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Segeberg Noctalis lässt Fledermäuse genetisch untersuchen
Lokales Segeberg Noctalis lässt Fledermäuse genetisch untersuchen
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21:10 18.11.2017
Gut erhaltener Schädel einer Bechsteinfledermaus: Recht klein sind die Knochen der Tiere – doch für Genetiker, die für Untersuchungen mit wenigen Zellen auskommen, ist das quasi ein riesiges Materialvolumen. Quelle: Foto: Irene Burow
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Bad Segeberg

Gibt oder gab es eine Fledermausart in der Bad Segeberger Kalkberghöhle, von der noch niemand weiß? Beim neuen Forschungsprojekt des Noctalis’ „ist alles im Lostopf“, sagt Geschäftsführer Florian Gloza-Rausch. Ganz so weit würde er vielleicht nicht gehen, aber „ausgeschlossen ist das nicht. Die Methodik ist zumindest geeignet dafür“. Die Schatztruhe, die jetzt geöffnet werden soll, kann ganz neue Einsichten über das Leben der Fledertiere liefern – durch die Erforschung der Vorfahren. Zellen, Gewebe und Sekrete werden genetisch untersucht. „So genau hat sich das bisher noch niemand angeguckt“, sagt der Biologe.

Kriminaltechniker befassen sich mit Bad Segebergs Fledermäusen: Das europaweit einzigartige Zentrum Noctalis lässt genetische Fingerabdrücke von den Tieren erstellen, in Kooperation mit dem Hamburger Labor ForGen. Eine Sisyphos-Arbeit, die jetzt beginnt.

Durch die Datenanalyse erhofft man sich Antworten auf Fragen wie: Hat es einst ein Aussterbeereignis gegeben? Lebten früher andere Arten hier? Hat sich die Zusammensetzung der Arten verändert? „Die Bechsteinfledermaus gilt als echte Urwaldfledermaus“, sagt Gloza-Rausch. Und damit im europäischen Raum als am stärksten an den Wald gebunden. „Schleswig-Holstein ist aber das waldärmste Bundesland.“

Braucht diese Art also tatsächlich große Waldgebiete, oder hat sie sich angepasst? Die Erbsubstanz kann aber auch genetische Verarmung nachweisen. Die Bechsteinfledermaus lebt relativ isoliert in Schleswig-Holstein. Stabile Populationen gibt es sonst nur in Süddeutschland. „Sie müssen sich also austauschen, damit die Fortpflanzung funktioniert. Sonst kommt es zu Inzuchteffekten“, erklärt Gloza-Rausch die Bedeutung für den Artenschutz. „Vielleicht kann man aber auch schon von einer neuen Unterart sprechen. Das ist alles offen. Wir sind sehr gespannt, wie die Daten interpretiert werden.“

Diese Aufgabe übernimmt ForGen, ein Hamburger Labor für forensische Genetik und Rechtsmedizin. Dort beschäftigt man sich in der Regel mit Abstammungsgutachten, Vaterschaftstests und Spurenuntersuchungen bei Mensch und Tier, wie Hunden, Katzen oder Pferden. Jetzt freuen sich Leiterin Nicole von Wurmb-Schwark und ihre Mitarbeiter auf Abwechslung: „Als teilweise gebürtige Bad Segeberger ist das etwas ganz Besonderes für uns“, sagt der forensische Genetiker Jan-Hendrik Modrow. „Wir genießen die neue Herausforderung.“

Zustande kam die Kooperation durch Noctalis-Mitarbeiterin Patricia Bulang. Sie hat in Hamburg Biologie studiert und ein Praktikum bei ForGen absolviert. Jetzt bereitet sie sich auf ihr Masterstudium vor – mit Knochen und Spucke von Fledermäusen. Denn die beinhalten das Genmaterial. Sie wird im Noctalis die Proben vorbereiten: Knochen zerhämmern, Material extrahieren und Reagenzien befüllen. „Wir sind alle befeuert von dieser Zusammenarbeit und hoffen, dass wir mit unseren Fähigkeiten später für ein gefördertes Projekt überzeugen“, so Gloza-Rausch.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. „Wir sind ganz am Anfang. Für uns ist das ein Startschuss, um unsere Forschung wieder mehr zu beleben und ein großes Stück vorwärts zu bringen.“ Modrow schätzt, dass die Multiplex, der molekulare Werkzeugkasten für die Arten, in einem halben Jahr steht. Dann beginnen die Auswertungen und Analysen mittels Datenbank.

Fledermäuse leben seit Hunderten Jahren in der Kalkberghöhle. Dabei hat sich eine große Menge an Knochen abgelagert, wie Schädel, Kiefer oder Schulterblätter. Vor etwa zehn Jahren wurden viele davon ausgegraben. Dabei wurde 2010 zum Beispiel erstmals die Nymphenfledermaus für Bad Segeberg und Schleswig-Holstein nachgewiesen, die nicht hier lebt.

15 Fledermausarten sind in Schleswig-Holstein heimisch, davon sieben in der Kalkberghöhle: Wasserfledermaus, Fransenfledermaus, Teichfledermaus, Große Bartfledermaus, Bechsteinfledermaus, das Braune Langohr und das Große Mausohr. „Wir arbeiten daran, dass mehr daraus werden“, sagt Gloza-Rausch. Während derzeit mehr als 25000 Tiere im Winterschlaf von den Höhlendecken hängen, geht im Noctalis die Arbeit los: „Die Fledermäuse schlafen, wir aber nicht.“

 Von Irene Burow