Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Sorgenpause für kleine Kümmerer
Lokales Segeberg Sorgenpause für kleine Kümmerer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:45 02.12.2017
. . . oder ihrer Energie freien Lauf lassen. Zu Hause müssen sie oft Rücksicht nehmen. Quelle: Fotos: Nam
Bad Bramstedt/Bad Segeberg

Sobald die fünf Kinder angekommen sind, wird es laut in der kleinen Dachwohnung in Bad Bramstedt. Das Wohnzimmer wird sofort zum Fußballfeld. Ein Schaumstoffball segelt quer durch den Raum.

Rücksicht nehmen, sich um jüngere Geschwister kümmern: Kinder kranker Eltern müssen oft zurückstecken. Bei den Young-Carers- Gruppen können sie für zwei Stunden pro Woche Sorgen vergessen und einfach Kind sein – ein Projekt des Kinderschutzbundes.

Postkartenaktion

„Lieber guter Weihnachtsmann: Papa soll wieder gesund werden.“ Mit einer Postkartenaktion im Kreis möchte der Kinderschutzbund auf das Projekt der Young Carers aufmerksam machen und Spenden sammeln, um die Finanzierung weiterhin zu sichern.

Das Spendenkonto

Empfänger: Deutscher Kinderschutzbund Segeberg gGmbH

Konto: Sparkasse Südholstein

DE42 2305 1030 0510 5092 68 Verwendungszweck:

Spendenaktion „Hilfe im Advent

Die Namen der Spender werden veröffentlicht soweit bei der Überweisung nicht „anonym“ angegeben wird.

HILFE IM ADVENT

Ansprechpartner für die Young Carers sind Nina Koslowski für die Gruppe in Bad Bramstedt (01 73/4692128) und Silke Ohrtmann in Bad Segeberg (0160/949331 76). Weitere Infos unter www.youngcarers.de.

Die vier Jungen – wir nennen sie hier Leon (9), Finn (11), Max (9) und Felix (8) – kennen sich schon länger, Leon und Felix kommen seit zwei Jahren zu den wöchentlichen Treffen. Mia (9), die eigentlich auch anders heißt, ist neu dabei, doch der Umgang wirkt vertraut. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie leben mit einem kranken Angehörigen zusammen, häufig ist es ein Elternteil oder ein Geschwisterkind, das viel Aufmerksamkeit benötigt.

„Solange es nicht gefährlich wird, lasse ich sie toben“, sagt Betreuerin Nina Koslowski. Denn oft müssten Kinder mit kranken Angehörigen zu Hause Rücksicht nehmen und leise sein. Seit 2016 leitet die 32-Jährige die Gruppe, in der die Kinder über ihre Sorgen reden können. Koslowski hilft ihnen außerdem Methoden zur Stressbewältigung zu lernen und Gefühle zu äußern, sie hat mit den Kindern zum Beispiel einen Wutball gebastelt. „Wenn sie wütend sind oder traurig, sollen sie das auch sein dürfen“, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin.

Nina Koslowski schlägt auf die Klangschale. Das Zeichen für die Anfangsrunde. Die Kinder schnappen sich ein Kissen und machen es sich auf dem Boden gemütlich. Leon rattert die Gruppenregeln runter, die er von einem Blatt abliest – ein bekanntes Ritual: die anderen ausreden lassen, sich nicht lustig machen und vor allem: „Was hier gesagt wird, wird nicht weitererzählt.“ Eine kleine Holzfigur wandert von Kind zu Kind, wer dran ist, erzählt von seiner Woche, von Hobbys, aus der Schule. „Und war etwas auch nicht so schön?“, will Nina Koslowski wissen. „Kann ich das erzählen?“, fragt Leon laut zu sich selbst und zögert zunächst. Dann berichtet er von einem erschreckenden Erlebnis mit seiner schwerkranken Mutter. „Sie saß nur noch so da“, erzählt Leon und starrt einige Sekunden bewegungslos an die Decke. „Hast du Angst gehabt?“, fragt Koslowski. Leon sagt nur knapp „Ja“ und gibt dann die Figur weiter. Wer nichts mehr erzählen will, muss das auch nicht.

„In diesem Alter reden die Kinder eher in Einzelgesprächen“, berichtet Koslowski. Weniger in der Gruppe. „Bei ihnen liegt die Belastung mehr in den Sorgen um die Eltern.“ Teenager dagegen hätten mehr Redebedarf, sie seien es meist, die auch mehr Aufgaben übernehmen, wenn ein Familienmitglied krank ist. Sie müssen selbstständiger sein als andere Kinder, sich etwa um jüngere Geschwister kümmern und teilweise elterliche Aufgaben übernehmen: die Geschwister für die Schule wecken oder das Pausenbrot schmieren. Daher auch der Gruppenname „Young Carers“, zu Deutsch: junge Pflegende oder Kümmerer.

Bei den Young-Carers-Treffen dürfen die Kinder nur Kinder sein. An diesem Tag hat Nina Koslowski Plätzchenbacken vorbereitet. Abwechselnd wird der Teig ausgerollt, und jeder darf seine Lieblingsformen ausstechen. Nach dem ersten Blech gehen drei der Jungs wieder Bälle kicken, dann wird Verstecken im Dunkeln gespielt – „der Renner gerade“, kommentiert Koslowski, während sie mit den anderen beiden weiter Plätzchen backt. Die zwei Stunden vergehen schnell, gerne würden die Kinder in ihrer gerade gebauten Höhle aus Matratzen und Kissen bleiben. Doch es ist Zeit für die Abschlussrunde, Felix darf den Gong mit der Klangschale übernehmen.

