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Segeberg Amerika-Archiv: Geschichten von 6000 Auswanderern
Lokales Segeberg Amerika-Archiv: Geschichten von 6000 Auswanderern
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18:44 07.05.2019
Stadtarchivar Georg Asmussen und Bibliothekarin Sabine Klein mit den Amerika-Akten. Gegenüber sind ganze Regale voll mit dem Otto Flath-Archiv. Quelle: Irene Burow
Bad Segeberg

Es sind Tausende Namen, Passagierlisten, Zeitungsberichte, Todesanzeigen: Wer Verwandte hat, die irgendwann den Weg in die USA gewagt haben, kann Glück haben und danach forschen. Daten zu Schleswig-Holsteinern, oder mittlerweile auch deren Vorfahren, befinden sich im Landesarchiv in Schleswig, bei der Amerika-Gesellschaft des Landes in Kiel oder in Staatsarchiv in Hamburg. Und in Bad Segeberg.

Hier lagern unzählige Daten von ausgewanderten Schleswig-Holsteinern

Wichtige Zeugnisse lagern in Bad Segeberg

Damit gehört das Archivierte zu den wichtigsten Zeugnissen im Bezug auf die Auswanderungsbewegung seit dem 19. Jahrhundert – aus Schleswig-Holstein in die „Neue Welt“. Jetzt ist das Material von der Amerika-Gesellschaft Bad Segeberg an die Stadt übergeben worden. Sie hat sich vertraglich verpflichtet, das Schriftgut zu pflegen.

„Ich bin froh über die offizielle Zusage des Bürgermeisters, damit das Material noch besser zugänglich gemacht wird“, sagt Gerhard Zehr, ehemaliger Präsident der Amerika-Gesellschaft Bad Segeberg. Er hatte einst den Grundstein gelegt, dass alles zum Thema zusammengehalten wird.

„Die Dinge sind über Jahre liebevoll gesichtet, geordnet und für Vorträge verwertet worden“, sagt Bürgermeister Dieter Schönfeld. „Das soll nicht bedeuten, dass der Verein seine Rechte verliert. Ganz im Gegenteil: Jeder Bürger und jeder Forscher hat Zutritt zu unserem Archiv.“ Es befindet sich im neuen Stadtinfohaus „Wortort“. Auch vorher lagen die Akten hier, jedoch im Flur, zur Miete.

Umfangreicher Nachlass von Gerd Hagenah

Jetzt lagern sie nicht nur qualitativ besser, sondern auch mietfrei und unter ständiger Pflege. „Die Bestände sind jetzt dauerhaft in guten Händen“, sagt Dieter Kuchenbecker, seit zwölf Jahren Präsident der hiesigen Amerika-Gesellschaft.

Es handelt sich einerseits um das Auswanderer-Archiv, das auf dem Nachlass des 2013 verstorbenen Bad Segeberger Studienrates Gerd Hagenah fußt. Im Juli 2015 wurde es im Keller der Alten Sparkasse in kleiner Runde eröffnet. Das schließlich gesichtete und katalogisierte Material wurde 2016 offiziell zugänglich.

Zehn Meter Akten: In 17 Karteikästen sind persönliche Daten von Auswanderern gesammelt. Quelle: Irene Burow

„Mehr als 3000 Namen aus der Segeberger Region sind hier aufgeführt“, sagt Kuchenbecker. Insgesamt sind es rund 6000 Namen von Schleswig-Holsteinern, die im 18. und 19. Jahrhundert die Ausreise in die USA wagten. Hinzu kommen Bücher zum Thema und weitere historische Dokumente des Heimat- und Amerikaforschers Gerd Hagenah.

Zehn Meter Akten zählen die Archivare inzwischen, über 50 Ordner und 17 Karteikästen gefüllt mit unzähligen Personendaten. Neben Geburts- und Sterbedatum geben die Karten auch Aufschluss über die Anzahl der Kinder, den Beruf, den Tag der Auswanderung. Manchmal auch über die herrschenden Bedingungen oder der Grund der Auswanderung.

Amerika-Gesellschaft in Bad Segeberg

Die Amerika-Gesellschaft ist 1987 gegründet worden. Ziel ist eine Verständigung und Austausch zwischen den Kulturen. 44 Mitglieder zählt der Verein derzeit. Obwohl es seit Jahrzehnten gute Kontakte in die USA gibt, ist durch die große Entfernung nie eine Städtepartnerschaft entstanden.

Die Amerika-Liebhaber halten nicht nur gute Kontakte nach Nordamerika. Sie feiern zu Hause regelmäßig den Unabhängigkeitstag oder schon mal Thanksgiving, fiebern mit beim US-Wahlkampf, diskutieren die aktuelle Politik in Übersee und empfangen Gäste wie den US-Honorarkonsul. Auf Vorträgen fachkundiger Referenten geht es um indianisches Heilwissen, Nahost-Politik, Amerikas Bürgerkrieg oder die wunderschöne Natur von Everglades, Yukon River und Nationalparks.

