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Segeberg Polizei will massiv gegen Wohnungseinbrecher vorgehen
Lokales Segeberg Polizei will massiv gegen Wohnungseinbrecher vorgehen
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15:32 11.03.2015
Für viele Menschen ist es ein Alptraum, wenn Einbrecher ihr Heim durchwühlen. Manche kriegen dieses Erlebnis nicht mehr aus ihrem Kopf.
Für viele Menschen ist es ein Alptraum, wenn Einbrecher ihr Heim durchwühlen. Manche kriegen dieses Erlebnis nicht mehr aus ihrem Kopf.
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Norderstedt

Mit einer schlagkräftigen neuen Truppe will die Polizeidirektion Segeberg künftig stärker gegen Banden von Wohnungseinbrechern vorgehen. Wie die gestern vorgestellte Kriminalitätsstatistik ausweist, ist bei diesen Taten die Aufklärungsquote nämlich niedrig.

Dennoch sagt Andreas Görs, Leiter der für Pinneberg und Segeberg zuständigen Polizeidirektion (PD): „Im Kreis Segeberg lebt man immer noch deutlich sicherer als in den großen Städten und einigen anderen Kreisen Schleswig-Holsteins.“ Die Zahl der Straftaten ist gegenüber 2013 leicht auf 15823 gestiegen. Genauso wie die Aufklärungsquote: Sie lag 2014 bei 45,9 Prozent. Also nicht einmal die Hälfte. Allerdings schwankt dieser Wert enorm — je nach Straftat. Morde werden fast immer aufgeklärt, bei Wohnungseinbruchdiebstählen (Polizeikürzel: WED) liegt die Quote bei nur 12,5 Prozent (+2,7).

In der PD will man sich in Zukunft nun noch stärker auf die Aufklärung der WED stürzen. Sie gehören zur variantenreichen Deliktgruppe der Diebstähle, die in Segeberg rund 50 Prozent aller Straftaten ausmachen, so Görs. Einbrecher dringen tief in die Privatsphäre ihrer Opfer ein. Das belaste einige so stark, „dass sie hinterher nicht mehr in ihrem Haus leben können“. Die Polizei wolle künftig intensiver gegen WED vorgehen. Diese konzentrierten sich an die Achsen entlang der Autobahnen 7, 1 und 21 — ideale Fluchtwege. „Keine andere PD ist von diesen Straftaten so betroffen“, sagt Görs. Und bei denen habe man es oft mit organisierten Banden zu tun, ergänzt Ingo Minnerop, Kripochef der PD. Ausschwärmen, eindringen, einpacken und beim Chef abliefern. Das sei das Prinzip von Banden, die teils aus Chile, Serbien und Rumänien kommen. Allein zwischen Oktober 2014 und März 2015 habe es in Segeberg 401 Taten dieser Art gegeben. Da besteht Handlungsbedarf, stellt Görs fest.

In der PD verfolgt man ein neues Konzept. Und das heißt: „Intensiver Einsatz von zivilen und uniformierten Kräften“ statt zentral organisierter Großkontrollen. „Gesteigerte Präsenz“, nennt Görs das.

„In diesem Bereich machen wir eine ganze Menge — ohne dass die Bevölkerung dies mitbekommt.“ Problem: Bei organisierten Banden würden verhaftete Einbrecher sofort durch andere ersetzt. Görs: „Das ist wie eine Hydra.“ Immerhin: Werden die Einbrecher gestört, „hauen die meistens ab“, gingen der Konfrontation mit den Bewohnern aus dem Weg, so Minnerop.

Die Arbeit der Polizei scheint Früchte zu tragen. Die Aufklärungsquote sei gestiegen, „trotzdem ist die Zahl der Fälle immer noch sehr hoch.“ Daher wird die PD eine Einheit zur „Komplexermittlung“

bekommen, zehn zusätzliche Mitarbeiter, die sich mit Banden- und Serienkriminalität befassen sollen. Bei Bedarf sollen sie sich aber auch anderen Sachverhalten zuwenden.

Neben den WED werde der Schwerpunkt der Polizei 2015 in den Bereichen Jugend- und Rauschgiftkriminalität liegen, kündigt Görs an. Einen Drogentoten hat es 2014 gegeben. Die Zahl der Rauschgiftdelikte ist um 21 Prozent gestiegen. Cannabis ist die am meisten gehandelte Droge, Heroin spielt eine untergeordnete Rolle, Crystal Meth keine (nur ein bekanntgewordener Fall). In einigen Bereichen (Sachbeschädigung, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, Fahrraddiebstahl) machen junge Leute über 50 Prozent aller Täter aus. Bei Raub sind die Täter zu 38 Prozent zu dieser Gruppe gehörig. Die meisten Straftaten der bis zu 21-Jährigen begehen 14- bis 18-Jährige.

