Pronstorfer Pastor predigt an Heiligabend aus dem Pferdeanhänger
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Segeberg Pronstorfer Pastor predigt an Heiligabend auf den Dörfern aus dem Pferdeanhänger
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Pronstorfer Pastor predigt an Heiligabend aus dem Pferdeanhänger

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19:00 23.12.2020
Pastor Peter Lübbert bringt Weihnachten mit Mini-Gottesdiensten aus dem Pferdeanhänger auf die Dörfer.
Pastor Peter Lübbert bringt Weihnachten mit Mini-Gottesdiensten aus dem Pferdeanhänger auf die Dörfer. Quelle: 54° / Felix Koenig
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Pronstorf

Vor der alten Pronstorfer Feldsteinkirche aus dem 12. Jahrhundert hat jemand einen Pferdeanhänger abgestellt. Grüne Tannen-Girlanden mit roten Kugeln, die an den Seiten des Zugwagens hängen, deuten schon darauf hin, dass dies kein gewöhnlicher Wagen ist. Auch Pferde sind nicht zu sehen oder zu hören. Als Pastor Peter Lübbert die große Klappe herunterlässt, kommt das Werk vieler fleißiger Helfer aus der Gemeinde zum Vorschein. Sie haben den Anhänger in eine wunderschöne Weihnachtskrippe verwandelt – mit Stroh, Tannenzweigen, einer hölzernen Krippe, den Figuren von Josef und Maria und einem leuchtenden Weihnachtsstern. An Heiligabend wird dieser Wagen durch die Dörfer der Gemeinde fahren, denn Pastor Lübbert hat einen Plan: Wenn die Menschen wegen Corona nicht in die Kirche kommen können, muss die Kirche eben zu den Menschen kommen.

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Idee ist bereits im Sommer entstanden

Die erste Idee hatte der 36-jährige Pastor, der seit fast sieben Jahren in der Gemeinde Pronstorf ist, schon im Sommer. „Als Ostern alles ausgefallen ist und die Kirche wochenlang geschlossen war, war das sehr deprimierend“, erinnert sich Lübbert. Deshalb hatte er sich damals zum ersten Mal überlegt, dass es eine Art „Notnagel“ braucht, der immer funktioniert. Schließlich hatte er die Idee mit einem Pferdeanhänger, der zu einer kleinen Weihnachtskrippe umgebaut ist, an Heiligabend auf die vielen Dörfer seiner Gemeinde zu fahren, um mehrere kleine Open-Air-Gottesdienste abzuhalten. Dabei ist die Idee viel mehr als ein „Notnagel“, denn der Pastor hat schon bei früheren Open-Air-Gottesdiensten zu Feuerwehr- oder Dorfjubiläen gespürt, dass sich die Menschen auf den Dörfern freuen, wenn etwas bei ihnen direkt vor Ort stattfindet.

Gemeindesekretärin Andrea Behrens-Nier, Kirchenmusikerin Annette Havemann und ihre Tochter Salome Havemann sowie Heidemarie Thissen aus dem Kirchengemeinderat haben den Pferdeanhänger mit viel Liebe und Geschick in eine Krippe verwandelt. Quelle: Felix Koenig 54°

Gottesdienst in der Kirche nicht möglich

In der Kirche Gottesdienste mit Abstand zu feiern, wie es einige andere Gemeinden versuchen wollen, war für Lübbert keine Alternative. Dafür sei die Vicelinkirche einfach zu klein. „Unter den strengen Hygienebedingungen fasst unsere Kirche so wenige Menschen, dass wir unzählige Gottesdienste feiern müssten, dazu dann das regelmäßige Lüften und Desinfizieren. Das wäre für niemanden schön gewesen und der Aufwand sehr hoch“, sagt Lübbert. Absagen wollte der engagierte Pastor den Gottesdienst an Heiligabend aber auch nicht. „Meine persönliche Meinung ist, dass wir den Menschen an Weihnachten eine Hoffnung vermitteln können, die gerade in diesem Jahr unheimlich wichtig ist. Wir sind da – und das ist ein Zeichen dafür, dass Gott auch da ist“, sagt Lübbert. Trotzdem kann er auch jede Gemeinde verstehen, die den Gottesdienst lieber abgesagt hat. „Gottesdienste stattfinden zu lassen oder abzusagen: Beides sind für mich total nachvollziehbare Entscheidungen. Ich finde es nur schwierig zu sagen, dass das eine oder andere verantwortungslos ist.“

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Kirchengemeinde hat lange beraten

Auch die Kirchengemeinde Pronstorf hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. „Als der zweite Lockdown kam, haben wir uns noch einmal beraten“, sagt Lübbert. Die Entscheidung war schließlich, an den „mobilen“ Gottesdiensten festzuhalten, aber die Rahmenbedingungen erneut anzupassen. So mussten sich die Besucher für die Gottesdienste auf den Dörfern anmelden, weswegen leider auch keine spontanen Besucher erlaubt sind. „Zudem haben wir uns entschieden, nicht den gesetzlichen Rahmen auszuschöpfen und 100 Besucher zuzulassen, sondern höchstens 70“, sagt der Pastor und betont: „Wir versuchen, den sichersten Rahmen überhaupt zu geben.“ Trotzdem bleibe natürlich immer ein Restrisiko. „Dessen muss sich jeder bewusst sein und in seiner eigenen Verantwortung für sich entscheiden“, sagt der Pastor. Und die Anmeldungen zeigen, dass viele Menschen offenbar bereit sind, dieses Restrisiko zu tragen, um an der kleinen Andacht teilzunehmen. „In einigen Dörfern sind die Listen schon komplett voll“, sagt Lübbert.

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Tour führt über sieben Dörfer

An Heiligabend wird der Pastor am Nachmittag losfahren. Seine Gottesdienst-Tour führt ihn nach Strenglin, Goldenbek, Reinsbek, Strukdorf, Geschendorf, Westerrade und zum Abschluss wird er abends in Pronstorf selbst sein. Freiwillige Helfer bereiten in den Dörfern alles vor, haken die Anmeldelisten ab und markieren die Stehplätze mit Tannenzweigen oder Lichtern, damit die Abstände eingehalten werden. Der Pastor fährt mit seiner „mobilen Kirche“ vor, die Klappe geht runter und mit einem Baustrahler wird die Inszenierung ins rechte Licht gesetzt. Es ist ein Minikrippenspiel vorgesehen, zwei Solisten machen aus der Entfernung etwas Blasmusik, dann folgen eine kurze Predigt und anschließend der Segen. Nach spätestens 20 Minuten geht es schon weiter ins nächste Dorf. Dass bei den kleinen Gottesdiensten alle Corona-Vorschriften eingehalten werden, versteht sich von selbst. Nach dem Abschlussgottesdienst warten dann zu Hause Lübberts vier Kinder und seine Frau, um mit ihm Weihnachten zu feiern. „Natürlich auch nur im kleinen Rahmen“, sagt der Pastor. Anders geht es in diesem Jahr eben nicht.

Von Sven Wehde