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Segeberg Jüdische Gemeinde in Bad Segeberg: „Wir sind wie gelähmt“
Lokales Segeberg Jüdische Gemeinde in Bad Segeberg: „Wir sind wie gelähmt“
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18:22 10.10.2019
Die Bad Segeberger Synagoge ist die erste, die im Norden nach dem Krieg neu entstanden ist. Quelle: Foto: Kullack
Bad Segeberg

Als in Halle gegen Mittag die Schüsse fallen, wird auch in der Bad Segeberger Synagoge im Jean-Labowsky-Weg Jom Kippur, das Versöhnungsfest, begangen, der höchste jüdische Feiertag. Gläubige verbringen Jom Kippur in der Regel den ganzen Tag in der Synagoge, nehmen an einer Folge mehrerer Gottesdienste teil. Die sich überschlagenden Nachrichten dringen auch über die Smartphones der Gemeindemitglieder in das Gotteshaus vor.

„Das war ein Schock für alle“, sagt Walter Blender, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Bad Segeberg und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden, zu dem auch Gemeinden in Ahrensburg, Elmshorn, Kiel, Lübeck und Pinneberg gehören. „Keiner von uns hätte sich ausmalen können, dass so etwas geschehen könnte – schon gar nicht an einem Feiertag wie Jom Kippur.“

Bundesweiter Anschlag stand als reale Möglichkeit im Raum

Walter Blender aus Bad Segeberg Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein. Quelle: Foto: Kullack

Der 9. Oktober 2019 werde das jüdische Leben in Deutschland aber nicht nur bis zum Wochenende, sondern auf Dauer verändern, glaubt der Kriminalbeamte. Das Vertrauen vieler Juden in die Sicherheit sei massiv erschüttert. Eine Entsprechung für die Tat von Halle gebe es in der Bundesrepublik bisher nicht, annähernd vergleichbar sei allenfalls der Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge im März 1994.

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Verrohung der Sprache forciert extremistische Taten

Eine Ursache für die Tat von Halle sieht Blender auch in rechter Sprache, die in Deutschland mehr und mehr Einzug halte. Was bis vor wenigen Jahren noch als unsagbar galt, werde nun wieder laut ausgesprochen. Und aus dieser Sprache erwüchsen letztlich auch Taten. „In Halle hat es sich offenbar um einen bisher völlig unauffälligen Täter gehandelt hat. Da stellt sich die Frage, wie viele von solchen Leuten, von denen keiner weiß, gibt es noch?“

Gefreut habe sich Blender allerdings auch über Solidaritätsbekundungen, die seine Gemeinde unmittelbar nach dem Anschlag von Halle erreichten. Unter anderem haben Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prienund Bad Segebergs Feuerwehrchef Mark Zielinski der Gemeinde persönlich ihre Unterstützung zugesichert.

Polizei will Schutz verstärken

Für die Synagoge in Bad Segeberg, ebenso wie für die jüdischen Einrichtungen in Elmshorn und Pinneberg, gelten nach Angaben von Sandra Mühlberger, Sprecherin der Polizeidirektion Bad Segeberg, seit Langem besondere Sicherheitsvorkehrungen. Diese seien nach dem Anschlag von Halle noch einmal verstärkt worden. Gegenüber den LN hatten mehrere Gemeindemitglieder aus Bad Segeberg jedoch kritisiert, dass die Polizei nach den Ereignissen in Halle an der Synagoge keine Präsenz gezeigt und auch nicht das Gespräch gesucht habe. Mühlberger zufolge sei die Bestreifung im Bereich der Synagoge sehrwohl intensiviert worden. Direkte Kontaktaufnahmen mit den Gemeinden sei in diesem Zusammenhang aber nicht unbedingt vorgesehen, begründet die Polizeisprecherin.

