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Segeberg Nicolas König: Warum es gut ist, der Böse zu sein
Lokales Segeberg Nicolas König: Warum es gut ist, der Böse zu sein
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14:41 16.07.2019
Schauspieler Nico König (50) spielt in "Unter Geiern - Der Sohn des Bärenjägers" 2019 den bösen Indianer-Häuptling "Hong-pe-te-keh, der Schwere Mokassin". Quelle: Oliver Vogt
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Bad Segeberg

Bei all der Aufmerksamkeit, die der Häuptling der Apachen genießt, könnte manch einer meinen, dass sich Karl Mays Abenteuer am Kalkberg um Winnetou drehen. Bei Lichte besehen, liegt die Sache aber anders: Im Mittelpunkt der Handlung steht seit 67 Jahren eigentlich immer nur einer: der Schurke. Er bringt den Plot erst in Gang, er gibt das Tempo vor, durch seine (Un)taten können die Helden überhaupt erst zu Helden werden. Und wenn es am Ende der Aufführung zum unvermeidlichen Kampf von Gut gegen Böse kommt, hat der Schurke den spektakulärsten aller Abgänge – in den meisten Fällen herbeigeführt durch einen tiefen Sturz in den Abgrund.

Ohne Maske sieht er gar nicht so böse aus: Schauspieler Nico König vor seiner Verwandlung zum „Schweren Mokassin“. Der 50-Jährige lebt mit seiner Familie im Kreis Stormarn. Quelle: Oliver Vogt

Berechtigter Grund zum Hass

Nicht anders ist es bei „Hong-peh-te-keh“, dem Häuptling der Sioux-Ogellallah, der am Ende der diesjährigen Inszenierung sein Leben unfreiwillig im Schlund eines Geysirs aushaucht. Im Gegensatz zu den meisten anderen, zumeist weißen Karl-May-Bösewichtern, die zu ihren schurkischen Taten durch die obligatorische Gier nach Gold und unverhohlenem Rassismus gegenüber den „Rothäuten“ getrieben werden, hat „Hong-peh-te-keh“ andere Motive. „Es ist nicht Habgier. Er ist geblendet von seinem Hass auf die Weißen, die den Indianern das Land mit Gewalt rauben und ihre Büffel töten“, sagt Schauspieler Nicolas König, der dem bösen Häuptling das markante Gesicht und die ebensolche Stimme verleiht. „Darin liegt ja auch Wahrheit, insofern hat er durchaus einen Grund zum Hassen“, sagt der 50-Jährige über seine Rolle. Zum „Bösen“ mache ihn erst die Haltung, dass der Zweck die Mittel heiligt und er den Weg des Krieges und der Gewalt statt – wie Winnetou – den Weg des Friedens wählt.

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14 Mal dabei, zehn Mal als Schurke

Im Schurken-Geschäft kennt sich König inzwischen aus. Seit 1992 war er an 14 Inszenierungen in Bad Segeberg beteiligt, „und ich glaube, ich habe in der Zeit nur vier Mal einen Guten gespielt“. Dass er inzwischen ein wenig auf den Antagonisten-Part festgelegt sei, habe wohl mit seinen Anfängen am Kalkberg zu tun. „Da war ich jung, sehr temperamentvoll und vor allem actionorientiert.“ Inzwischen sei er zwar um einiges älter und als Schauspieler deutlich differenzierter als damals, „aber das gewisse Aggressive und Durchtriebene, das liegt mir immer noch gut“.

