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Segeberg Ganz neues Raumgefühl in Bad Segebergs Marienkirche
Lokales Segeberg

Nach der Renovierung: Segebergs Marienkirche erstrahlt in neuem Glanz

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18:00 15.10.2021
Die Gerüste sind beseitigt, jetzt sind nur noch Restarbeiter an den Wänden und Pfeilern der Bad Segeberger Marienkirche zu erledigen. Die neue hochmoderne Beleuchtungsanlage wird bald eingerichtet.
Die Gerüste sind beseitigt, jetzt sind nur noch Restarbeiter an den Wänden und Pfeilern der Bad Segeberger Marienkirche zu erledigen. Die neue hochmoderne Beleuchtungsanlage wird bald eingerichtet. Quelle: Wolfgang Glombik
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Bad Segeberg

Erst kommt die dicke Folie ab. Mit der Taschenlampe sucht Restauratorin Andrea Junken genau und kritisch die Oberfläche der mittelalterliche Schrifttafel ab, bevor sie das Okay gibt und kräftige Männer das Kunstwerk an der Kirchenwand der Bad Segeberger Marienkirche befestigen. Der Freitag war ein wichtiger Tag. Die Kirche wird nach monatelangen Bauarbeiten wieder eingerichtet. Die Arbeiten zum zweiten Bauabschnitt sind fast beendet. Nun gilt es, die zahlreichen Epitaphe – Gedenktafeln mit Inschriften für Verstorbene – an den frisch gestrichenen Kirchenwände und mächtigen Pfeilern wieder anzubringen. Und zwar absolut gerade und vorsichtig. Mit Wasserwaage, was an diesen meist schiefen Kirchenwände auch eine Kunst für sich ist.

Mit der Taschenlampe sucht Restauratorin Andrea Junken genau und kritisch die Oberfläche der Schrifttafel ab. Quelle: Wolfgang Glombik

Am Sonntag, 31. Oktober, 10 Uhr, werden die Kirchgänger ein ganz neues Raumgefühl in St. Marien erleben. Die Seitenschiffe werden hell beleuchtet sein, die teilweise spätmittelalterlichen Bilder sind ganz neu zu entdecken. Durch die frischgetünchten kalkweißen Wände stechen sie jetzt besonders hervor. Die Epitaphe waren für die Zeit der Bauarbeiten in einer großen „Schatzkammer“, einer überdimensionalen Kiste, staubsicher eingelagert. Auch Feuchtigkeit habe ihnen nicht zugesetzt, betont die Restauratorin aus Wedel erleichtert, während sie eine Tafel aus dem 16. Jahrhundert akribisch untersucht. Damals war es üblich, dass sich besondere Honoratioren der Stadt mit dicker Brieftasche in der Kirche verewigen konnten. Ein betuchter Stallmeister ließ sich zum Beispiel als kniender gottesfürchtiger Mann am Altar malen, mit Engel und allen Schikanen.

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Diese Wandbilder erzählen Geschichten

Wir wissen nicht, wie viel er dafür der Kirche gestiftet hatte. Doch an seinem Bild drohte sich jetzt nach 500 Jahren die Farbschicht zu lösen. Das Bild und auch der alte Original-Rahmen wurden von Andrea Junken restauriert. „Der Rahmen ist offenbar in den sechziger Jahren in Feldgrau gestrichen worden und sah sehr schäbig aus.“

Junken legte die alten Farbschichten frei und entschied sich für eine goldene Leiste mit schwarzen Rahmen. Jetzt ist auch dieses Bild wieder ein Schmuckstück an der Südwand. An Wänden vieler alter Kirchen finden sich diese Tafeln. Teilweise bilden sie ganze Familiengeschichten nach, berichtet Andrea Junken. Über den Köpfen einiger Kinder aus abgebildeten Familien finden sich winzige Kreuzchen. Da sind Kinder mit aufgeführt, die längst gestorben sind. „Das sind manchmal ganz rührende Familiengeschichten.“

In der Marienkirche gibt es sogar einen „Comic“ über einen mittelalterlichen Mord zu besichtigen. Günther Gathemann kennt hierzu alle Details. Quelle: Wolfgang Glombik

Eine ganz andere Geschichte, ja fast einen kompletten „Comic“ aus dem Spätmittelalter, kann man sich jetzt wieder am nördlichen Seitenschiff ansehen. Hier ist ein ganzer Bilderbogen aus dem Mittelalter an einen Platz zurückgekehrt an dem er übrigens schon vor 150 Jahren hing. „Wir haben es umgehängt, sonst hätte es auf der anderen Seite der Kirche durch Sonneneinstrahlung Schaden genommen“, berichtet Günther Gathemann, Experte für die Bad Segeberger Marienkirche. Auf dem Bild ist die Siegesburg vom Segeberger Kalkberg zu sehen. Das Bild habe Heinrich Rantzau als Gedächtnisbild malen lassen. Tatsächlich lohnt es sich, den mittelalterlichen Krimi schaudernd zu studieren. Der Auftragskiller, verkleidet als Jäger, schleicht in die Burg und ersticht in dessen Privatgemächern den Grafen Adolf. Später rutscht der Täter auf Knien vor den Papststuhl und kann sich mit einer großzügigen Spende für ein Kloster freikaufen.

Eine extrem schwere Metallplatte als Erinnerung an den Kanzel-Stifter, Amtmann Marquardt Pentz, wurde mit vereinten Kräften an dem Pfeiler montiert. Quelle: Wolfgang Glombik

„Mit einem Hubwagen wird demnächst die Beleuchtung in der Kirche genau eingestellt, berichtet Gathemann. Dann wird sich dieser wahre Krimi am Kirchengemäuer in bestem Licht wahrscheinlich noch besser verfolgen lassen. Eine Ecke weiter wird geschuftet. Fünf starke Männer sind dabei, schnaufend eine schwere bleihaltige, gebogene Gedenktafel an einen Pfeiler der Marienkirche zu heben. Gewidmet ist diese Tafel dem Stifter der Kanzel, Amtmann Marquardt Pentz und dessen Ehefrau Anna aus dem Jahre 1612. Das Kanzel-Prachtstück im Stil der Spätrenaissance kennt wohl jeder Kirchgänger in Bad Segeberg. Die schwere Tafel dazu hat der Sohn von Pentz gestiftet. Geschafft. Das Ding hängt.

Ein Bild hängt schief – oder doch nicht?

Die Marienkirche kann zusammen nach der Grundsanierung mit dem ersten und jetzt fast abgeschlossenen zweiten Bauabschnitt erst einmal durchatmen. 2022 soll hier keine Baustelle sein, doch 2023 und folgende Jahre soll es weitergehen mit dem Umbau der Empore und dem dann folgenden Einbau einer neuen Orgel. „Trotz unvorhergesehener Ereignisse sind wir noch voll im Zeitplan“, zeigt sich Gathemann erleichtert. Aber da schaut er doch noch einmal genauer hin: Eines der Bilder hängt schief, schmunzelt er. Oder ist die Kirchenwand schräg? Ab dem 31. Oktober können sich Gottesdienstbesucher hierzu nun selbst ein Bild machen.

Von Wolfgang Glombik