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Segeberg Schutzstreifen für Radfahrer?
Lokales Segeberg Schutzstreifen für Radfahrer?
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20:43 29.06.2018
Auch an der von Radfahrern oft genutzten Straße An der Trave gab es vor Jahren Pläne für Fahrrad-Schutzstreifen. Die scheiterten. FOTOS (2): GLOMBIK
Bad Segeberg

Bei einer bundesweiten Untersuchung des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) kam Bad Segeberg vor zwei Jahren auf einen der letzten Plätzen – der 354. von 364 – bei Städten mit bis zu 50

Radwege und/oder Schutzstreifen? Bad Segeberg gilt bundesweit als besonders fahrrad-unfreundliche Stadt. Bis hier ein vernünftiges Radwegenetz entstanden sein wird, dürften noch Jahrzehnte vergehen. Sind Schutzstreifen eine Alternative zu teuren Radwegen? Es wird diskutiert.

000 Einwohnern. Jahrzehntelang haben Politiker hier den Radwegbau schleifen lassen. Der Kreis Segeberg geht nun voran, möchte „Fahrradfreundlicher Kreis“ werden, entwickelt ein Konzept für neue Radwege, zur Not auch Schutzstreifen auf Straßen.

Doch vor der Haustür des Landratshauses an der Hamburger Straße in Bad Segeberg fahren die Radler auf dem Fußweg. Und ein paar Hundert Meter weiter entfernt, in der Kurhausstraße, sehen sich Radfahrer – wenn sie sich auf die Fahrbahn trauen – Pöbeleien, Hupkonzerten und eng überholenden Autofahrern ausgesetzt. Ein kleines, kaum wahrnehmbares Schild weist Radfahrer hier Richtung Innenstadt darauf hin, das man statt des „Radwegs“ auch die Straße benutzen dürfe. Denn wer hier den holprigen Radler-Pfad nutzt, muss permanent mit brenzligen Situationen rechnen. Abrupt sich öffnende Autotüren, kreuzende Ausfahrten oder Kinderwagen – weil auch der Fußweg daneben extrem schmal ist.

Dagegen die Landeshauptstadt Kiel. Ein anderer Ton – pro Bike. Hier wird Autofahrern mit roter Schrift und Ausrufezeichen klargemacht, dass Radfahrer die Fahrbahn benutzen dürfen. In Kiel werden konsequent – wenn kein Radweg vorhanden ist – sogenannte Schutzstreifen für Radfahrer angelegt. Der Kieler Radverkehrsbeauftragte Uwe Redecker: „Wir haben damit seit 20 Jahren gute Erfahrungen gemacht. Radwege an Ausfahrten und neben parkenden Autos sind unsicher. Die Sichtverhältnisse sind auf der Fahrbahn meist besser als bei Radwegen.“

Über viele Kilometer gebe es Schutzstreifen in der Stadt. Primär seien aber ausgebaute Radwege vorzuziehen. Die Seniorin oder die Mutter mit Kindern zögen es vor, dort zu fahren. Aber Fahrradschutzstreifen mit einer Breite von zwei Metern und mehr würden sehr gut angenommen. Schutzstreifen mit unterbrochenen Linien seien für „Engstellen“ gedacht, wenn sich begegnende Autos ausweichen müssen. Die durchbrochene Linie dürfe für den Fall von Pkw und Lkw überfahren werden. Wichtig sei, dass für Begegnungsverkehr in der Mitte der Fahrbahn noch eine Breite von 4,5 Metern überblieben. Nur die Benutzungspflicht für schmale Radwege abzuschaffen, bringe ja nichts. Radfahrer dürfen auf die Straße, das müsse der Autofahrer wissen, besonders E-Bike-Fahrer nutzten lieber die Fahrbahn, sagt Redecker.

Robin Arne Otten vom Bad Segeberger Bauamt hofft nun auf ein Umdenken in der Kreisverkehrsaufsicht. Die Kreisstadt habe vor 15 Jahren ein Radverkehrskonzept vorgelegt, scheiterte aber schon daran, an der Straße An der Trave einen Schutzstreifen anzulegen. Der Kreis sei dagegen gewesen. Otten selbst hat aber auch Bedenken. Es werde dem Radfahrer Sicherheit suggeriert, die es nicht gebe. Im besten Fall würden die Autofahrer „daran gewöhnt, dass sie den Verkehr mit Radfahrern teilen müssen – damit der Puls nicht gleich auf 130 geht, wenn da ein langsamer Zweiradfahrer vor einem auftaucht“.

Doch bald könnten kreisweit Schutzstreifen auch außerhalb von Gemeinden zum gewohnten Bild gehören. Im Koalitionsvertrag des Bundes steht es schon drin. Heiko Birnbaum, beim Kreis für die Förderung von Radinfrastruktur zuständig, berichtet den LN von Probe-Strecken im Kreis Stormarn. Auch im Radverkehrskonzept seien Schutzstreifen an einigen Kreisstraßen eingeplant. „Das ist dann immer mit einer Reduzierung auf Tempo 70 verbunden.“ Die Standardbreite der Streifen sollte 1,50 Meter sein, in Ausnahmefällen auch 1,25 Metern. 2,75 Meter wäre die Minimalbreite für die Auto-Fahrbahn.

In Dänemark und den Niederlanden sei das längst gang und gäbe, erfuhren die Bürgermeister kürzlich auf einer Tagung zum Verkehrskonzept. „Wir wollen mit unseren Maßnahmen viel, viel mehr Menschen dazu bringen, das Rad als Verkehrsmittel zu nutzen. Da man aus finanziellen Gründen nicht überall Radwege bauen kann, sind Schutzstreifen ein Ausweg“, hieß es von den Machern des Radverkehrskonzeptes.

Von Wolfgang Glombik