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Segeberg Schockgeräte: Im Notfall zehn Minuten
Lokales Segeberg Schockgeräte: Im Notfall zehn Minuten
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13:25 03.04.2018
Pirko Friedrich zeigt einen Defi. Zwei Knöpfe – Einschalten und Schocktaste.  Quelle: Irene Burow
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In Trappenkamp gibt es fünf Geräte. Warum? Weil 2015 bei einem Tennisturnier ein Mann gerettet wurde. Herzversagen. Der bis dato einzige „Defi“ am Feuerwehrhaus war entscheidend für dieses Leben – und für die Anschaffung vier neuer Geräte. Die nächsten hängen erst wieder in Tensfeld, Fehrenbötel und Klein Rönnau. In Wahlstedt hängen fünf, im Amtsbereich Itzstedt vier. Die Geschendorfer Feuerwehr hat seit 2017 einen an Bord, genauso wie die Wehr in Westerrade. Der Grund: 2016 hatte das Team eines Einsatzleitwagens versucht, eine Person wiederzubeleben – vergeblich.

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1000 AEDs (Automatisierte Externe Defibrillatoren) gibt’s in Schleswig-Holstein. Bundesweite Standorte sammelt defikataster.de.

Der plötzliche Herztod ist bundesweit mit die häufigste Todesursache. Es trifft 100 000 Menschen pro Jahr, mehr als 5000 in Schleswig-Holstein.

Defis erhöhen die Überlebenschance enorm. Die Benutzung ist kinderleicht: Einschalten und zwei Elektroden auf den nackten Oberkörper kleben. Der Stimme folgen: Notfalls die Schocktaste drücken.

Leezen hat seit Kurzem einen Defi. In Mözen und Wensin gibt es ein Exemplar genauso wie in Schmalfeld und Sühlen. Sie hängen in Banken, Sportstätten, Arztpraxen oder anderen öffentlichen Orten wie bei der Kreisverwaltung Segeberg.

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Zwischen Leezen und Kaltenkirchen jedoch: gähnende Leere. Bis jetzt. Die Gemeinde Bark steuert dagegen, wartet in diesen Tagen auf drei neue Geräte. „Ich wüsste keinen anderen Ort dieser Größe, der so viele hat“, sagt Pirko Friedrich. Sie ist seit 20 Jahren Rettungsassistentin und vertreibt die Defis. Von der Gemeindevertretung ist sie jüngst gebeten worden zu erklären, wie die Technik funktioniert. Wie Leben retten geht. Denn auch hier hatte zuvor ein Notfall den entscheidenden Ausschlag gegeben: Ein Bekannter eines Gemeindevertreters konnte mit so einem Elektroschockgerät gerettet werden.

Kein Rettungsdienst ist schneller als Ersthelfer

Es kann jedem passieren, und jeder kann zum Ersthelfer werden. Die Rechnung ist einfach: Liegt eine Person am Boden, sinkt bei so einer Herzstörung mit jeder Minute die Überlebenschance um zehn Prozent. „Jeder der rechnen kann weiß, was das bedeutet“, sagt Pirko Friedrich. Zehn Minuten, mehr Zeit bleibt nicht. Per Gesetz muss der Rettungsdienst in zwölf Minuten vor Ort sein. „Damit ist jeder Laie schneller als jeder noch so schnelle Notarzt“, sagt die Barkerin. Bevor das Herz zum Stillstand kommt, gebe es in einer Vorphase das Herzkammerflimmern. Ein Defi kann per Schock die normale Herzaktivität wieder herstellen.

„Ich appelliere, dass sie angeschafft werden“, sagte der Barker Bürgermeister Hartmut Faber. Da gab es keine zwei Meinungen. Und weil Diebstahl und Temperatur wichtige Themen sind, hat die Gemeinde spezielle Schränke gleich mitbestellt. Kosten insgesamt: 7500 Euro. Für alle Einwohner wird es eine große, kostenlose Erste-Hilfe-Einweisung geben. Der Termin wird noch bekanntgegeben. Die drei Defibrillatoren werden in den Feuerwehrgerätehäusern in Bark und Bockhorn aufgehängt sowie in der Kita.

„Wir vermuten nach einer Hochrechnung, dass es in Schleswig-Holstein etwa 1000 Geräte gibt“, sagt Annette Peters, Sprecherin des ASB-Landesverbandes. Der Verein sammelt die Standorte seit 2015 mit dem Projekt „SH schockt“. „Das ist ein schöner Erfolg in so wenigen Jahren“, sagt sie. „Und es geht immer weiter.“ Jede Woche gebe es neue Registrierungen. Aber kann es überhaupt genug Geräte geben? „Für jede Feuerwehr eins“, sagt Pirko Friedrich, das wäre ein gutes Ziel. Denn die sind in jedem Ort. Die Feuerwehrleute hätten Fortbildungen, wohnten im Ort, seien gut vernetzt.

Über tausend Euro kostet ein Defi. „Der Preis schreckt immer noch ab“, sagt ihr Mann Wolfgang Friedrich, ebenfalls Rettungsassistent und langjähriger Geschäftsführer des DRK-Rettungsdienstes in Hamburg. „Natürlich ist das viel Geld“, sagt Pirko Friedrich. „Aber was ist schon viel, verglichen mit einem Leben?“ Bei jeder Einweisung sagt sie den Bürgern dennoch immer wieder: „Hoffentlich müssen Sie ihn nie benutzen.“

In Dänemark hängen sie an jeder Ecke

Schleswig-Holsteins Nachbarn sind schon weiter. Die dänische Region Syddanmark ist kleiner als Schleswig-Holstein, hat aber viermal so viele Geräte (4100). „In Dänemark hängen sie wirklich an jeder Ecke“, sagt Wolfgang Friedrich. In Mecklenburg-Vorpommern hat die Landesregierung vor wenigen Tagen bekanntgegeben, eine Million Euro für die Beschaffung bereitzustellen. Das reicht etwa für 500 Exemplare.

Wie oft konkret mit Defis reanimiert wird, darüber gibt es noch wenig Statistik. Eine US-Studie belegt jedoch, dass sich die Überlebenschancen eines Betroffenen verdoppeln, wenn ein Laie mit dem Gerät hilft, bevor der Rettungsdienst eintrifft. Im Herbst ist eine europaweite Studie gestartet, die von Dr. Jan-Thorsten Gräsner geleitet wird. Er ist Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin am UKSH in Kiel. 29 Reanimationsregister nehmen teil, um ihre Daten zu vergleichen und langfristig das Rettungsdienstewesen zu verbessern.

Von Irene Burow

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