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Segeberg Streit um Geflüchtete: Ruhe kehrt ein in Boostedt
Lokales Segeberg Streit um Geflüchtete: Ruhe kehrt ein in Boostedt
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11:54 04.02.2019
Experten diskutierten auf Einladung der Grünen in Boostedt über die Flüchtlingssituation: Norbert Scharbach (Innenministerium, v.l.), Eka von Kalben (Grünen-Fraktionschefin Landtag), Martin Link (Flüchtlingsrat), Pastor Hartmut David, Susanne Danhier (Kirchenkreis) und Hartwig Puhlmann (Runder Tisch). Quelle: Burkhard Fuchs
Boostedt

 Die große Aufregung um die Landesunterkunft mit zurzeit noch etwa 1200 Flüchtlingen in Boostedt ist verflogen. Nur etwa 30 Bürger kamen zur Podiumsdiskussion „Flucht mit und ohne Bleibe-Perspektive“, zu der der Segeberger Kreisverband der Grünen in den Hof Lübbe eingeladen hatte. Der Austragungsort dient seit 30 Jahren als Bürgerhaus für die 4600 Einwohner zählenden Gemeinde.

Bürgermeister Hartmut König (CDU) hatte im vergangenen Sommer die Debatte angeheizt, als er praktisch über die Medien einen Hilferuf an die Landesregierung sandte. Darin schilderte er, dass seine Gemeinde mit den vielen geflüchteten Menschen nicht mehr fertig würde, die in der großen Mehrzahl in der alten Rantzau-Kaserne auf ihre Abschiebung warteten.

Mehr zum Thema: Hier lesen Sie mehr zum Boostedter Streit

Dieser Appell sei richtig gewesen, sagte König jetzt. Schließlich habe die Gemeinde mit dem Land erreichen können, dass die Unterbringung der Asylsuchenden 2024 endgültig vorbei sei und bis Ende 2019 nur noch 500 Geflüchtete in Boostedt sein sollen. Bis dahin werde in Rendsburg eine weitere Landesunterkunft geschaffen. CDU-Innenstaatssekretär Torsten Geerdts widerspricht im Ausschuss aber der Darstellung des Bürgermeisters, dass in dem Ort die Probleme mit Flüchtlingen aus dem Ruder liefen (die LN berichteten hier).

„Situation hat sich zurecht geruckt“

Bürgermeister Hartmut König (CDU) schickte einen Hilferuf an die Landesregierung. Darin beschrieb er die Lage im Dorf als schwierig. Nun bekräftigte er sein Hilfe-Gesuch. Quelle: Fuchs

Seit August habe sich die Situation in seinem Dorf „zurecht geruckt“, sagt König. „Die Stimmung im Dorf ist gut“, bestätigt auch Vize-Bürgermeisterin Birgit Vonderschmidt (parteilos). Großen Anteil daran habe der Runde Tisch mit verschiedenen Institutionen, Politikern und kirchlichen Vertretern aus Boostedt. Der kommt monatlich zusammen, um wichtige Themen zu besprechen, erklärte deren Leiter Hartwig Puhlmann. Es gebe tägliche Sport- und Freizeitangebote an der Schule, die von den Kindern vorbehaltlos angenommen würden, ganz egal, welcher Nationalität sie angehörten. „Nach zehn Minuten Trampolinspringen kann man nicht mehr unterscheiden, woher sie kommen.“

Kinder würden sowieso überall auf der Welt auf andere Menschen zugehen, ist die Erfahrung des Pastors Hartmut David von der Boostedter Barthalomäus-Gemeinde. „Angst macht uns vor allem das, was wir nicht kennen.“ Insofern sei es wichtig, dass die Bürger aufgeklärt und informiert werden und da über mögliche Probleme gesprochen wird. „Wir müssen lernen, einander zuzuhören.“

Ohnehin sei Boostedt wohl „das zurzeit friedlichste und sicherste Dorf in Schleswig-Holstein“, erklärte der Polizeibeamte Puhlmann. „Es gibt hier keinerlei Straftaten auf der Straße, keinen Vandalismus, keine Raub- oder Sexualdelikte“, weiß der Leiter des Runden Tisches in Boostedt.