Nach den Anschlägen 2001 sammelten die Segeberger Geld für Dianne Veling. Deren Mann, Larry Veling, war in New York ums Leben gekommen. Er war mit Gerhard Zehr, dem ehemaligen langjährigen Segeberger Vereins-Präsidenten, befreundet gewesen.

„Jungen waren erstaunlich oft um 14 Jahre alt“, sagt Bibliothekarin Sabine Klein, die schon seit den 90er Jahren mit den Amerika-Dokumenten zu tun hat. „Das lag daran, dass sie nach der Konfirmation zum Militär mussten.“ Mit der Ausreise wurde das umgangen.

„Im Archiv zu lesen macht süchtig.“

Auf verschiedenen Wegen fanden die Informationen den Weg nach Bad Segeberg. Gefunden wurden sie in Büchern oder Zeitschriften, Zeitungsartikeln oder Todesanzeigen. „In den USA sind sie oft ausführlich, mit einem Foto und Lebenslauf“, sagt Sabine Klein. Wenn man durch die Ordner blättert, bleibt man unweigerlich hängen an den Geschichten.

Zum Beispiel der von Henry Schroeder aus Rendsburg. Er war 1871 im Alter von 15 Jahren auf das Dampfschiff „Holsatia“ gestiegen. Durch Kartoffelanbau wurde er wohlhabend, bekam mit Wilhelmina fünf Söhne und drei Töchter und wurde später Banker in Minnesota.

Akribisch nachgezeichnete Lebensläufe

Im Jahr 2002 erzählte eine Ausstellung im Rathaus von den Auswanderern. In den LN hieß es damals: „Was haben Peter Stuyvesant, Nicolai Detlefsen und Emil Pieper gemeinsam? Sie alle wanderten von Schleswig-Holstein aus und suchten ihr Glück im Land der unbegrenzten Möglichkleiten, in Amerika. 2002 wurde im Bad Segeberger Rathaus die Ausstellung ,Auf nach Amerika’ gezeigt. Anhand großer Schautafeln wird der Zeitraum zwischen 1820 und 1880 beleuchtet. Damals machten sich ganze Gruppen von Wagemutigen aus Bad Segeberg, Quaal, Husum, Preetz und anderen Orten im Norden auf den Weg, um in der Neuen Welt Fuß zu fassen.

Es waren vor allem Überbevölkerung, Naturkatastrophen und Kriege, die die Menschen in die Fremde zogen. Wie eben jenen Emil Pieper aus Fehrenbötel, der „drüben“ Amiel Donald Pieper hieß und sich 1882 mit seinen Eltern auf den langen Treck nach Kalifornien machte. Damals war er zwölf Jahre alt. Jahre später, nachdem er es zu Wohlstand gebracht hatte, wurde er sogar Bürgermeister von Germantown (heute Artois).

Stuyvesant, übrigens ein Friese, erlangte sogar Weltruhm. Aber auch Glücksritter und Kleinkriminelle wie Nicolai Detlefsen, dem der Boden in Schleswig-Holstein schlicht zu heiß wurde, machten sich auf: ,Seine Auswanderung ist ein Glück für seine Frau und ein Segen für die Gesellschaft’, schrieb der zuständige Landvogt unter den Auswanderungsantrag des ,Schamlosen mit dem wüsten Lebenswandel’.

Unter den Eröffnungsgästen, die unter anderem dem Vortrag von Paul-Heinz Pauseback vom Nordfriesischen Institut Bredstedt lauschten, saß auch Ty Caldwell. Und das nicht zufällig, denn der 19-Jährige aus Idaho wandelt zurzeit auf den Spuren seines Ur-Ur-Urgroßvaters Joachim Kruse, der aus Segeberg nach Amerika kam. Von der Überfahrt bis zur Besiedelung führt die Ausstellung, die von der Stadt Bad Segeberg und der Amerika-Gesellschaft veranstaltet wird. Akribisch nachgezeichnete Lebensläufe vervollständigen die Geschichte.“

Old Shatterhand-Bruder wanderte aus

Weitere Informationen sind aber auch neueren Datums: Zum Beispiel über Stephan Peters. Der Bruder des ehemaligen Old Shatterhand-Darstellers bei den Karl-May-Spielen, Joshy Peters, war 1988 ausgewandert. Er lebte im Tipi und in der Gegend, wo Kevin CostnerDer mit dem Wolf tanzt“ drehte, und wurde schließlich Farmer.

Man müsse tatsächlich vorsichtig sein, sagt Bürgermeister Dieter Schönfeld: „Im Archiv zu lesen macht süchtig.“ Die Amerika-Gesellschaft will künftig mehr Werbung machen, damit die Daten von Ahnenforschern noch besser gefunden werden. Eine Digitalisierung des Materials wird dann unumgänglich sein.

Wer in den alten Akten stöbern möchte, kann sich in der Begegnungsstätte Wortort (Oldesloer Straße 20) jederzeit einen Termin bei Stadtarchivar Georg Asmussen geben lassen. Telefon: 045 51/9 64 90.

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