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Segeberg Rätsel um Familiendrama in Reinsbek
Lokales Segeberg Rätsel um Familiendrama in Reinsbek
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Polizeibeamte stehen am Abend der Tat vor dem Einfamilienhaus der betroffenen Familie.
Polizeibeamte stehen am Abend der Tat vor dem Einfamilienhaus der betroffenen Familie.
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Pronstorf-Reinsbek

Im Ahornweg ist es still wie eh und je. Auf die Tragödie des Vorabends, die plötzlich wie ein Unwetter über die Gemeinde Pronstorf gekommen ist, deutet nur ein Flatterband, mit dem die Polizei das blaue Holzhaus abgesperrt hat. Einige Stunde zuvor, am Montagabend um kurz vor sieben Uhr, hat hier ein 19-Jähriger offenbar zunächst seinen jüngeren Bruder, anschließend seine Eltern mit Axt und Messer angegriffen und zum Teil schwer verletzt. Die Polizei fahndete mit einem Großaufgebot nach dem jungen Mann, der sich noch in der Nacht im 80 Kilometer entfernten Hamburg selbst stellte.

19-Jähriger rastete aus und griff mit brutaler Gewalt Eltern und jüngeren Bruder an.

Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einem Familienstreit aus, der gewaltsam eskaliert ist. Die Staatsanwaltschaft Kiel hat Haftbefehl wegen versuchten Totschlags gegen den 19-Jährigen beantragt, der seine Eltern und seinen Bruder attackiert und verletzt haben soll. Er werde im Laufe des Tages dem Haftrichter vorgeführt, sagte ein Sprecher der Kieler Staatsanwaltschaft am Mittwoch.

Nach bisherigen Erkenntnissen sei der Tatverdächtige zunächst mit seinem 16 Jahre alten Bruder aneinander geraten, soll ihn mit Schlägen und Tritten malträtiert haben. Offenbar weil sie versuchte, die Schlägerei zu beenden, habe sich die Aggression des 19-Jährigen danach gegen seine Mutter gerichtet: Mit einem Beil soll er mehrmals auf die 50-Jährige eingeschlagen haben. Zwar sei es dem Vater (52) danach gelungen, seinen Ältesten zu packen und in ein Zimmer zu sperren. „Dabei versetzte der 19-Jährige seinem Vater aber mindestens einen Messerstich in den Oberkörper“, sagte Nico Möller, Sprecher der Polizeidirektion Bad Segeberg.

Beide Elternteile erlitten schwerste Verletzungen. Der jüngere Bruder, dem es während des Geschehens gelungen war, den Notruf zu verständigen, blieb leicht verletzt. Alle drei kamen mit Rettungswagen in umliegende Krankenhäuser. Lebensgefahr soll bei keinem bestanden haben. Ihr Zustand sei stabil, hieß es gestern Nachmittag von der Polizei.

Noch bevor die Einsätzkräfte im Ahornweg eintrafen, war es dem mutmaßlichen Täter gelungen, sich aus dem Zimmer zu befreien und zu Fuß zu fliehen. Zur Fahndung nach ihm zog die Polizei 21 Streifenwagen zusammen, suchte auch mit Hilfe sogenannter Mantrailer-Hunde und einem Hubschrauber der Bundespolizei nach dem 19-Jährigen. Da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass er die Tatwaffe oder gefährliche Gegenstände bei sich trägt, sicherten einige Beamte auch mit Maschinenpistolen die nähere Umgebung um den Tatort ab. In der Gemeinde löste der Großeinsatz große Unruhe aus, zusätzlich geschürt durch übertriebene Berichte in den sozialen Netzwerken. Dort hatten einige Nutzer zunächst von einem „Amoklauf“ in Reinsbek berichtet. Ein bewaffneter Täter sollte demnach mehrere Menschen getötet und weitere Unbeteiligte verletzt haben. Tatsächlich hatte die Polizei die Anwohner zwar zunächst aufgefordert, im Haus zu bleiben. Eine Gefahr für Dritte sei von dem Gesuchten aber wohl nicht ausgegangen.

Nach mehreren Stunden erfolgloser Suche brach die Polizei ihre Fahndung in der Nacht zunächst ab. „Der Verdächtige hat sich dann gegen drei Uhr in der Früh auf der Davidwache in Hamburg der Polizei gestellt“, sagte Nico Möller. Aus welchem Grund der 19-Jährige nach Hamburg gefahren und wie er dort hingekommen war, blieb gestern unklar. Erst im Laufe des Tages sollte der Reinsbeker zurück nach Schleswig-Holstein gebracht, von Beamten vernommen und einem Haftrichter vorgeführt werden.

Über die Ursache des Familiendramas ist indes noch nichts Konkretes bekannt geworden. Nach LN-Informationen handelt es sich bei den Betroffenen aber um eine ganz und gar bürgerlich lebende Familie, die gut im Dorfleben integriert ist. Ob möglicherweise Drogen oder Alkohol dazu geführt haben, dass der junge Mann ausgerastet ist, sei Gegenstand der Ermittlungen, teilte die Polizei mit.

 Oliver Vogt und Petra Dreu