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Segeberg Neues Angebot: Mit dualer Ausbildung gegen den Erzieher-Notstand
Lokales Segeberg Neues Angebot: Mit dualer Ausbildung gegen den Erzieher-Notstand
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06:00 20.12.2019
Sie wollen mehr Erzieher und Erzieherinnen in die Kitas bringen: Martina Siebert (BBZ),Günther Klingner (Lebenshilfe), Florent Charpentier (SPA), Mandy Dolling, Leiterin der Mühlen-Kita, Bettina Barbewyck (Kitaleiterin Geschwister-Scholl-Straße) Michael Radde (SPA), Katrin Buchholz (Kita-Leiterin DRK), Stephan Hartung (Amtsleiter) und Heinz Sandbrink (BBZ-Leiter) (v.li.) Quelle: Wolfgang Glombik
Bad Segeberg

Was für ein schönes Kürzel! „PiA“ heißt der Name für die neue praxisintegrierte Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher, die ab dem ersten August auch in Bad Segeberg startet. Und „PiA“ ist durchaus beliebt, bei den Kindergarten-Trägern haben sich schon jetzt zahlreiche Bewerber gemeldet, die diesen Beruf gerne ausüben möchten. Denn bei „PiA“ gibt es Geld, eine Ausbildungsvergütung. Hier muss eine Erzieher-Ausbildung nicht mit nächtlichem Pizza-Ausfahren oder Tresendienst finanziert werden. Hier muss man sich auch nicht übers Bafög verschulden.

Dabei geht es nicht darum, die harten Bedingungen für Erzieherinnen und Erzieher in der Ausbildung zu erleichtern, sondern darum, überhaupt für genügend Nachwuchs in einem Mangelberuf zu sorgen. Denn wer drängt schon in einen Job, für den er anfangs noch Geld mitbringen muss. „Der Handlungsdruck ist groß, der Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern ist riesig“, stellt Heinz Sandbrink, Leiter des Berufsbildungszentrum Bad Segeberg (BBZ), mit zahlreichen Vertretern der Kindertagesstätten in einem Pressegespräch klar. Die neue praxisintegrierte Ausbildungsform habe in der Außenstelle Norderstedt große Resonanz gefunden. So etwas soll jetzt – auf dringenden Wunsch der Kita-Träger – auch in Bad Segeberg gestartet werden.

Ausbildung zum Erzieher kann sich nicht jeder leisten

Günther Klingner von der Lebenshilfe, die in Wahlstedt schon mehrere Einrichtungen betreibt und nun auch ab Sommer in Bad Segeberg mit einem neuen großen Kindergarten an den Start geht, blickt mit Sorge in die Zukunft. „Wir wissen, wie viele Mitarbeiter in den kommenden Jahren in Rente gehen, wie wissen, welche neuen Gruppen gegründet werden.“ Erzieher – ein Beruf mit Zukunft. „Wir versuchen, auch eine Mischung aus Berufsanfängern und erfahrenen Kräften in den Gruppen zusammenzubekommen.“ Der Knackpunkt sei aber, sagt Klingner, dass Menschen zwar ihr Leben lang von einem Beruf als Erzieher träumten, sich aber schlichtweg die Ausbildung nicht leisten könnten. Viele stürzten sich in Schulden, berichten auch die Kita-Leiterinnen Mandy Rolling und Katrin Buchholz, wenn sie dafür zum Beispiel Meister-Bafög in Anspruch nehmen müssen.

Mit der anstehenden Kita-Reform in Schleswig-Holstein werden noch mehr ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher in Kindergärten dringend gebraucht. Quelle: dpa

Bei „PiA“, das in einem dualen System mit drei Tagen Schule im BBZ und zwei Tagen Arbeit in der jeweiligen Kita funktioniert, ist Praxisnähe garantiert. Hier gibt es vom ersten Tag an eine Ausbildungsvergütung von 1140 Euro, im dritten Jahr sind es bereits 1303 Euro. Sandbrink hebt die Vorzüge hervor: Azubis seien in diesem Projekt, das derzeit noch mit Bundesmitteln finanziert wird, sozialversichert, haben 30 Tage Urlaub. Sollte sich nach 2021 der Bund als Zuschussgeber hier zurückziehen, müssten die Kita-Träger oder die Kommunen als Sponsoren einspringen, um die Ausbildungsvergütung zu finanzieren.

