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Segeberg Prozess um falsche Paketboten: Zeuge belastet Angeklagten als Drahtzieher
Lokales Segeberg Prozess um falsche Paketboten: Zeuge belastet Angeklagten als Drahtzieher
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15:11 26.03.2019
Im Landgericht Kiel wird der Prozess um falsche Paketboten verhandelt, die eine Norderstedter Familie brutal überfallen haben sollen. Quelle: LN.Archiv
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Kiel/Norderstedt

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Drahtzieher eines Raubüberfalls auf eine Norderstedter Unternehmerfamilie hat ein in der Ukraine festgenommener Mittäter (23) den Angeklagten (56) am Dienstag im Kieler Landgericht mit seiner Aussage als Anführer schwer belastet. Bei dem Überfall kurz vor Weihnachten 2017 hatten sich zwei Täter als falsche Paketboten Einlass ins Haus der Opfer verschafft.

Während die Eindringlinge die Hausfrau (50) zu Boden warfen und durch den Bruch eines Halswirbels schwer verletzten, konnte die Tochter (18) im Obergeschoss einen Notruf absetzen. Die erhoffte Beute – laut Anklage rund 600 000 Euro in einem Tresor – fanden die Täter nicht. Einer wurde beim Verlassen des Hauses von der Polizei festgenommen. Der zweite, Pavel P. (23), konnte zunächst fliehen.

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Der Mittäter setzte sich in seine Heimat ab

Nach dem missglückten Coup setzte sich der junge Moldawier zunächst in seine Heimat ab. Später wurde er an der Grenze zur Ukraine festgenommen. Das um gute EU-Beziehungen bemühte Land überstellte ihn Ende Februar während des laufenden Kieler Prozesses gegen den mutmaßlichen „Chef“ Milan G. (56) den deutschen Behörden.

Jetzt sitzt der große, schlanke 23-Jährige als Zeuge vor Gericht. Auf ihn kommt ein gesonderter Prozess zu. Er dürfte die Aussage verweigern, um sich nicht selbst zu belasten. Doch Pavel P., der sich als Sportstudent und Sohn eines Polizeibeamten vorstellt, will reden. Und was er erzählt, stellt den mutmaßlichen Drahtzieher in ein schlechtes Licht.

„Wir sollten nur einen Safe abholen“

Milan G. habe ihn in Moldawien angerufen und ihm einen Zwei-Wochen-Job auf einer Baustelle im Raum Hamburg angeboten, erklärt der Zeuge, warum er sich im Dezember 2017 nach Deutschland locken ließ. Den Kontakt habe sein Kollege T. vermittelt, der ebenfalls mitarbeiten wollte. „Überrascht und schockiert“ seien sie gewesen, als der Angeklagte ihnen eröffnet habe, es gebe gar keine Arbeit. „Wir sollten nur einen Safe abholen.“

„Ich hatte Angst“, sagt Pavel P. vor Gericht. „Mit der Polizei wollte ich nichts zu tun haben.“ Doch für die Rückreise habe er weder Geld noch Papiere gehabt. Der Angeklagte habe seinen Reisepass einbehalten und ihn mit Drohungen unter Druck gesetzt. Dann habe er sie mit Klebeband, Handschuhen und einem Elektroschocker ausgerüstet und die Aufgaben und Fahrzeuge zugeteilt.

Urteil könnte Mitte April verkündet werden

Im Haus habe er der jungen Frau das Handy weggenommen und sie gefesselt, räumt der Zeuge ein. Doch dann sei er aus Angst geflüchtet. Draußen habe er bemerkt, dass er das Smartphone des Mädchens noch in der Hand hatte und es weggeworfen. T. sei von der Polizei festgenommen worden.

Milan G. habe ihm die Rückreise nach Moldawien organisiert und eingeschärft, auf keinen Fall wieder nach Deutschland zu kommen, schließt der in U-Haft sitzende Zeuge seinen Bericht. Für den Prozess hat die Strafkammer drei weitere Verhandlungstage angesetzt, ein Urteil könnte Mitte April verkündet werden.

Thomas Geyer

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