Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Nach tödlichen Unfällen: Experte will Führerschein-Check für Senioren
Lokales Segeberg Nach tödlichen Unfällen: Experte will Führerschein-Check für Senioren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
18:04 30.10.2019
Senioren ab 75 sind nicht immer kognitiv auf der Höhe: Die Unfallforschung der Versicherer (UDV), fordert eine verpflichtende „begleitete Rückmeldefahrt“ für alte Menschen am Steuer. Quelle: Rudolf Christine
Anzeige
Bad Segeberg

Am ersten Schultag nach den Herbstferien wird in Kisdorf eine Elfjährige auf dem Rad von einem 85-jährigen Mercedesfahrer beim Abbiegen erfasst. Das Mädchen stirbt noch an der Unfallstelle. Einen Tag später übersieht im ostholsteinischen Lehnsahn eine 87-Jährige eine elfjährige Radfahrerin beim Abbiegen und verletzt sie schwer. Die Greisin hat den Unfall gar nicht wahrgenommen, fährt mit ihrem Fiat weiter. Am vergangenen Sonntag werden zwei E-Bikes am Seeweg in Bornhöved von einem Fahrzeug erfasst. Der 79-jährige Radler stirbt, seine Ehefrau erleidet schwere Verletzungen. Am Steuer des Honda: Eine 79-Jährige.

Immer ältere Senioren fahren immer länger Auto. Werden die über 75-Jährigen zu einer Gefahr im Straßenverkehr? Ist es Zeit, die Fahrtüchtigkeit von Senioren zu überprüfen?

Ältere Menschen sollten ihre Fahrtüchtigkeit freiwillig prüfen lassen, sagt Jörg Rüdiger Friedhoff-Schüller. Quelle: sg

Jörg R. Friedhoff-Schüller von der Kreisverkehrswacht Segeberg haben diese jüngsten Unfälle erschüttert. Er empfiehlt, dass ältere Menschen ihre Fahrtauglichkeit auf freiwilliger Basis überprüfen lassen sollten. Die Politik scheint sich an das Thema nicht heranzutrauen. Senioren stellen eine große Wählergruppe. Gero Storjohann, CDU-Bundestagsabgeordneter aus dem Kreis Segeberg, sitzt im Bundesverkehrsausschuss. Nach seiner Kenntnis gibt es keine Gesetzesinitiative, die eine regelmäßige Überprüfung der Fahrtüchtigkeit älterer Autofahrer fordert. Auch im Koalitionsvertrag stehe dazu kein Wort.

Einen Kommentar zum Thema lesen Sie hier.

Politik will nichts unternehmen

Storjohann selber fordert so etwas auch nicht. Er sieht hier keinen Handlungsbedarf. Er verweist auf eine freiwillige Aktion des ADAC. Senioren können sich von Fahrlehrern freiwillig ihre Fahrtüchtigkeit überprüfen lassen. Außerdem würden sich ältere Menschen der Situation anpassen, zum Beispiel nicht mehr bei Dunkelheit fahren oder nur noch auf bekannten Strecken. Immer noch passiere bei jungen Autofahrern mehr als bei älteren, sagt er. Und Radfahrer seien – wie jetzt bei den tragischen Unfällen – im Straßenverkehr grundsätzlich stark gefährdet. Das musste Storjohann auch selbst am Sonntag erleben. Er war mit seiner Frau zur Gedenkstunde an die Unfallstelle in Kisdorf mit dem Rad gefahren. Dabei sei seine Frau fast selbst „zu Tode gekommen“, berichtet Storjohann. In Kisdorferwohld hatte eine SUV-Fahrerin ein Stop-Schild überfahren und hätte bei einem Überholmanöver mit hoher Geschwindigkeit fast seine Ehefrau erfasst.

Radfahren ist höllisch gefährlich

„Im Gegensatz zu den Niederlanden ist es bei uns höllisch gefährlich mit dem Rad zu fahren“, sagt der grüne Kreistagsfraktionschef Arne Hansen. Die Unfälle mit Radfahrern würden zunehmen. Es sei derzeit „mordsgefährlich“ im Kreis Segeberg, Kinder allein zur Schule fahren zu lassen er zulassen. Da nütze auch ein Helm nichts, wenn man überrollt werde. In Dänemark oder Holland könne man hingegen sicher sein, „dass die Kinder heil mit dem Rad ankommen“. Bei Besuchen dort habe er sich über wirksame Vorsichtsmaßnahmen wie Abbiegebuchten für Radler und breitere Radwege informiert. Es sei eine Überforderung aller Verkehrsteilnehmer, wenn man wie in Kisdorf auf einem schmalen Radweg in zwei Richtungen fahren könne. „Betagte Menschen haben nun einmal andere Reaktionszeiten und eine schlechtere Wahrnehmung.“ Im Einzelfall könne das dramatische Konsequenzen haben.