Jährlich werden im Kreis 50 Erzieher mehr benötigt

Der schulische Anteil in dieser dualen Ausbildung überwiege, betont Stephan Hartung von der Stadt Bad Segeberg. Der Abschluss sei identisch mit dem anderer Fachschulausbildungen in dem Bereich. Am Ende stehe die ersehnte Qualifikation als staatlich geprüfter Erzieher. Am Standort Norderstedt laufe das Projekt schon mit großen Erfolg. 25 Auszubildende würden hier unterrichtet. Der Bedarf sei aber auch sonst im Kreisgebiet sehr hoch, stellt Sandbrink klar. „Wir gehen davon aus, dass wir jährlich 50 Erzieherinnen und Erzieher im gesamten Kreis zusätzlich benötigen werden.“

Berufsausbildung ist Voraussetzung

Die staatliche anerkannte Praxisintegrierte Ausbildung (PiA) richtet sich vor allem an Bewerber und Bewerberinnen, die bereits berufliche Erfahrungen mitbringen und über 18 Jahre alt sind. Über die Aufnahme entscheidet das Berufsbildungszentrum (BBZ) nach dem Schulzeugnis und dem Vorliegen eines Ausbildungsvertrages mit einem Kita-Träger.

Verantwortlich für die Ausbildung istdie Fachschule für Sozialpädagogik am BBZ Bad Segeberg. Wer die PiA-Ausbildung anstrebt, muss mindestens einen Mittleren Schulabschluss plus eine mindestens zweijährige, abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. Ein Freiwilliges Soziales Jahr reicht hier nicht aus. Infos gibt es auch bei BBZ-Abteilungsleiterin Martina Siebert (Telefon 04551/9631-0).

Bislang soll es „PiA“ bereits in Bad Oldesloe, Mölln und Rendsburg geben. Übrigens: Nicht nur Erzieher sind knapp, auch ihre Dozenten. Als Lehrkräfte wird es in Bad Segeberg am BBZ auch Quereinsteiger, ganz junge Absolventen der Erziehungswissenschaften geben. Wer nun per „PiA“ Erzieherin oder Erzieher werden möchte, sollte sich schon einen Vorvertrag mit einer Kindertagesstätte sichern. Da kommen sicher die erfahrenen Sozialpädagogischen Assistenten (SPA) in Frage. Aber auch Maurer oder Bürokauffrauen können sich bewerben. Sogar eine Modeschneiderin soll sich schon dafür entschieden haben.

Bei Grippewelle ist „Holland in Not“

Die Einrichtungen müssen schon im Vorfeld klären, ob sie das Geld für die Ausbildungsvergütung in petto haben, falls sich der Bund als Zuschussgeber zurückziehen sollte. Katrin Buchholz vom DRK verweist auch auf viele ältere Helferinnen in den Kitas, die teilweise mit einer Sondergenehmigung gute Arbeit leisteten, aber bislang noch keine Möglichkeit hatten, sich zu qualifizieren. „Die können das ohne Ausbildungsvergütung gar nicht schaffen“, stellt Heinz Sandbrink klar. Wie wichtig gerade in diesen Wochen mit vielen erkrankten Erzieherinnen die Helferinnen und vor allem die Sozialpädagogischen Assistenten in den Kitas sind, wissen alle. Da ist „Holland in Not“, wenn Gruppen zusammengelegt werden müssen und die Personalknappheit mehr als deutlich wird.

Die Stadt Bad Segeberg, so kündigte Hartung an, werde demnächst in der Zeitung zwei „PiA“-Stellen ausschreiben, auf die sich Interessenten bewerben können. Der Sozialpädagogischen Assistent Michael Radde hat genau das vor. Gerade habe er den Bildungskredit für seine erste Ausbildung zurückgezahlt. Vier Jahre arbeitet er im Kindergarten, jetzt wäre es das „perfekte Timing“, wenn er die „PiA“-Ausbildung bekommen könnte. Ohne sich wieder neu zu verschulden.

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Von Wolfgang Glombik

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