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Segeberg Als Segeberg Guerillakrieg gegen die Schweden führte
Lokales Segeberg Als Segeberg Guerillakrieg gegen die Schweden führte
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10:00 04.08.2019
Die neuen Segeberger Schnapphähne: Jan Ove Cronenberg,  Nicolaus Christoffel Börgersen, gen. von Siegburghausen (Nils Hinrichsen), und  Hermann von Hatten (Jochen Saggau, von links).
Die neuen Segeberger Schnapphähne: Jan Ove Cronenberg, Nicolaus Christoffel Börgersen, gen. von Siegburghausen (Nils Hinrichsen), und Hermann von Hatten (Jochen Saggau, von links). Quelle: HFR
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Bad Segeberg

Im Nachhinein war es sicher nicht die beste Idee, die die Segeberger je hatten, als sie mit gerade einmal 179 Mann gegen etwa 16 000 Schweden ins Gefecht zogen. Der Segeberger Amtmann Caspar von Buchwald hatte aus Freiwilligen aus Segeberg und umliegenden Dörfern im Jahre 1643 eine Freischärlertruppe zusammengestellt, die den schwedischen Truppen, die sich in Holstein festgesetzt hatten, Einhalt gebieten und in Guerillakämpfe verwickeln sollte – die „Segeberger Schnapphähne“. Nach anfänglichen Erfolgen siegte am Ende die schwedische Übermacht: Die Schnapphähne wurden gefangen, gefoltert und hingerichtet, die Siegesburg auf dem Kalkberg dem Erdboden gleichgemacht.

Dieses Schicksalsdatum für Segeberg war der 12. August 1644. Am 12. August 2019 – 375 Jahre danach – soll nun daran erinnert werden: Der Historiker Nils Hinrichsen und der ebenso geschichtsbegeisterte Jochen Saggau haben die Schnapphähne dafür neu gegründet – als „Reenactment“-Gruppe. In originalgetreuen Kostümen inklusive Musketen wollen sie am Montag, 12. August, mit einem Historien-Schauspiel einem der wohl tragischsten Tage der Segeberger Geschichte gedenken (siehe Beistück)

Siegesburg diente den Schnapphähnen als gutes Versteck

Dabei hatte das „Segeberger Schloss“, wie die Siegesburg auch genannt wurde, längst keine strategische Bedeutung mehr, als 1843 die Schnapphähne einzogen. Die Festungsanlage stand da bereits seit Jahrzehnten leer, war dem Verfall überlassen. Aber genau das war für die Freischärler von Vorteil: In den verwinkelten Kellern ließen sich leicht große Mengen Waffen und Schwarzpulver unterbringen ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Den Freiwilligen, vor allem Bauern, wurde als Belohnung für ihren Einsatz bei den Schnapphähnen die Befreiung von allen herrschaftlichen Dienstbarkeiten versprochen.

Segeberger Schnapphähne Quelle: HFR

Die Strategie der Nadelstiche funktionierte am Anfang auch recht gut. Mehrere unabhängig voneinander agierende Trupps der Schnapphähne, jeweils 20 bis 40 Mann stark, gut ausgerüstet und teilweise zu Pferde, brachten mehrere schwedische Versorgungszüge zwischen Lübeck und Hamburg auf. Sie töteten Soldaten und Boten, nahmen Offiziere gefangen, requirierten Waffen, Gold, Pferde und Vieh, das die Schweden zuvor von der einheimischen Zivilbevölkerung konfisziert hatten. Und da im Sommer bereits die kaiserlichen Truppen unter Matthias Callas rückte mit 12 000 Mann in Holstein einrückten die Schweden zum Abzug Richtung Süden zwangen, wären die Segeberger mit ihrem Guerillakrieg gegen die nordische Supermacht auch fast durchgekommen.