Rückgabeaktion für „alte Lappen“

In Bad Segeberg gab es bis vor einem Jahr die Aktion „Bus-Jahreskarte gegen Führerschein“. Senioren bekamen von der Stadt eine Jahres-Billett für den Stadtbus, wenn sie ihren „alten Lappen“ abgaben. Arne Hansen empfindet das als „gute Idee von der Stadt“, das wäre sicher auch eine Anregung für den Kreis Segeberg. Auch Polizeihauptkommissar Bernd Kanert von der Polizeidirektion Bad Segeberg erinnert sich noch mit Begeisterung an die Rückgabe-Erfolge in den acht Jahren. Viele Senioren gaben ihren Führerschein ab. Doch jetzt sei die Aktion abgesagt worden, weil der Kreis die Trägerschaft für den Stadtbus übernommen hat. Die Polizei wäre sofort dabei und würde mithelfen, wenn der Kreis sich durchringen würde, die Aktion fortzuführen.

Hohes Unfallrisiko bei über 75-Jährigen

Immer wieder hört man, dass junge Autofahrer viel häufiger für Unfälle mit Personenschäden verantwortlich sind als ältere. Das sei doch durch Zahlen belegt. Doch es gibt ja den scherzhaften Spruch: Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hat. Die bisherigen Statistiken haben die Situation bei den betagten Autofahrern offensichtlich geschönt.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), hat festgestellt, dass die bisherigen Zahlen irreführend sind. So harmlos seien die Senioren am Steuer nämlich nicht, wie statistisch immer wieder dargestellt wird. Er bezieht das Unfallrisiko für Unfälle mit Personenschäden nämlich auf die Gruppe der älteren Autofahrer ab 75 Jahre. Und hier bekommt er ganz andere Werte, wenn er deren jährliche Pkw-Fahrleistung in Kilometern misst. So wird die tatsächliche Anwesenheit der verschiedenen Altersgruppen auf der Straße gemessen und verglichen.

Dabei wird deutlich, dass in der Gruppe der Senioren ab 75 Jahren die Beteiligung an tödlichen Verkehrsunfällen höher ist als bei den 18 bis 20-Jährigen. Brockmann: „Die Zahlen sprechen klar dafür, dass wir hier ein Problem haben.“ Die jungen Autofahrer würden durch Alkoholverbot bis 21 und mit dem „Führerschein auf Probe“ sanktioniert, bei den Senioren gebe es keine Maßnahmen, wenn sie auffällig werden. Brockmann schlägt vor, die kognitiven Defizite der älteren Autofahrer im Auge zu behalten. Das gehe nur, wenn ältere Autofahrer ab einem bestimmten Alter zu Fahrstunden verpflichtet würden, bei denen sie eine Rückmeldung über ihre Defizite bekommen. Brockmann: „Senioren haben großes Interesse daran, hier eine Meinung von einer fachkundigen Autorität zu bekommen, ob sie noch gut fahren können – aber nicht von den eigenen Kindern und Enkelkindern.“

Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer (UDV), schlägt vor, eine verpflichtende „begleitete Rückmeldefahrt“ einzuführen. Ältere Menschen, zum Beispiel ab 75 Jahren, müssten dann diese Fahrt absolvieren und werden dabei beobachtet. Der Fahrlehrer könne dem älteren Menschen danach eine Empfehlung geben, ihm sagen, wo seine Defizite beim Fahren bestehen. Der betagte Autofahrer werde sich so seiner eventuellen Einschränkungen bewusst, müsse aber nicht befürchten, das ihm gleich sein Führerschein abgenommen wird. Noch findet dieser Vorschlag bei den Verkehrspolitikern keine Resonanz, aber Brockmann prophezeit, dass die Politik früher oder später reagieren wird. Das Problem mit Senioren am Steuer werde zunehmen.

Von Wolfgang Glombik

Auch wenn die Menschen immer älter werden: Ein Leben, das ein ganzes Jahrhundert umfasst, ist etwas Besonderes. Anneliese Tölle feierte ihr 100. Lebensjahr mit Kindern, Enkeln, Urenkeln und Stadtvertretern in Wahlstedt.

29.10.2019

Kurz vor Ende der Frist am 31. Oktober ist in elf Gemeinden im Amt Trave-Land die erforderliche Anschlussquote von 50 Prozent erreicht worden. Damit gibt es jetzt grünes Licht für die Bauarbeiten.

29.10.2019
Segeberg Kampf gegen die rechtsextreme Szene Große Demo gegen Neonazis in Bad Segeberg

Eine Initiative ruft zu großer Demonstration gegen Neonazis in Bad Segeberg auf. Auch in Sülfeld gibt es mehrere Veranstaltungen. Pastor Steffen Paar macht den Rechten ein Gesprächsangebot.

28.10.2019