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Segeberg Pflegeberuf braucht mehr Wertschätzung
Lokales Segeberg Pflegeberuf braucht mehr Wertschätzung
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20:54 15.08.2018
Mitarbeiterin Antje Holst präsentierte Ministerpräsident Daniel Günther die große Musterwohnung des Kompetenzzentrums. Quelle: Foto: Burkhard Fuchs
Norderstedt

Ganz entspannt legte sich der Ministerpräsident auf dem Liegestuhl zurück, ließ sich dabei in aller Ruhe hin- und herschaukeln und schloss die Augen. Für ein paar Minuten schien Daniel Günther sich vom Besuchs-Stress seiner selbstgewählten Sommertour zu erholen.

Im Kompetenzzentrum für Demenz in Norderstedt ließ er sich zeigen, mit welchen Hilfsmitteln das Leben der 60000 demenzkranken Menschen im Land, 4500 davon im Kreis Segeberg, verbessert werden könnte. Die allerdings, wie im Fall des besonderen Liegestuhls aus Dänemark, mit 6000 Euro Anschaffungskosten nicht immer billig seien, wie ihm Antje Holst erklärte, eine der sechs Mitarbeiterinnen im Kompetenzzentrum, das seit 2011 landesweit arbeitet.

Daniel Günther informierte sich auch über sinnvollle Hilfsmittel.

Erst vor einem Jahr hatte Sozialminister Heiner Garg den Förderbescheid des Landes persönlich nach Norderstedt gebracht. Nun sei mit 2,5 Millionen Euro für fünf Jahre, die sich das Land und die Pflegekassen je zur Hälfte teilten, die Arbeit des Demenzzentrums bis zum Jahr 2022 gesichert, erklärte deren Leiter Swen Staack.

Das Aushängeschild des Zentrums ist eine 300 Quadratmeter große Musterwohnung, die als eine der bundesweit ersten dieser Art mit konkreten Beispielen aufzeigt, wie Angehörige das Leben ihrer an Demenz und Alzheimer erkrankten Lieben besser, einfacher und sicherer machen können. Das fange beim Handlauf aus Holz für die Treppe an, an dem sich die Demenzkranken besser festhalten könnten als an dem von der Krankenkasse bezahlten Metalllauf, erläuterte Antje Holst. Und es höre nicht auf bei den Abdeckungen von scharfen Kanten an Tischen, übertapezierten Türen, damit die Kranken nicht plötzlich durch die weglaufen könnten, oder knallbunte Utensilien in der Küche, die die Betroffen viel besser erkennen und somit nicht so oft fallen lassen oder sich damit schneiden könnten.

Demenz ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu-Thema“, sagte Staack. Auch wenn sich die Menschen außer vor Krebs vor keiner anderen Krankheit heute im Alter mehr fürchten würden. „Es ist wohl für viele das Schlimmste, wenn ihr Verstand verloren geht.“ Dies sei meist ein schleichender Prozess, der sich meist ab 65 Jahren über acht Jahre erstrecken könnte, von den ersten Ausfallerscheinungen bis zum fortgeschrittenen Stadium des Vergessens von Sprache, Begriffen, Gedächtnis und den nächsten Verwandten.

Ministerpräsident Günther zeigte sich sehr interessiert und beeindruckt, hakte immer wieder nach. Vor allem das zunehmende Fehlen an Fachkräften erkannte er als großes Problem, das unbedingt gelöst werden müsste. „Wir müssen die Ausbildung in der Pflege verbessern und die Wertschätzung dieses Berufs jungen Menschen näher bringen“, forderte Günther. Denn nicht jeder könnte diesen anstrengenden Beruf ergreifen, betonte auch Kompetenzzentrums-Leiter Staack. Das seien hochqualifizierte Leute, die aber nicht die Anerkennung erführen, die ihnen gebühre. „An der Bezahlung liegt es nicht allein.

Der Beruf muss attraktiver gestaltet werden. Er gilt in unserer Gesellschaft oft als minderwertig“, sagte Staack. Dabei sei dies „ein erfüllender Beruf“, befand auch Ministerpräsident Günther und versprach, daran mitzuwirken, dass sich dieses schiefe Bild in der Gesellschaft bald ändere.

Von Burkhard Fuchs