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Segeberg Mordversuch: Gutachter hält Angeklagten für voll schuldfähig
Lokales Segeberg Mordversuch: Gutachter hält Angeklagten für voll schuldfähig
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08:55 16.03.2019
Der Prozess gegen einen 21-jährigen Flüchtling aus Somalia wurde am Freitag vor dem Kieler Landgericht fortgesetzt. Quelle: dpa
Boostedt/Kiel

Im Prozess um versuchten Mord in der Flüchtlingsunterkunft Boostedt hat der psychiatrische Sachverständige Wolf-Rüdiger Jonas den zur Tatzeit 20-jährigen Angeklagten am Freitag vor der Jugendstrafkammer im Kieler Landgericht als voll schuldfähig begutachtet. Der Facharzt sah „keinerlei Hinweise, dass seine Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt war“. Im Streit soll der junge Mann aus Somalia am 3. Oktober 2018 einen 33 Jahre alten Landsmann mit einem Küchenmesser attackiert und lebensgefährlich verletzt haben.

Mithilfe eines Dolmetschers hatte der Sachverständige drei Gespräche mit dem Somalier geführt, der sich als 15-jähriger unbegleiteter Flüchtling von Ostafrika nach Nordeuropa durchgeschlagen hatte. Die psychotischen Symptome, die den Heranwachsenden wiederholt die Psychiatrie aufsuchen ließen, schrieb Jonas einer posttraumatischen Störung durch belastende Fluchterfahrungen in Verbindung mit Drogen- und Alkoholkonsum zu.

Bereits 2015 wegen Halluzinationen behandelt

Der „höfliche, sehr lebhafte junge Mann“ sei schon 2015 in Frankfurt am Main wegen Halluzinationen behandelt worden, zitierte der Gutachter einen Arztbrief der dortigen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wegen einer akuten psychotischen Störung hatte ihn die Uniklinik für vier Monate stationär aufgenommen. Weil die Wahnvorstellungen nur kurzzeitig auftraten, habe man keine Schizophrenie diagnostiziert.

Auch zwei spätere Aufenthalte des Somaliers in der Psychiatrie Rickling ergaben kein klares Krankheitsbild. „Ich verhalte mich wie ein Verrückter“, teilte er den Ärzten mit. Und berichtete von inneren Spannungen, Schlafstörungen, Selbstverletzungen und Stimmen, die ihn nachts zum Suizid drängten. Man verschrieb Beruhigungsmittel und warnte vor den Risiken zunehmenden Alkoholkonsums.

Zwei Wochen vor der Tat war der Asylantrag des Angeklagten abgelehnt worden. In U-Haft klagte er über Wahnvorstellungen und bat wiederholt um Verlegung in die Psychiatrie. Er fühle sich nachts von dunklen Gestalten bedroht und habe Angst vergiftet zu werden. Zudem befürchte er, Organhändler wollten ihm an die Nieren.

„Keineswegs zum Erwachsenen gereift“

Laut Bericht des psychiatrischen Sachverständigen neigt der „geistig sehr rege aber nicht leistungsbereite“ 21-Jährige dazu, sein Leiden zu betonen, um eine andere Form der Unterbringung zu erreichen. Als Kind sei er in ärmlichen aber emotional stabilen Familienverhältnissen aufgewachsen und auf der frühen Flucht keineswegs zum Erwachsenen gereift: ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, ohne Perspektive.

Der bindungslose Einzelgänger, der auch nach vier Jahren in Deutschland noch nicht die Sprache beherrscht, habe keinerlei realistischen Lebensplan, so der Sachverständige – ein Plädoyer für die Anwendung von Jugendrecht. Der Prozess wird Ende März fortgesetzt, ein Urteil Anfang April erwartet.

Thomas Geyer