverhältnisses in seiner Einrichtung in Cuxhaven vergangen haben. Das älteste mutmaßliche Opfer nimmt als Nebenkläger am Verfahren teil. Bei ihm waren laut Vorwurf stets Schläge und Drohungen im Spiel. Rechtsanwalt Schwieger kritisierte Zeitangaben wie „eines Abends“ oder „vermutlich an einem Wochenende im Sommer“ als zu unkonkret.

Urteil wohl frühestens Ende Oktober

Der Anklagebehörde warf der Verteidiger lückenhafte Ermittlungen und das Bemühen vor, „alle entlastenden Anhaltspunkte zu verschleiern“. Die Anwälte forderten gestern zudem Einsicht in Akten, die man ihnen bisher vorenthalten habe, und eine dienstliche Stellungnahme der Staatsanwaltschaft über bisherige und künftige Nachermittlungen.

Die Staatsanwältin widersprach: Man habe stets allen Anträgen der Verteidigung zur Akteneinsicht entsprochen. Zudem wies sie auf die „umgrenzende Funktion“ der Anklage hin. Für den Prozess, an dem auch zwei psychologische Sachverständige teilnehmen, hat die Jugendkammer zunächst 13 Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte Ende Oktober verkündet werden.

Von Thomas Geyer

Ein offenbar betrunkener Autofahrer ist nach einem Unfall in Rickling zu Fuß vom Unfallort geflüchtet. Die Polizei fand im Wagen erhebliche Blutspuren und leitete eine groß angelegte Suche nach dem verletzten Mann ein. Auch eine Rettungshundestaffel war im Einsatz.

13.08.2019

Wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs muss sich ein 46-Jähriger vor dem Kieler Landgericht verantworten. Der Mann aus dem Kreis Segeberg macht im Prozess schon mit einer Erklärung in Großbuchstaben auf einem Aktendeckel seine Position klar. Danach wurde das Verfahren überraschend vertagt.

13.08.2019

Lebensmittel ausgeben, Kleiderkammern und Blutspender betreuen: Da ist tatkräftige Hilfe gefragt. Doch die wird auch durch Überalterung knapp. Dabei helfen schon ein paar Stunden Ehrenamt im Monat.

13.08.2019