Stress im Dorf dank fehlender Bleibeperspektive

„Die Stimmung im Dorf ist gut“, bestätigt auch Vize-Bürgermeisterin Birgit Vonderschmidt (parteilos). Quelle: Fuchs

51 der 53 Kirchengemeinden des Kirchenkreises Altholstein hätten seit 2015 für eine wahre Willkommenskultur mit Flüchtlingscafés, Kleiderkammer und Deutschkursen gesorgt, erklärte Susanne Danhier vom Kirchenkreis. Als dann aber nur noch geflüchtete Menschen nach Boostedt kamen, für die der Ort eine Art Endstation sein sollte auf ihrem Weg zurück ins Heimatland, sei die Stimmung gekippt – im Dorf und bei den Bewohner. Denn wenn sie keine Bleibeperspektive hätten, führe das zu „Stress“ bei den Asylsuchenden, weiß Martin Link vom Flüchtlingsrat.

Kommentar zum Thema: Die etwas andere Sicht auf die Lage in Boostedt

Doch diese unglückliche Struktur werde sich bald ändern, wenn Rendsburg als Ausweichquartier geschaffen sei, erklärte Norbert Scharbach aus dem Innenministerium in Kiel. Dann könnten Asylsuchende aus Ländern, die verfeindet seien, besser voneinander getrennt werden.

Für Scharbach trägt der Bund Mitschuld an dieser Entwicklung. So seien seit 2016 sechs neue große Ausländergesetze geschaffen worden, die den Schutzstatus aller Asylsuchenden von 62,4 Prozent in 2015 auf unter 30 Prozent in 2018 gesenkt hätten.

Land bedauert, das Landesunterkunft geht

Zudem habe das Land Schleswig-Holstein gerade im Bundesrat eine Gesetzesinitiative gestartet, die auch Asylsuchenden ohne bisherige Bleibeperspektive die Chance auf ein Bleiberecht ermöglichen soll, wenn sie sich hier gut integriert und Arbeit gefunden haben. Das habe zwar noch keine Mehrheit im Bundesrat gefunden. Aber immerhin sechs weitere Bundesländer hätten diesem Antrag zugestimmt, freute sich Scharbach, der es bedauert, dass Boostedt nicht dauerhaft die Landesunterkunft behalten möchte. „Die Flüchtlingsunterbringung in Boostedt ist eine Erfolgsgeschichte.“

Neumünster ersetzt Boostedt

Zwar soll die Zahl der in Boostedt untergebrachten Asylbewerber, bis Ende 2019 von jetzt 1200 auf 500 reduziert werden. Die Zahl der Menschen, die das Land in seinen Einrichtungen unterbringen muss, wird dadurch aber nicht weniger. Der Plan des Landes sieht vor, die Kapazität der Erstaufnahmeunterkunft in Neumünster von jetzt 772 auf dann 1500 praktisch zu verdoppeln, weshalb sich zuletzt auch dort Unmut regte. Ab 2024 soll Neumünster dann die einzige Unterkunft in Schleswig-Holstein sein. Ein Vorschlag von Bürgermeister Hartmut König, der sich für drei Unterkünfte im Land mit jeweils 500 Plätzen ausgesprochen hatte, gilt aus Kostengründen als eher unrealistisch.

Aber dann dürfe es auch nicht an der heute so wichtigen Infrastruktur mangeln, warnte Gastgeberin Eka von Kalben, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag. So war im Sommer, als Bürgermeister König seinen Hilferuf nach Kiel sandte, das WLAN-Netz in der Landesunterkunft zusammengebrochen. Die geflüchteten Menschen hielten sich deshalb vor allem am Bahnhof auf, wo es dann auch bald abgeschaltet wurde. Doch dann habe ein kleines Unternehmen aus Norderstedt, wilhelm.tel., die Breitband-Tochter der Stadtwerke, schnell wieder für ein beständiges WLAN-Netz in der Unterkunft gesorgt. „Für manche Menschen ist heute WLAN wichtiger als was zu essen“, so die Landtagsabgeordnete.

Burkhard Fuchs

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