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Segeberg Serienmörder aus Henstedt-Ulzburg tötete fünf Frauen
Lokales Segeberg Serienmörder aus Henstedt-Ulzburg tötete fünf Frauen
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21:00 30.06.2019
Mord an der 22-jährigen Jutta M. am 20. Juni 1969 in Harksheide, Bericht in den Lübecker Nachrichten vom 22. Juni 1969 Quelle: Repro: Oliver Vogt
Bad Segeberg

Die Nacht des 20. Juni 1969, ein Freitag, ist sehr mild. In einem Wohngebiet im stormarnischen Harksheide, unweit der Kreisgrenze zu Segeberg, steigt die 22-jährige Jutta M. Optikerin von Beruf, aus dem Bus. Sie hatte ihren Verlobten besucht, ist auf dem Weg Hause. Dort kommt sie nie an. Am Sonnabendmorgen findet man die Leiche der jungen Frau hinter einer Ligusterhecke auf einem Privatgrundstück, nur 100 Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Ihr gelbes Sommerkleid ist hochgeschoben, ihr Schlüpfer herunter gerissen. Zwischen den gespreizten Schenkeln sind im weichen Boden Abdrücke von zwei Beinen zu sehen. Der Täter trug offenbar Cordhose.

„Der Mörder kam lautlos im Dunkeln“ titeln die Lübecker Nachrichten in ihrer Ausgabe am 22. Juni. „Ich hörte um die Tatzeit einen kurzen, hellen Schrei“, wird ein Nachbar in dem Artikel zitiert. „Ich dachte, er käme von einer Katze.“ Viel ist nicht klar in den Tagen danach. Jutta M. wurde vergewaltigt, der Täter hatte der jungen Frau offenbar aufgelauert und sie von hinten überrascht.

Kurz nach dem ersten Mord schlägt der Täter wieder zu

Was noch niemand ahnt: Der Mord an Jutta M. ist nur der Auftakt der schlimmsten Mordserie in der Nachkriegsgeschichte Schleswig-Holsteins, die einen ganzen Landstrich jahrelang in Angst und Schrecken versetzt. Der Maurer Hans-Jürgen S. aus Henstedt-Ulzburg ermordet und vergewaltigt bis zu seiner letzten Tat im Februar 1984 fünf junge Frauen und Mädchen in der Nähe seines Heimatortes. Erst 42 Jahre später wird S. dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Nachdem er mit dem Mord an Jutta M. vermeintlich davon gekommen ist, dauert es nicht lange, bis S. wieder zuschlägt. Im September 1969 tötet und vergewaltigt er die 16-Jährige Renate B. aus Norderstedt, die er als Anhalterin an der Straße aufgelesen hatte. Acht Monate später finden Spaziergänger ihr Skelett. Am 31. Juli ist es die 22 Jahre alte Angela B., der S. in der Nacht am U-Bahnhof in Norderstedt auflauert. Der vierte Mord geschieht im Oktober 1972: Die Auszubildende Ilse G., erst 15 Jahre alt, ist mit ihrem Fahrrad auf dem Weg nach Hause, als S. sie überfällt. Erst im Mai 1973 wird ihre verweste Leiche in Quickborn gefunden, ihr Unterkörper entblößt, ihre Jacke als Knoten um den Hals geschlungen.

Die Polizei tappt jahrzehntelang im Dunkeln

Trotz mehreren Fahndungsaufrufen auch in der ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ kommen die Ermittler in all diesen Mordfällen nicht weiter. Mögliche Verdächtige werden vernommen und wieder freigelassen. Lange Jahre geschieht nichts, die Morde werden weitgehend vergessen. Bis zur Nacht des 4. Februar 1984, als die 18-jährige Schwesternschülerin Gabriele S. aus Henstedt-Ulzburg spurlos verschwindet. Nach einem Discobesuch wollte sie per Anhalter nach Hause fahren. Neun Tage später finden zwei Jungen in einem Fichtenwald ihre Leiche, vergewaltigt und erdrosselt wie die vier Opfer zuvor.

Ermittler finden die Leiche der ermordeten Gabriele S. in einer Tannenschonung im Kreis Segeberg (1984) Quelle: Herbert Lau

Das Werkzeug der DNA-Spurenanalyse steht den Ermittlern der Mordkommission in den achtziger Jahren noch nicht zur Verfügung. Spuren des Täters werden aber in der Asservatenkammer aufbewahrt. Die Sexualmorde werden als „cold cases“, als ungelöste Fälle zu den Akten gelegt.

