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Segeberg Ratzeburg: Frauen-Power in der Chirurgie
Lokales Segeberg Ratzeburg: Frauen-Power in der Chirurgie
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20:27 08.03.2019
Gleich geht es in den OP: Die Fachärztinnen für Chirurgie (v.l.) Dr. Carolin Jessen, Stefania Beraldo und Sabine Röpcke. Quelle: Dirk Andresen
Ratzeburg

An seine Zeit als junger Arzt im Elisabeth-Krankenhaus in Essen kann sich Dr. Schmid noch gut erinnern. „Wir waren damals im OP fast ausschließlich Männer. Unsere beiden Kolleginnen wurden meist belächelt und wie Exotinnen angesehen. Sie hatten wirklich einen schweren Stand.“ Frauen gab es in der Chirurgie zur damaligen Zeit so gut wie nicht.

Heute, gut 30 Jahre später, trägt Dr. Schmid als Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Chirurgischen Klinik im DRK-Krankenhaus Mölln-Ratzeburg in der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie Verantwortung für ein Team von 18 erfahrenen Chirurgen. Mittlerweile aber haben die Frauen in der Männerdomäne mächtig aufgeholt. In Ratzeburg stehen in den vier Sälen zehn Frauen an den OP-Tischen und „nur“ acht Männer. Bei den Oberärzten hingegen führen die Männer noch drei zu zwei.

Arbeitsalltag in der Chirurgie

In der Regel sieht der Arbeitsalltag in der Chirurgie wie folgt aus:

07:15 Uhr-Arbeitsbeginn mit Blutentnahmen

Visite bei kritischen Patienten

Überblick gewinnen über neue Patienten

07:45 Uhr-Frühbesprechung

08:00 Uhr-Visite auf der Station (zunächst am PC, mit dem Chef)

oder OP-Beginn (je nach Einteilung im OP-Plan)

oder Übernahme der Notaufnahme bis ca. 12:30 Uhr

08:30 Uhr-Beginn der Visite

09:30 Uhr-Ausarbeitung der Visite, Anschauen und Beurteilung von

Befunden, OP-Planung, Aufklärungen, Arztbriefe schreiben/

diktieren/korrigieren, Entlassungen planen, Gespräche mit

Angehörigen, Sozialdienst etc., Verbände und Wunden

anschauen, OP-Berichte diktieren/korrigieren,

Untersuchungen anfordern

15:30 Uhr-Nachmittagsbesprechung

16:00 Uhr-Evtl. Feierabend, ggf. noch Aufklärungen, Gespräche mit

Angehörigen, Visite von kritischen Patienten, Arztbriefe

Dr. Carolin Jessen (35), Fachärztin für Chirurgie und Mutter von zwei Kindern (3 und 5), die als kleines Mädchen davon träumte, Tierärztin zu werden, hatte als Studentin immer nur das eine Ziel vor Augen: „Ich wollte immer in die Chirurgie. Das hat mich fasziniert“, sagt die gebürtige Berlinerin. Dass sie den Spagat zwischen Karriere und Familie so gut hinbekommen hat, liegt an der Unterstützung ihres Ehemannes, der bei der Hausarbeit kräftig mit anpackt. Und an ihren flexiblen Arbeitszeiten. Frau Dr. Jessen kann jeden Tag eine halbe Stunde früher aufbrechen, um ihre Kinder rechtzeitig aus dem Kindergarten abzuholen.

Teilzeit-Dienstmöglichkeit ist für alle eine Win-win-Situation

Auch Stefania Beraldo (45), in der Nähe von Venedig geboren, ist Fachärztin für Chirurgie und ebenfalls Mutter. Ihre Eltern, beides Apotheker, wünschten für ihre Tochter nichts sehnlicher als den Beruf der Bankkauffrau. Weil man da immer so schön gekleidet ist. „Mein Herz aber schlug für den OP und die filigrane Handarbeit“, sagt sie und ihre Augen beginnen zu strahlen. „Dadurch traf ich auch meine große Liebe.“ Während ihres Medizinstudiums in Padua erhielt sie ein Stipendium für England und lernte in Birmingham ihren heutigen Ehemann kennen. Mit ihm und ihren drei Kindern (8, 10 und 12 Jahre alt) kam sie im September des vergangenen Jahres nach Ratzeburg. Sie kann Beruf und Familie jetzt viel besser vereinbaren, weil sie mit stark reduzierter Stundenzahl arbeitet.

„Dass wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit einräumen, in Teilzeit zu arbeiten, ist für alle eine Win-win-Situation“, sagt Dr. Andreas Schmid. „So halten wir manchen Arzt in unserem Krankenhaus, der sonst vielleicht aufgehört hätte oder weggegangen wäre.“ Auch kaufmännisch ist ein harmonisches Arbeitsverhältnis von Vorteil. Allein der Aufwand für die Einarbeitungszeit eines Berufsanfängers in der Chirurgie nach Ausscheiden eines ärztlichen Mitarbeiters beträgt circa 30 000 Euro.

Ob Bypass-Operationen, Eingriffe an der Halsschlagader, am Magen oder Darm – dies nur ein kleiner Teil eines umfangreichen Leistungsspektrums in der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie -, immer mehr Frauen drängen an die OP-Tische in die Krankenhäuser. So wie Sabine Röpcke (37), die im Juli des vergangenen Jahres Fachärztin für Viszeralchirurgie wurde. Dabei hatte die gebürtige Ratzeburgerin, die übrigens im DRK-Krankenhaus geboren ist, ursprünglich mit der Medizin nichts am Hut. Nach ihrer Mittleren Reife und drei Jahren Lehre schloss sie den Beruf der Bankkauffrau ab. Dann holte sie ihr Abitur nach, machte ein Pflegepraktikum und studierte schließlich an der Lübecker Universität Medizin. Alles zielgerichtet und diszipliniert.

Zahlen

Laut Bundesärztekammergab es Ende 2017 insgesamt 385 149 Ärztinnen und Ärzte, 204 652 Männer und 180 497 Frauen. Im Krankenhaus arbeiteten 198 500 Ärztinnen und Ärzte, 47,4 Prozent davon Frauen.

Der Anteil von Frauenin der Chirurgie (Orthopädie und Unfallchirurgie mit einbezogen) lag 2015 bei 21 Prozent: Von 36 514 Ärztinnen und Ärzten sind lediglich 7668 weiblich.

Knapp 98 Prozent des ärztlichen Personals, das im Jahr 2017 in Elternteilzeit war, waren Frauen.

Der Frauenanteilim Medizinstudium liegt den Angaben zufolge mittlerweile bei 70 Prozent.

„Aus meiner Erfahrung verfügen unsere Ärztinnen über Organisationstalent und können sehr gut strukturiert arbeiten“, sagt Dr. Andreas Schmid anerkennend. Was den Beruf der Chirurgin so interessant macht? „Wir stehen ja nicht nur im OP sondern sind auch in der Notaufnahme oder auf der Station im Einsatz“, sagt Sabine Röpcke, „das alles ist abwechslungsreich und spannend.“

Alle Beiträge der Serie Fit und Gesund finden Sie hier

Dirk Andresen

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