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Segeberg Die „Gretas“ von Bad Segeberg kämpfen weiter
Lokales Segeberg Die „Gretas“ von Bad Segeberg kämpfen weiter
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07:00 11.08.2019
Fünf vor Zwölf: Nina Swoboda (r.) und Luna Rothenburg sind Vorkämpferinnen für den Klimaschutz Quelle: Wolfgang Glomdbik
Bad Segeberg

 Die Zeiger der Turmuhr der Marienkirche stehen auf fünf vor zwölf. Dabei ist es wohl längst zu spät. Die Pole schmelzen und schmelzen. Doch die Bad Segeberger Fridays-for-Future-Bewegung kämpft weiter. Statt vormittags zur Schulzeit soll es künftig freitags ab 14 Uhr mit den Markt-Demos weitergehen. Hartnäckig, überzeugend, kämpferisch: Die starken Mädchen aus Bad Segeberg, Luna Rothenburg und Nina Swoboda, setzen sich weiter für den Klimaschutz ein.

Im Dezember vergangenen Jahres saß Nina Swoboda wie ihr Vorbild Greta Thunberg ganz einsam da. Mit einem Plakat am Brunnen. Das sei anfangs schon demotivierend gewesen. Doch sie biss sich durch. An den späteren Freitagen kamen andere hinzu. Luna Rothenburg ist seit Februar jeden Freitag dabei, um zu streiken. Es waren erst zehn, dann 100 – beim großen Klimastreik im Frühjahr bevölkerten sogar 400 Demonstranten plötzlich den Marktplatz. Ein Motivationsschub für alle. Nun der jüngste Klimaschutzbericht der Wissenschaftler. Alarmierend. – Ja, hört denn keiner zu?

Klimanotstand auch in Bad Segeberg

In Bad Segeberg wurde auf Initiative ihrer Bewegung der Klimanotstand ausgerufen, um endlich etwas zu tun. Doch das Aufrütteln scheint nicht zu funktionieren. Der Bürgermeister sorgt sich um die Touristen. „Jetzt muss etwas auch von Seiten der Stadt passieren, deshalb wollen wir uns mit dem städtischen Klimaschutzbeauftragten treffen“, berichten die Jugendlichen. Sie wollen eine Baumpflanzaktion initiieren, und die Stadt von dem erdrückenden Autoverkehr entlasten.

Zu Konzerten, zum Theater nach Hamburg ist oft im Ticketpreis die kostenlose Anreise mit Bus und Bahn enthalten. Warum gibt es so etwas nicht bei den Karl-May-Spielen, fragen Luna und Nina. Warum wälzt sich vor und nach den Vorstellungen eine Blechlawine durch Bad Segebergs Straßen?

Karl-May-Verkehr ist belastend

Gerade in der Karl-May-Zeit sei die Luft in Bad Segeberg durch Abgase „extrem schlecht“ haben die beiden erfahren. Die Belastung durch die industrielle Landwirtschaft ist auch Thema im aktuellen Klimaschutzbericht. Warum werde so viel Fleisch gegessen? Luna lebt vegetarisch, Nina seit über einem Jahr sogar vegan.

Die Schülerinnen nehmen in kauf, dass sie durch die Streikaktionen viele Fehlstunden haben. „Die Lehrer haben uns aber immer unterstützt“, sagen beide. Einmal sei sogar ihr ganzer Jahrgang der Schule im Rahmen des Politik-Unterrichts komplett als Exkursion zur Klimaschutzdemo gegangen, erzählt Luna. Auf ihre Anregung und mit dem Segen des Schulleiters Frank-Ulrich Bähr. Auch ihre Lehrer seien als Aufsicht mitgekommen.

Am Freitg wird in Bad Segeberg jetzt nachmittags demonstriert. Quelle: Glombik

Für die beiden jungen Frauen ist Greta Thunberg ein Vorbild. Sie fliegt nicht, sie dampft nicht, nein, sie segelt jetzt gerade nach Amerika. Nina: „Sie steht da wirklich hinter, ist unheimlich konsequent, lebt den Klimaschutz.“ Und wie konsequent seien sie selbst? Nina: „Inlandsflüge boykottiere ich komplett, statt mit dem Auto fahre ich mit dem Öffentlichen Nahverkehr.“ Ihre Familie habe gar kein Auto. Auch Luna Rothenburg will lieber zu Hause bleiben, als mit der Familie in den Urlaub zu fliegen. Man könne doch auch mit dem Zug wegfahren, meint sie.

„Ihr Gören, geht zur Schule!“

Bei den Streikaktionen auf dem Bad Segeberger Marktplatz braucht man bisweilen ein dickes Fell. „Es gibt hin und wieder auch abfällige Kommentare.“ Vor allem von älteren Herren. „Die gehen dann schnell weiter, wir können gar nicht mit denen diskutieren“, bedauern sie. „Irgendwer hat uns mal als Gören beschimpft, die nicht in den Unterricht gehen“, berichtet Nina. Aber das perlt ab. „Bis die Politik endlich erkennt, dass der Klimawandel eine Bedrohung für die Menschheit ist und endlich etwas getan wird, werden wir weiterstreiken.“

Denn die Aussagen der Wissenschaftler werden immer dramatischer. Die Prognosen, die für 2090 gemacht wurden, werden wahrscheinlich in wenigen Jahren eintreten. „Wir werden den Kipp-Punkt bald erreichen, dann ist der Klimawandel irreversibel.“ Sie sind jetzt 16. Wenn man Luna und Nina fragt, wie die Welt aussehen mag, wenn sie 50 sind, stocken sie. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm die Ausmaße des Klimawandels dann sein werden“, sagt Nina. „Wir wollen uns das gar nicht ausmalen.“ Steigende Meeresspiegel, immer mehr Klimaflüchtlinge, Naturkatastrophen, Trockenzeiten. Das sei ja das Problem, die Leute können sich gar nicht konkret vorstellen, was auf sie zukommen wird. „Deshalb übernehmen sie selbst nicht die Verantwortung.“ Autofreie Tage in den Städten wären ein Anfang. „Aber ich sehe wenig Hoffnung, dass man das durchbringen kann. Auch wenn es das Richtige wäre“, sagt Nina. Längst hat die Uhr der Marienkirche geschlagen. 12 Mal. In zwei Stunden ist wieder Demo.

Von Wolfgang Glombik

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