Es sei jedoch wahrscheinlich, dass in den kommenden Tagen mit den Gemeinden Gespräche aufgenommen werden, um über die aktuelle Sicherheitslage zu beraten. Solche Maßnahmen würden aber auf Landesebene koordiniert. Schleswig-Holsteins Innenminister Hans-Joachim Grote hatte nach den Ereignissen in Sachsen-Anhalt mitgeteilt, dass der Schutz jüdischer Einrichtungen im Land in einem besonderen Fokus stehe. Unabhängig davon werde beim Verfassungsschutz derzeit ein Expertenteam aufgestellt, das extremistische Bestrebungen vor allem im Internet aufspüren soll.

Sorgen wegen erstarkender Neonazi-Szene in Bad Segeberg

Allerdings ändere das nichts daran, dass sich in der Gemeinde ein Gefühl der Lähmung eingestellt habe. Das liege gewiss an den Ereignissen in Halle – aber auch an einer wieder erstarkenden rechtsextremen Szene in Bad Segeberg, die von einem mehrfach vorbestraften und als extrem gewaltbereit geltenden Neonazi angeführt und offenbar vergrößert wird. „Wir haben hier jemanden in der Stadt, der trotz etlicher Vorstrafen seine rechtsextreme Ideologie lebt und dafür gerade steht – natürlich macht uns so etwas Angst“, sagt Blender. Viele aus der gut 200 Glieder starken Bad Segeberger Gemeinde wagten es mittlerweile nicht mehr, sich mit einer Kippa auf dem Kopf in der Öffentlichkeit zu bewegen – „und ich würde das auch nicht mehr tun“, sagt Walter Blender.

Angesichts dieser Entwicklungen erwartet der Landesvorsitzende von Sicherheitsbehörden und Politik jetzt, in einen intensiven Austausch mit den jüdischen Gemeinden im Land zu treten und Anstrengungen zu unternehmen, um den Schutz jüdischen Menschen und Einrichtungen zu gewährleisten. Natürlich träfen die Gemeinden im Rahmen ihrer Möglichkeit eigene Schutzmaßnahmen, sie dürften damit aber nicht allein gelassen werden.

Rechtsextreme Umtriebe

„Der neue Rechtsextremismusmöchte gesehen werden.“ So formuliert es die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) am Donnerstag in einem Gastbeitrag auf der Internetseite der „Welt“. „Rechtsextremisten suchen immer offener die Konfrontation mit dem Rechtsstaat.“

Eine Tendenz, die sich auch in Bad Segeberg bemerkbar zu machen scheint. Wie selbstverständlich zeigen Neonazis auf einmal wieder Präsenz in der Innenstadt, treten offensiv in Gruppen von fünf, sechs Leuten auf. Derartige Bilder hatte Bad Segeberg zuletzt in den 90er Jahren gesehen, als rechtsextremistische Gewalt auf einmal bundesweit aufgeflammt war und unter anderen in die tödlichen Anschläge auf türkische Familien in Mölln oder die ausländerfeindlichen Krawalle von Rostock-Lichtenhagen eskalierte.

In Bad Segebergist es bislang noch nicht zu schweren Zwischenfällen gekommen, aber die jüngsten Ereignisse wirken gleichwohl bedrohlich. Wie die LN von der Polizei erfuhren, hat es nach Einschüchterungsversuchen gegenüber Fridays-for-Future Aktivisten auf dem Marktplatz offenbar weitere Bedrohungen gegenüber Privatpersonen gegeben.

Auch das Kreisbüroder Grünen in der Kurhausstraße wurde offenbar zum Ziel. Unbekannte hatten Tür und Scheiben mit Stickern beklebt, unter anderem mit der Aufschrift „Volksverräter“. „Das muss am Wochenende passiert sein“, sagt Segebergs Grünen-Vorstandssprecher Peter Stoltenberg. Er habe schon mitbekommen, dass die rechten Aktivitäten in der Stadt zugenommen hätten. „Darum auch die Anzeige – und weil das für uns Sachbeschädigung ist.“ Angst mache ihm das bisher aber nicht.

Von Oliver Vogt

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