„Drei Minuten — länger brauchen sie nicht“
„Schmuck und Bargeld haben sie mitgenommen. 4000 Euro Schaden“, sagt Gitta Gosch. Nun sitzt sie zwischen rund 50 anderen in Altengörs und Umgebung, um sich von der Polizei zu Schutzmaßnahmen vor Einbrüchen beraten zu lassen. Angst habe sie nicht, aber ein paar Tage lang war da schon so ein „komisches Gefühl“. Auch Rolf Heykes hat so seine Erfahrungen gemacht. Dabei ist es 25 Jahre her, dass bei seiner Familie eingebrochen wurde. Junkies verwüsteten damals die Wohnung. „Meine Frau wollte dort nicht mehr leben, ist ausgezogen. Ein bisschen hat sie heute noch Probleme dadurch“, sagt er.
Noch vor drei Jahren war die Region zwischen Traventhal und Stubben in Bezug auf Wohnungseinbrüche ein weißer Fleck. Doch die Lage hat sich geändert: Allein im südöstlichen Bereich von Bad Segeberg gab es bis einschließlich Anfang März 23 versuchte oder vollendete Taten. In Leezen haben sich die Einbrüche auf zwölf vervierfacht — um nur einige Beispiele zu nennen. Im Schnitt, so die Polizei, entstehe ein Schaden von 2500 bis 3000 Euro.
Man habe mit einer Verdrängung an den Hamburger Rand gerechnet, denn die Hansestadt sei stark aufgestellt, so Hauptkommissar Bernd Kanert. „Aber wir laufen der Entwicklung eigentlich immer hinterher“, räumt er ein. Abhilfe soll das sogenannte WED-Konzept schaffen, das alle Informationen landesweit auswertet und zu dem auch verstärkte Streifenfahrten und Präventionsarbeit der Ordnungshüter vor Ort gehören. Hierbei steht der Schutz des Eigentums im Vordergrund.
„Wir haben es vor allem mit Gelegenheits- und gewerbsmäßigen Tätern zu tun“, fasst Polizist Jürgen Schlichting zusammen. Diese Einbrecher wollen keinen Bewohnerkontakt, schnell weg und möglichst kein Risiko eingehen. „Drei Minuten — länger brauchen sie nicht. Und sie wissen, wo sie suchen müssen. Wichtigstes Werkzeug ist ein Schraubendreher, der zur Not auch als Waffe dienen kann“, so Schlichting weiter.
Zwischen November und Februar sei Hauptsaison. Bevorzugte Tageszeiten gebe es ebenfalls: zwischen 17 und 21 Uhr (im Sommer zwischen 8 und 13 Uhr). Schlichting: „Sie kommen in der Regel nicht nachts, sondern wenn niemand zu Hause ist.“ Der beste Schutz, so die Polizei, ist der mechanische. Daneben hat sie aber auch einige allgemeine Tipps parat. Licht am Haus, Klingel abschalten — das verunsichert. Haustüren gehören abgeschlossen, Fenster richtig verriegelt und Leitern lässt man nicht auf dem Grundstück stehen, sondern packt sie weg. „Außerdem gehören Schmuck und Bargeld auf die Bank, nicht ins Haus“, so Schlichting, der dringend davon abrät, „den Helden zu spielen“ und gleichzeitig auffordert, verdächtige Beobachtungen immer zu melden.
Kripo fahndet mit Fotos nach Tresordieben
Erst suchte das Einbruchsopfer selbst via Facebook nach den Tätern (die LN berichteten), nun hat auch die Polizei mit richterlichem Beschluss Bilder der Überwachungskamera, die die Einbrecher in Norderstedt zeigen, veröffentlicht.
In der Zeit vom 27. Februar bis zum 1. März sollen mindestens drei, vermutlich aber vier, bislang unbekannte Täter in ein Reihenhaus in der Segeberger Chaussee eingebrochen sein und einen schweren Tresor gestohlen haben. Der 200-Kilogramm-Safe wurde höchstwahrscheinlich mit einem Fahrzeug abtransportiert. Die Kriminalpolizei in Norderstedt bittet deswegen die Bevölkerung um Mithilfe und fragt:
Wer kennt die hier abgebildeten Männer oder hat zu der Tatzeit etwas ungewöhnliches in dem Bereich gesehen? Hinweise telefonisch an die 040/528060.
Das Einbruchsopfer hatte bereits in der vergangenen Woche über Facebook versucht, die Männer zu finden, die aus seinem Haus nach eigenen Angaben Uhren und Schmuck „von erheblichem Wert“ gestohlen haben sollen. Er veröffentlichte Fotos von zwei Männern, dazu unter anderem Sätze wie: „Wer von Euch kennt einen dieser Herren!? Für Hinweise zur Ergreifung setze ich eine Belohnung in Höhe von 10000 Euro aus!!!!!!!!“. Innerhalb weniger Stunden wurde der Beitrag rund 2000-mal geteilt, bis er plötzlich gelöscht war. Aktuell kursiert der Beitrag mit den Fotos wieder im Internet. Polizei und Datenschützer hatten in diesem Zusammenhang vor einer Privatfahndung über die sozialen Medien gewarnt. jwu
Zahlen und Fakten aus der Statistik 2014
• 16,3 Prozent aller Straftäter (6188 Tatverdächtigte wurden ermittelt) standen unter Alkoholeinfluss. 7262 Taten wurden aufgeklärt.

• 2014 wurden vier Menschen getötet, 89 Mal wurde ein Brand gelegt.

• Senioren haben am meisten Angst, Opfer einer Straftat zu werden — werden es aber nur selten. Die meisten Opfer (31 Prozent) sind jünger als 21.

• Statistisch gesehen lebt es sich im Kreis Plön am sichersten, der Kreis Segeberg liegt im Mittelfeld. Schlusslicht ist Neumünster. Die „unsicherste Stadt“ im Kreis ist Bad Segeberg.

• 111 Polizeibeamte wurden Opfer von Straftaten. Zudem sind rund 500 Beleidigungen aktenkundig geworden.

hil Christian Spreer