Zorn des Feldherrn brach sich in Segeberg Bahn

Aber eben nur fast. Während die Schweden bereits ihre versprengten Truppenteile zusammenriefen, gerieten zwei Späher der Schnapphähne bei Bad Bramstedt in die Hände schwedischer Reiter. Unter Folter presste man ihnen wichtige Informationen über die Schnapphähne, ihre Kommandanten und das Versteck in der Siegesburg ab, bevor man sie schließlich enthauptete.

Lennart Torstensson, seines Zeichens Graf von Ortala und Feldherr der schwedischen Armee, hatte auch keinesfalls die Absicht, den vorrückenden Feindtruppen zum Trotz, die Rechnung mit den Schnapphähnen offen zu lassen. Zu sehr hatten ihre Aktionen aus dem Hinterhalt sein Heer gepiesackt und in Unruhe versetzt. Für Vergeltung blieb noch Zeit genug.

Um 15 Uhr wird die Burg gesprengt

Beginnen soll das Historien-Spektakel am Montag, 12. August, um 15 Uhr. Die Segeberger Böllerschützen werden dann auf dem Kalkberg lautstark die Sprengung der Burg simulieren, kündigt Nils Hinrichsen an. Anschließend werden die geschlagenen Schnapphähne ihre Fahne auf dem Kalkberg einholen und „zum Schutz vor den Schweden“ den Berg hinuntertragen. Begleitet wird der Zug von Trommelschlägen. Am Rathaus angekommen soll die Truppe dann Bürgervorsteherin Monika Saggau und dem stellvertretenden Bürgermeister Heino Pfeiffer „Meldung machen“, ihnen vom Verlust der Siegesburg berichten und die Fahne zur sicheren Verwahrung überreichen.

Alle, die mögen, dürfen dabei natürlich zusehen. Die beste Sicht auf den symbolischen Akt auf den Gipfel soll es vom Karl-May-Platz aus geben. Anschließend können sich Zuschauer dem Zug der Schnapphähnen in die Altstadt vom David-Kropff-Weg aus anschließen – gerne auch in historischer Kleidung, sagt Hinrichsen. Auf der neue eingerichteten Seite www.schnapphähne.de können sich Interessierte schon jetzt über den historischen Hintergrund informieren.

Torstenssons Zorn muss tatsächlich groß gewesen sein, als er mit seinem kompletten 16 000-Mann-Heer am 12. August 1644, ein Freitag, in Segeberg einrückte. Die Bewohner erlebten einen Tag des Schreckens. Die Schnapphähne, die man in der Burg antraf, wurden festgesetzt und grausam zu Tode gefoltert, Segeberg geplündert, die Bewohner getötet und vergewaltigt. Als die Schweden wieder abzogen, waren von der Siegesburg nur mehr rauchende Grundmauern übrig und auch die Stadt lag teilweise in Trümmern. Und nicht nur das: Auch das Gut Pronstorf und Wahlstedt wurden „bei der Schnapphahnes inquisition Gäntzlich eingeäschert und zerstöret“, schreibt der Chronist Hanß Voß.

Die Verhaftung der Schna Schnapphähne und die Zerstörung der Segeberger Siegesburg. Das Original des Bildes befindet sich über einer Tür im Amtszimmer des Bürgermeisters. Quelle: hfr

1645 kam wieder der Frieden nach Holstein

Es war noch nicht das Ende der Schnapphähne. Während der Säuberungsaktion konnten sich viele im Umland verstecken und ihren Kampf gegen die Schweden, die weiterhin in Teilen Holsteins präsent blieben, weiterführen. Es kam zu gegenseitigen Gräueltaten. Bei dem Versuch, acht gefangene Schnapphähne zu befreien, wurden im März 1645 bei Trittau 24 schwedische Soldaten grausam von den Segeberger getötet. Der Versuch scheiterte und die acht Gefangenen wurden nicht weniger grausam hingerichtet.

Mit dem Frieden von Brömsebro endete im August 1645 schließlich der Krieg in Holstein. Die übrigen Schnapphähne kehrten in ihre verwüsteten Städte und Dörfer zurück.

Oliver Vogt

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