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Segeberg Senioren mit angeblichen Dachdeckerarbeiten abkassiert
Lokales Segeberg Senioren mit angeblichen Dachdeckerarbeiten abkassiert
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20:58 15.05.2018
Der ältere der beiden Angeklagten hatte sich gegenüber den potenziellen Kunden als Chef einer Dachdeckerfirma ausgegeben, obwohl er in Wahrheit, wie er jetzt vor dem Gericht zugab, nie eine entsprechende Ausbildung durchlaufen hat. Quelle: Symbolbild LN-Archiv
Norderstedt

Marek P. (21, alle abgekürzten Namen geändert) und sein Mitstreiter Vincent K. (40) hatten mit dieser krummen Tour in einem Zeitraum vom 3. bis 6. Juli vergangenen Jahres etwa 10 000 Euro kassiert.

Der ältere der beiden Angeklagten hatte sich gegenüber den potenziellen Kunden als Chef einer Dachdeckerfirma ausgegeben, obwohl er in Wahrheit, wie er jetzt vor dem Gericht zugab, nie eine entsprechende Ausbildung durchlaufen hat.

Der Mann ohne Schulabschluss hatte lediglich als Helfer bei einer Dachdeckerfirma einige Zeit assistiert, was ihm auszureichen schien, um die Dachreparaturen in Form eines fahrenden Gewerbes anzubieten. Anfang Juli 2017 klingelte K. an der Haustür eines älteren Ehepaares in Norderstedt und behauptete, schadhafte Stellen am Dach des Gebäudes entdeckt zu haben. Die verblüfften Senioren ließen den Mann ins Obergeschoss ihres Hauses, wo er auf eine feuchte Wand hinwies und behauptete, er höre das Wasser dahinter laufen.

Gleichzeitig pries der Angeklagte seine in Aussicht gestellten Arbeitsleistungen mit den Worten an: „Ich bin der billigste Handwerker hier in der Gegend.“ Die Arbeiten würden nur 6400 Euro kosten mit Dachreinigung, normalerweise sei das doppelt so teuer, aber er rechne ohne Mehrwertsteuer ab, so der dreiste Betrüger, der dann sofort eine Anzahlung von 4000 Euro verlangte. Die Ehefrau des Hausbesitzers fuhr daraufhin mit dem Angeklagten zur Bank und händigte dem Mann 4000 Euro in bar aus.

In drei anderen Fällen gingen die Angeklagten in ähnlicher Weise vor, redeten den geschockten Senioren ein, die Dacharbeiten seien dringend erforderlich, tauschten aber im Ergebnis nur einige Ziegel aus und reinigten das Dach, statt es wie verabredet zu versiegeln.

Sie versprachen Leistungen, die sie so nicht erfüllen „konnten und wollten“, wie es in der Anklageschrift heißt. Als in einem Fall ein Polizist den Tatort besichtigte, fand er keine Spuren von Feuchtigkeit, sodass der Verdacht nahe lag, dass die Gauner die Wände im Rahmen der gemeinsamen Besichtigung in einem unbeobachteten Moment feucht besprüht hatten. Da die Täter aber in drei Fällen seriös wirkende Visitenkarten mit Adresse und Telefonnummer verteilt hatten sowie Garantieurkunden, nach denen eine Garantie für die Haltbarkeit der Versiegelung von zehn Jahren gegeben wurde, schöpften die Senioren zunächst keinen Verdacht.

Zu Beginn des Prozesses zogen sich die Anwälte der Angeklagten mit Richterin Dr. Claudia Naumann und der Anklagevertreterin hinter verschlossene Türen zurück. Anschließend verkündete die Richterin, gegen den zur Tatzeit erst 20-jährigen P. werde das Verfahren eingestellt. Er hatte eingeräumt, bei den Taten zwar dabei gewesen zu sein und mitgearbeitet zu haben, von den Preisabsprachen habe er jedoch nichts mitbekommen und lediglich pro Kunde 200 Euro erhalten. P. erhielt die Auflage, an eine der geschädigten älteren Damen einen Betrag von 800 Euro zu zahlen in fünf Monatsraten.

Der wesentlich dreistere K., der die Kunden nach deren Angaben teilweise stark unter Druck gesetzt und sogar bedroht hatte, brachte Taschen voller Bargeld mit in den Gerichtssaal. Im Wesentlichen räumte er die Taten ein und zahlte insgesamt 7500 Euro an Ort und Stelle mit entschuldigenden Worten an die Opfer seiner Betrügereien zurück. Auch ersparte der Angeklagte den betagten Zeugen die Aussagen, was die Richterin mit Wohlwollen vermerkte.

Der zurzeit wegen eines Bandscheibenvorfalls arbeitsunfähige Angeklagte, der in seiner Vergangenheit durch ähnliche Betrügereien aufgefallen war, kam im Ergebnis mit einer achtmonatigen Freiheitsstrafe davon, die die Richterin zur Bewährung aussetzte. Der Angeklagte habe nach den Worten der Richterin zwar erhebliche kriminelle Energien gezeigt, lebe aber in geordneten Verhältnissen, habe seine Fehler eingeräumt, weshalb man am unteren Rand der Strafbarkeit bleiben könne, so die Richterin in ihren abschließenden Worten.

LN