„Können wir das Treffen nicht zwei Mal die Woche haben?“, fragt Max. Doch so einfach ist das nicht. Die Gruppe in Bad Bramstedt ist seit der Gründung 2010 spendenfinanziert. Eine zweite in Bad Segeberg wird derzeit noch vom Kreis Segeberg mit 8000 Euro unterstützt, doch die Förderung läuft im Frühjahr 2018 aus. Um beide Gruppen sicherzustellen, werden Spenden benötigt. Etwa 7000 Euro für ein Jahr pro Gruppe mit fachlicher Betreuung, für Ausflüge etwa in den Zoo und Arbeitsmaterialien, zählt Lars Petersen auf, Geschäftsführer der Deutschen Kinderschutzbund Segeberg gGmbH.

Und eigentlich wären noch mehr Young-Carers-Gruppen sinnvoll für Kinder, die nicht zentral in Bad Segeberg oder Bad Bramstedt leben. Denn die Kinder müssen auch zu den Treffen gebracht werden, was nicht immer einfach zu organisieren ist, wenn die Eltern sie krankheitsbedingt nicht fahren können. Idealerweise gäbe es auch Gruppen für verschiedene Altersstufen und Bedürfnisse, sagt Petersen.

Sozialarbeiter in den Schulen sind es meist, die den Kinderschutzbund auf ein Kind aufmerksam machen, das Sorgen mit sich herumschleppt. Oft mache sich das an den Noten bemerkbar, sagt Koslowski.

Nicht selten müssten die Betroffenen eine Klasse wiederholen. Aber auch über Ansprechpartner in Kliniken wurden bereits Kinder mit kranken Angehörigen an diese Gruppen vermittelt. „Oder über Mundpropaganda“, sagt Koslowski, die sehen kann, dass es den Kindern in der Zeit bei ihr gefällt. Sie könne beobachten, dass sich die Kinder auch entwickeln und beispielsweise ihr Selbstbewusstsein in der Gruppe stärken. „Das ist einfach schön zu sehen.“

Die Aktion

Mit der Aktion „Hilfe im Advent“ unterstützen die LN und vor allem Sie, liebe Leserinnen und Leser, diesmal den Kinderschutzbund Segeberg.

Unbekümmert spielen, toben, lernen - Werte, Respekt und Liebe erfahren. Das gehört zu einer unbeschwerten Kindheit. Vielen Kindern aber bleibt das verwehrt. Sie erleiden körperliche und seelische Gewalt, werden vernachlässigt, leben in Armut. Der Kinderschutzbund kümmert sich mit ganz unterschiedlichen Angeboten um diese jungen Menschen, aber auch um Eltern und Angehörige, die Hilfe benötigen. Und er leistet wertvolle Präventionsarbeit, die helfen soll, Kinder und Jugendliche vor schwierigen Lebenssituationen zu schützen. Dieses Engagement des Kinderschutzbundes wollen die LN mit der Aktion „Hilfe im Advent“ fördern, da viele Projekte aus Spenden finanziert werden müssen.

 Nadine Materne

Sparkasse unterszütz LN-Aktion

Der Startschuss zur „Hilfe im Advent“ ist gefallen, und die Sparkasse Südholstein hat dazu wieder eine Auftaktspende beigetragen. „Zunächst wollen wir ein großes Dankeschön an diejenigen loswerden, die die LN-Spendenaktion seit Jahren unterstützen, vor allem an unsere Leserinnen und Leser. Vergangenes Jahr kamen so mehr als 11 000 Euro für die Segeberger Tafel zusammen“, wirbt Bad Segebergs LN-Lokalchef Holger Schwartz für die gute Sache.

„In diesem Jahr soll der Deutsche Kinderschutzbund in Segeberg unterstützt werden, dessen Hilfsangebote und Arbeit im Bereich Prävention wichtig sind. Nicht alles kann aus eigenen Mitteln gestemmt werden.“

„Kinderschutz ist eine sehr wichtige Sache“, unterstreicht Kai Gräper, Bad Segebergs Filialleiter der Sparkasse Südholstein. Zu den 250 Euro, die er der Deutschen Kinderschutzbund Segeberg gGmbH direkt übergeben hat, finanziert das Geldinstitut zudem die Flyer, die die Aktion begleiten.Und was passiert mit den Spenden der LN-Leser? Vor allem in das Projekt „Young Cares“, also die Hilfe für „die kleinen Kümmerer“ (siehe Bericht oben), sollen die Spenden aus der Advents-Aktion fließen, sagt Lars Petersen, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes in Segeberg.Das Projekt richtet sich an Kinder und Jugendliche, die kranke, pflegebedürftige oder behinderte Eltern haben. Ein weiteres Vorhaben sei ein Projekt für Kinder in besonderen Lebenslagen. Gemeinsam mit einer Kunstpädagogin sollen sie sie Gelegenheit bekommen, Erlebnisse auf kreative Weise verarbeiten und ausdrücken zu können.

 hil

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!