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Segeberg Politik sucht Rezepte gegen den Hausarztmangel
Lokales Segeberg Politik sucht Rezepte gegen den Hausarztmangel
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16:42 19.02.2019
Der Arzt des Vertrauens ist auch im Kreis Segeberger immer schwieriger zu finden – oder zu behalten. Quelle: dpa-Zentralbild
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Bad Segeberg

Überfüllte Wartezimmer, lange Wartezeiten auf Termine oder sogar Aufnahmestopp in einigen Arztpraxen – die Mängel in der hausärztlichen Versorgung kommen bei immer mehr Segebergern an. Und im Moment deutet nichts darauf, dass sich die Lage wieder entspannt. Im Gegenteil ist mit noch größeren Engpässen zu rechnen, wenn etablierte Praxen mangels Nachfolgeregelungen in den kommenden Jahren aufgeben müssen. Die Parteien im Segeberger Kreistag suchen deshalb jetzt nach Wegen, um möglichst schnell gegenzusteuern. Aber wie bewegt man junge Mediziner dazu, eine aussichtsreiche Karriere in einer Großstadtklinik gegen eine Stelle auf dem „platten Land“ einzutauschen?

Stipendien für Studenten?

Die Christdemokraten im Kreis schlagen dafür jetzt Stipendien für Medizinstudenten vor. Eine Idee, die im Hochsauerlandkreis bereits erfolgreich erprobt worden sei, erklärt Kreis-Gesundheitspolitikerin Angelika Hahn-Fricke. Nach bestandenem Physikum könnten sich Nachwuchs-Ärzte um dieses Segeberg-Stipendium bewerben, das für den Rest des Studiums dann eine monatliche Zuwendung von bis zu 500 Euro bedeuten würde. „Als daran geknüpfte Bedingung müssten sie anschließend aber für wenigstens vier Jahre im Kreis praktizieren“, erläutert Hahn-Fricke das Konzept.

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Die jährlichen Gesamtkosten bei vier bis fünf Stipendiaten pro Jahr beziffert die Christdemokratin mit etwa 120 000 Euro, was gemessen am Nutzen ein überschaubarer Betrag sei. Es handele sich allerdings auch nicht um ein Allheilmittel, räumt die Kreistagsabgeordnete ein. Denn erstens dauere es einige Jahre, bis dann die ersten Jung-Mediziner zur Verfügung stehen. Und ob die so Geförderten dann auch tatsächlich im Kreis landeten, sei keinesfalls ausgemacht. Denn auch Kliniken kämpfen händeringend um kompetenten Nachwuchs. Sie könnten die Stipendiaten also einfach „freikaufen“ und selbst anwerben.

Unterstützung bei der Praxis-Übernahme

Alternativ könnten Kreisgelder deshalb auch verwendet werden, um etablierte Praxen bei der Übernahme durch die nächste Generation zu unterstützen. „Indem wir zum Beispiel für die Sanierung von Praxisräumen oder moderne Ausstattung aufkommen“, sagt Hahn-Fricke.

Die CDU hätte in dieser Frage möglichst schnell eine Entscheidung, während die anderen Fraktionen auf die Bremse treten. „Auch für uns ist der Hausärztemangel derzeit das Thema Nummer eins, dessen sich der Kreis annehmen muss“, sagt SPD-Fraktionschefin Edda Lessing. Bevor Maßnahmen beschlossen würden, müsse aber klar sein, in welcher Weise der Kreis überhaupt steuernd eingreifen könnte und welche Lösungen für den Kreis Segeberg überhaupt passend seien.

Dabei sei auch zu berücksichtigen, dass die Lage innerhalb des Kreises höchst unterschiedlich sei. Während es zum Beispiel im urban geprägten Südkreis noch überhaupt keine Probleme mit der Versorgung gebe, sehe das im ländlichen Osten wieder ganz anders aus. Ein „Gießkannenprinzip“ dürfe es daher nicht geben. Eine wie auch immer geartete Hilfe müsse dort ankommen, wo sie tatsächlich benötigt werde.

Regionale Ärztezentren der Kommunen

Nicht vom Tisch ist für Lessing auch das Konzept regionaler Ärztezentren, wie es zum Beispiel in Büsum gemacht wird. Dort hat die Stadt sechs Ärzte angestellt und sichert so die medizinische Grundversorgung. „Das ist natürlich Sache der Städte und Gemeinden“, betont Lessing. Jedoch könnte der Kreis solche Projekte fördern und unterstützen. Bevor sich die SPD aber festlegt, will sie zunächst Beratungsgespräche der Kreisverwaltung mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV-SH) abwarten. Denn gegen die KV, da ist man sich bei der SPD einig, könne es keine sinnvollen Lösungen geben.

Überalterung bei Hausärzten

Die Hausärzte in Schleswig-Holstein waren im Jahr 2017 nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) im Durchschnitt 54,6 Jahre alt – mehr als jeder dritte ist 60 Jahre oder älter. Im Kreis Segeberg liegt das Durchschnittsalter laut KVSH bei 55,3 Jahren, 36,1 Prozent sind 60 oder älter. Insgesamt gibt es für den Kreis Segeberg 167,25 hausärztliche Stellen. Landesweit gibt es derzeit knapp 2000 Hausärzte. Gut 650 von ihnen werden in den kommenden Jahren aufhören.

Wie sehr das Thema auch den Menschen unter den Nägeln brennt, das wurde jüngst beim Tag der offenen Tür im Ärztehaus der Segeberger Kliniken deutlich. „Wir hatten nicht mit großem Andrang gerechnet, aber über den Tag kamen tatsächlich mehr als 300 Menschen“, sagt Robert Quentin, Sprecher der Segeberger Kliniken. Der Tenor in den Gesprächen habe sich dabei sehr geähnelt. Insbesondere Besucher aus Wahlstedt und Bad Segeberger hätten vielfach über die immer schlechtere Erreichbarkeit von Hausärzten geklagt.

Im Bedarfsplan noch kein Mangel erkennbar

Ein großes Problem: Auch wenn noch so laut über Ärztemangel geklagt wird, geht nichts am Bedarfsplan der KV-SH vorbei. Und der erkennt gegenwärtig noch (fast) keinen Mangel. In den drei Planungsbereichen, an denen der Kreis Segeberg Anteile hat, ist die maßgebliche Versorgungsquote von 110 Prozent fast erfüllt oder überfüllt. Im „Mittelbereich Bad Segeberg/Wahlstedt“ liegt der Versorgungsgrad bei 116,2 Prozent, im „Mittelbereich Metropolregion Südwest“, der den Segeberger Südwesten sowie den ganzen Kreis Pinneberg umfasst, bei 110,1 Prozent. Lediglich im „Mittelbereich Neumünster“ bestehe laut KV mit 109,1 Prozent eine Unterversorgung. Für das ganze riesige Gebiet, das die Stadt Neumünster und das Umland umfasst, mache das 1,5 Arztstellen aus. Überschreitet die Versorgungsquote den Wert von 110 Prozent, greift ein Zulassungsstopp. KV-SH-Sprecher Marco Dethlefsen räumt derweil ein, dass die „Statistik der Bedarfsplanung möglicherweise nicht immer mit dem individuellen Empfinden von Bewohnern in bestimmten Regionen zusammenpasst“.

Oliver Vogt

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