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Segeberg Notorischer Ladendieb muss erstmals hinter Gitter
Lokales Segeberg Notorischer Ladendieb muss erstmals hinter Gitter
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17:30 18.10.2018
Foto Wolfgang Maxwitat. NoWi. Symbolfoto Ladendiebstahl / klauen Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Kiel

Ein notorischer Ladendieb aus dem Kreis Segeberg, der seit 2012 immer wieder straffällig wurde, muss erstmals hinter Gitter. Zwei Bewährungsstrafen seien Warnung genug, befand eine Berufungskammer des Kieler Landgerichts und bestätigte am Mittwoch ein Urteil des Amtsgerichts Norderstedt. Dieses hatte im Februar fünf Monate „Haft pur“ gegen den 54-jährigen Familienvater verhängt.

Im Vorstrafenregister des Eigenheimbesitzers macht das jüngste Urteil das Dutzend voll. Zudem ist bereits ein neues Verfahren wegen Diebstahls anhängig. Die Verteidigung kämpfte deshalb vergebens um Bewährung. Da half es dem zu 50 Prozent schwerbehinderten Vater von vier Kindern auch nicht, dass der Wert der in Norderstedt und Tangstedt gestohlenen Waren – zwei Gaskartuschen und vier Packungen Tabak – nur im zweistelligen Eurobereich lag.

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Als ein Kaufhausmitarbeiter den Angeklagten im Februar 2017 auf frischer Tat ertappt und ins Büro gebeten hatte, entschuldigte dieser sich und wollte das Diebesgut unbedingt bezahlen. „Zu spät“, so der Zeuge. Laut Polizeibericht hatte der Wiederholungstäter 900 Euro Bargeld bei sich. Es ist wohl auch eher „seelische Not“, die den vor 20 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gezogenen Mann zum Serientäter mache.

Eine psychologische Sachverständige bescheinigte dem seit 2005 nicht mehr berufstätigen Lkw-Fahrer eine schwere depressive Anpassungsstörung. Mit dem Kauf der Immobilie 2004 habe er sich offenbar übernommen. Auf den Umzug ins Eigenheim folgten der Jobverlust und die Geburt eines behinderten Kindes. Bei einem Hausbesuch notierte die Gutachterin „furchtbare Zustände“.

Der Angeklagte, sagte sie, lebe in einem chaotischen Messi-Haushalt ohne Tageslicht im Wohnzimmer. Er verfüge über keine sozialen Kontakte mehr. Seine dominante Ehefrau behandle ihn „wie ein Kind“. Nur noch von Ärzten werde er mit Aufmerksamkeit belohnt – für Leiden, die organisch nicht nachweisbar seien. Die Sachverständige nannte den mit Psychopharmaka behandelten Angeklagten einen Hypochonder, in dessen Umgebung „eigentlich nichts mehr positive Gefühle auslöst“.

Dass der Mann leide, steht für die Sachverständige außer Frage. Sein Leben sei entgleist, sein Selbstwertgefühl am Boden. Eine verminderte Schuldfähigkeit schloss die Gutachterin nicht aus. „Klauen gehen“, erklärte sie, verschaffe dem Mann „einen Lichtblick, eine gewisse Freude im Nehmen“. Die Psychologin empfahl die dauerhafte Anbindung an eine Tagesstätte, „dass er rauskommt aus dem häuslichen Sumpf“. Zumindest letzteren Effekt dürfte auch das gestern bestätigte Urteil haben.

Thomas Geyer