Ganze 27 Jahre vergehen, bis der Fall Gabriele S. von einer neuen Generation Kriminalbeamte wieder ans Licht geholt wird. Mit der inzwischen etablierten DNA-Analyse kann nun endlich ein genetisches Profil des Mörders erstellt werden, was im April 2011 zu einer Reihenuntersuchung unter Hunderten Männern im südlichen Kreis Segeberg, Teilen von Stormarn und Pinneberg führt. Einer, der freiwillig eine Speichelprobe abgibt, ist Hans-Jürgen S. – 65 Jahre alt, Maurer im Ruhestand, geschieden, Vater zweier erwachsener Töchter. Ein unauffälliger Mann, der in bescheidenem Wohlstand lebt, seine gebrechliche Mutter pflegt, HSV-Fan ist. Niemand, dem seine Nachbarn einen Mord auch nur im Entferntesten zutrauen würden.

Der Mörder entschuldigt sich

Bereits wenige Tage später wird S. in seinem Haus in Henstedt-Ulzburg unter dringendem Mordverdacht widerstandlos festgenommen, sein genetischer Fingerabdruck stimmt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit der des Mörders von Gabriele S. überein. Noch im Polizeiwagen gibt S. den Mord an der Schwesternschülerin zu, die anderen vier Taten wenige Tage später. Ohne das Geständnis hätten diese vier Fälle niemals aufgeklärt werden können, räumen die zuständigen Ermittler später vor Gericht ein.

Unter bundesweitem Medieninteresse beginnt am 21. Dezember 2011 der Prozess gegen Hans-Jürgen S. vor dem Kieler Landgericht. Die Prozessbeteiligten erleben einen großen, kräftigen Mann mit dichtem grauem Haar und gepflegtem Vollbart, der wegen eines Hüftschadens nur noch schwerfällig laufen kann; ein Jedermann, der mit den monströsen Taten, die er in seinem Doppelleben als Serienmörder begangen hat, nur schwer in Einklang zu bringen ist.

Die Gerichtszeichnung aus dem Landgericht in Kiel vom Mittwoch (21.12.2011) zeigt den Angeklagten Hans-Jürgen S. bei Prozessbeginn. Quelle: Foto: Malte Christians, DPA, Zeichnung: Nancy Tilitz

S. selbst schweigt in der Verhandlung, lässt über seinen Anwalt lediglich eine Erklärung verlesen, in der er die fünf Morde einräumt. Er wisse, dass er mit seinen Taten unfassbares Leid über die Angehörigen gebracht habe. Inzwischen sei er aber ein anderer Mensch. „Ich würde mich daher gern bei den Angehörigen entschuldigen“, verliest Anwalt Horst Schumacher.

Aufschluss über das Warum geben die Protokolle der polizeilichen Vernehmungen, die im Laufe der Verhandlung verlesen werden. In der Nacht des 20. Juni 1969 sei er, damals 22 Jahre alt, „wütend und frustriert“ von einer Tanzveranstaltung auf dem Weg nach Hause gewesen, „weil die Mädchen ja immer über einen lachen und man so gedemütigt wird“, sagt er den Beamten. Aus dem fahrenden Auto heraus wurde er auf Jutta M. aufmerksam, überfiel sie, erwürgte sie und vergewaltigte sie anschließend. Es war sein erster Geschlechtsverkehr. Bei all seinen Taten, in denen er seinem tief sitzenden Frauenhaus nachgab, habe er „immer irgendwie die Kontrolle verloren“. Als er 1972 die 15-jährige Ilse G. tötet, ist S. bereits verheiratet, seine Frau mit der ersten Tochter schwanger.

Ein psychiatrischer Gutachter sieht keine eingeschränkte Schuldfähigkeit bei S., sehr wohl aber Mängel in der Persönlichkeit. Zudem sei er getrieben von einem „sadistischen Sexismus“.

2026 könnte S. aus der Haft entlassen werden

Am 8. Februar 2012 fällt das Urteil, S. muss lebenslänglich hinter Gitter. Hans-Jürgen S. habe getötet, „um einen Zustand der Wehrlosigkeit bei seinen Opfern herzustellen“, urteilt Richter Jörg Brommann. Das freiwillige Geständnis legt die Strafkammer zu seinen Gunsten aus, stellt trotz der fünf Morde nicht die besondere Schwere der Schuld fest, was damals von Prozessbeobachtern, einschließlich des Autoren, kritisiert wird.

Heute ist S. 73 Jahre alt, verbüßt noch immer seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt Lübeck. Im Jahr 2026 ist eine Haftprüfung vorgesehen. Nach 15 Jahren könnte S., mit dann 80 Jahren, wieder aus dem Gefängnis freikommen.

Mord in Serie

Die gängige Definition für einen Serienmörder hat das US-amerikanische Federal Bureau of Investigation (FBI) aufgestellt. Sie lautet: „Die rechtswidrige Tötung von zwei oder mehr Opfern durch dieselbe(n) Person(en) in einzelnen, getrennten Ereignissen.“ Bekannte Serienmörder in Deutschland sind Fritz Honka, verantwortlich für vier Morde an Prostituierten, Fritz Haarmann, Mörder von 24 Jungen und jungen Männern, und Niels Högel, der als Krankenpfleger mindestens 85 Menschen tötete.

Oliver Vogt