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Zumal es auch Spaß bringe, der Schuft sein zu dürfen. In so einer Rolle seien der Fantasie nämlich kaum Grenzen gesetzt, sagt König. Der Schurke dürfe sich ausleben, Macken haben, auch von einer Portion Wahnsinn geleitet sein. Dahingegen sei das Korsett für die Helden des Stücks zumeist deutlich enger geschnürt, für eigene Akzente bleibe da weniger Raum. „Und meiner Meinung nach ist es deshalb auch viel schwieriger, einen ,Guten’ zu spielen.“

„So einen Moment habe ich noch nicht erlebt.“

Karl-May-Schurken sind indes selten Primitivlinge; in ihrer Skrupellosigkeit verfügen sie doch über eine gewisse Eleganz und einen scharfen Verstand. So auch „Hong-peh-te-keh“, den Nico König in schwarzer Lederkluft und dunkel geschminkten Augen mit aggressiver Arroganz, einer gewissen väterlichen Vertrauenswürdigkeit und einem guten Schuss Unberechenbarkeit anlegt. Praktisch aus dem Nichts heraus, sticht er in einer Szene den jungen Häuptlingssohn „Mo-Haw“ (Sascha Hödl) nieder.

Dass das Bad Segeberger Publikum wegen seiner unmittelbaren Nähe zum Geschehen häufig sehr emotional reagiere, hat König schon oft erlebt. „Aber in diesem Moment, nachdem ich ,Mo-Haw’ ermordet habe, da wird das Publikum kalt erwischt, da könnte man im Stadion eine Stecknadel fallen hören. Das habe ich so hier noch nicht erlebt.“ Bei den ersten Auftritten vor Publikum, habe er sich dabei tatsächlich vor sich selbst erschrocken. „Da dachte ich mir selbst, igitt, bin ich fies.“ Da habe er erst Mal kurz in sich gehen müssen. „Doch wenn eine Szene so wie diese funktioniert, freut man sich als Schauspieler natürlich immer.“

Ein Markenzeichen von Nicolas König ist seine markante, schneidende Stimme, wegen der er immer wieder für Synchronrollen, Hörspiel-Produktionen und auch für Computerspiele gebucht wird. „Mag daran liegen, dass ich in meiner Vergangenheit die ein oder andere Zigarette geraucht und hier und da einen Whisky getrunken habe“, sagt er lachend. Privat ist der Vater von drei Kindern zwar ein sehr verträglicher, freundlicher Mensch, mitunter führt die „böse“ Stimme aber ein Eigenleben: „Meine Frau schaut mich zuweilen ganz entsetzt an, obwohl ich eigentlich der Meinung war, etwas ganz Normales gesagt zu haben.“

Sohn weinte, als Papa in den Abgrund stürzte

Auch seine Kinder, 18, 15 und sechs Jahre alt, haben es mit einem „Schurken“ als Vater nicht immer leicht. Wie bei der Premiere am 29. Juni: „Meinem kleinen Sohn haben wir vor der Vorstellung natürlich genau erklärt, dass Papa das Stück nicht überleben wird, aber alles nur gespielt sei und er sich keine Sorgen machen muss.“ Als der kleine Junge dann aber zusah, wie sein Vater vermeintlich in den Abgrund stürzt – in Wirklichkeit das Stunt-Double von Nicolas König – sei es aber doch zu aufregend gewesen. „Da sind Tränen geflossen. Meine Frau hat eine ganze Weile gebraucht, um ihn wieder zu beruhigen.“

Zwar ist Nicolas König, der auf einem Reiterhof im Kreis Stormarn lebt, zuweilen auch im Fernsehen und anderen Theaterproduktionen zu sehen, die große schauspielerische Liebe sind aber die Karl-May-Spiele. Schon als Kind, als er mit seinen Großeltern die Ferien an der Ostsee verbracht hat, war König begeistert von den Wildwest-Abenteuern in Bad Segeberg. Als er 1992 vom damaligen Intendanten Jürgen Lederer gefragt worden sei, eine Rolle zu übernehmen, habe er sofort zugesagt. Von Schauspielkollegen sei er früher noch belächelt worden, weil er ja „Cowboy und Indianer“ und kein „richtiges“ Theater spiele. Mit dem zunehmenden Erfolg der Spiele habe sich das aber grundlegend gewandelt. „Heute gibt es da niemanden mehr, der noch die Nase rümpft.“

Oliver Vogt

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