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Segeberg Mit 35 endlich den Traumjob gefunden
Lokales Segeberg Mit 35 endlich den Traumjob gefunden
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20:58 04.12.2015
Man sieht Anne Flosdorff an, dass sie ihren Beruf liebt: „Ich will nichts anderes.“ Dafür hat sie so manche Unannehmlichkeit in Kauf genommen. Quelle: Fotos: Spreer (3), Hiltrop
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Nahe

Die Keramikermeisterin Friederike Karsten hat nach eigener Einschätzung „meistens“ eine glückliche Hand mit ihren Azubis. Das hat sich am Beispiel von Laura Mahnke besonders bestätigt. Die junge Frau ist kürzlich als beste Keramikerauszubildende von Schleswig-Holstein gefeiert worden. Und auf Bundesebene ist sie Dritte geworden. Doch beide Preisverleihungen hat die junge Frau nicht mehr miterlebt. Grund, so ihre Lehrherrin: „Laura war inzwischen zu einer dreijährigen Wanderschaft aufgebrochen.“

Die Töpfermeisterin hat aber noch eine Auszubildende, die etwas Besonderes darstellt. Anne Flosdorff ist bereits 37 Jahre alt und hat schon ein bewegtes Berufsleben hinter sich. Sie ist studierte Pädagogin, war bei ihrer Arbeit allerdings krank geworden. Anne Flosdorff hatte in einer offenen Ganztagsschule in einem sozialen Brennpunkt in Nordrhein-Westfalen gearbeitet: Schwierige Kinder, schwierige bis desinteressierte Eltern, wenig Personal, wenig Geld. Als „pädagogische Feuerwehr“ hat sie schnell festgestellt: „Ohne Geld Wunder bewirken, das ist schwierig.“ Anne Flosdorff war schließlich an einem Punkt angelangt, an dem sie nicht mehr weiter wusste. Diagnose: Burn-out.

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Danach gab sie ihrem Leben eine ganz neue Wende. Sie verließ die Schule, jobbte hier und da, siedelte nach Buchholz um und wollte umschulen. „Ich wollte jetzt etwas machen, was mich glücklich macht.“

Über eine Freundin, die Keramikerin ist, kam sie mit ihrem Traumberuf in Kontakt. „Mir ist klar, dass man damit nicht reich wird.“ Das ist schon fast untertrieben. Im ersten Lehrjahr bekommt ein Auszubildender laut Bundesagentur für Arbeit 280 Euro. Aber das stört Anne gar nicht. „Das ist der Job, in dem ich alt werden will“, sagt sie mit strahlenden Augen. Man glaubt es ihr. Außerdem:

„Ich kenne jemanden aus meiner Berufsschulklasse, die hat im ersten Lehrjahr unter 100 Euro bekommen.“

Auf der Suche nach einem Praktikumsplatz stieß Anne Flosdorff nach vielen Absagen auf Friederike Karsten in Nahe. Vor zwei Jahren hat sie hier angefangen. Wie war das erste Beschnuppern der beiden Frauen? Karsten: „Wir haben telefoniert, und da klang sie schon mal sympathisch.“ Am ersten Tag hat sie Anne Grundlagen vermittelt, zum Beispiel den Ton zu kneten. „In keiner Werkstatt meiner Mitschüler wird der Ton noch selber gemacht — wir rühren ihn hier aber selber an“, sagt Anne. Da schwingt etwas Stolz mit. Das bedeutet nämlich, dass der Ton besonders intensiv (und kräftezehrend) per Hand geknetet werden muss, um die Luft komplett aus ihm zu pressen. Dem Qualitätsdenken ihrer Chefin passt sie sich ganz selbstverständlich an. Aus Überzeugung.

Hat die Chemie zwischen Beiden gleich gestimmt? Sie schauen sich an und nicken. „Ich habe mich gefreut wie ein Honigkuchenpferd“, erinnert sich Anne Flosdorff, die nach ihrem Umzug in die Nähe der Töpferei nicht mehr täglich von Buchholz nach Nahe pendeln muss. Ihre Chefin sagt: „Für mich ist ganz wichtig zu wissen, dass die Auszubildenden unbedingt in diesen Beruf wollen. Das ist ein Beruf, den musst du mit Herzblut machen — sonst kannst du ihn vergessen.“

An Leidenschaft und Können fehlt es bei Anne Flosdorff nicht: Die Zwischenprüfung hat sie mit „eins“ abgeschlossen. Sie „brennt“ für ihren neuen Beruf, will ständig Neues lernen. „Die die Lehre durchziehen, das sind die, die diesen Beruf wirklich wollen.“

Was macht Anne Flosdorff, wenn sie ihre Ausbildung in Nahe abgeschlossen hat? Das wird sich zeigen. Eines aber wird sie nicht tun: „auf Wanderschaft gehen“.

Schule in Heide

13 Keramiker-Auszubildende aus zwei Jahrgängen und aus ganz Norddeutschland werden derzeit ausgebildet und beschult. Die Berufsschule ist in Heide.


Eine Innung gibt es seit Kurzem nicht mehr. Die Auszubildenden, elf Frauen und zwei Männer, leben während des Blockunterrichtes in einem Wohnheim in Heide. Laut Bundesagentur für Arbeit beträgt die Ausbildungsvergütung im ersten Lehrjahr 280 Euro, im zweiten 325 Euro und im dritten 500 Euro.



Die Töpferei von Friederike Karsten, in der Mühlenstraße 19 in Nahe ist donnerstags und freitags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Christian Spreer

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