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Segeberg Stadtradeln extrem: Zur Arbeit nach Bad Segeberg
Lokales Segeberg Stadtradeln extrem: Zur Arbeit nach Bad Segeberg
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19:33 17.06.2019
Mal auf’s Auto verzichten: Blick auf den üblichen Weg zur Arbeit. Quelle: Irene Burow
Segeberg

Warum bin ich noch mal eine Stunde früher aufgestanden? Wer schleppt meine Kamera-Ausrüstung? Und gleich nach dem Start stelle ich mir die Frage aller Fragen: Wie soll ich meinen ersten mobilen Kaffee auf dem Fahrrad trinken? Schließlich ist Stadtradeln. Jeder, der in Segeberg lebt, lernt oder arbeitet, soll vom 16. Juni bis 6. Juli in die Pedale treten, so viel wie es geht.

Zum Auftakt will ich wissen, wie das wohl wäre – mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Für mich sind das mit dem Auto 34 Kilometer pro Strecke. Normalerweise bin ich nach einer halben Stunde in der Redaktion. Allein bei der Idee, das Auto gegen das Rad einzutauschen, ernte ich Stirnrunzeln bei den Kollegen. Schließlich bin ich nicht mehr so flexibel.

Radschnellweg: Pendler sind gefragt

Doch ich will es wissen. Schließlich wäre das ein konsequenter Beitrag zum Klimaschutz. Der Radschnellweg, der von Bad Bramstedt nach Hamburg eingerichtet werden soll, soll vor allem Pendler ansprechen, deren Arbeitsweg etwa 25 Kilometer beträgt. Zwar habe ich keinen Schnellweg zur Arbeit, fühle mich mit ähnlicher Strecke aber angesprochen.

Meine Anfahrt diesen Montag: 32 Kilometer in einer Stunde und 40 Minuten. Motivation? Na ja. Was könnte man in der Zeit alles machen? Nach fünf Kilometern sehe ich das erste Schild in Richtung Bad Segeberg. Die App „Komoot“, die ich nutze, sucht vor allem wenig befahrene Wege, was angenehm ist. Vorbei geht es an Bauarbeitern, die eine Straße neu teeren. Einem Lkw, der bei laufendem Motor steht, und an Menschen, die „aufsitzrasenmähen“. Zeit zum Grübeln gibt’s zumindest jede Menge.

Anmelden bis zum Ende möglich

Die Initiative Stadtradeln gibt es seit zwölf Jahren bundesweit. Der Kreis Segeberg macht seit fünf Jahren mit. Mit von der Partie sind bisher Bad Bramstedt, Bad Segeberg, Henstedt-Ulzburg, Kaltenkirchen, Neversdorf, Norderstedt, Tangstedt und Trappenkamp sowie ein Mix von offenen Teams, Vereins- und Radgruppen, Schulen, Firmen und Parteien.

Noch bis zum Ende der Aktion am 6. Juli kann sich jeder anmelden, der im Kreis Segeberg lebt, arbeitet, studiert, zur Schule geht oder Mitglied in einem Verein ist. Am Ende der Kampagne steht eine kreisweite Siegerehrung mit Verlosung. Zudem werden die bundesweit fahrradaktivsten Kommunalparlamente und Kommunen prämiert.

Im vergangenen Jahr sind im Aktionszeitraum mehr als 1000 Radler insgesamt 208 367 Kilometer mit dem Fahrrad gefahren. „Wäre diese Strecke mit einem Pkw zurückgelegt worden, entspräche das einem Ausstoß von rund 30 Tonnen CO2 “, sagt Kreis-Klimaschutzmanager Heiko Birnbaum. Das seien 16 Prozent mehr Ersparnis als im Jahr davor.

Alle Infos:
www.stadtradeln.de/kreis-segeberg

Ich frage mich, was ich bei einer Panne tun würde und ob es am Abend regnen wird. Oder: Ist das jetzt eigentlich Arbeitszeit? Fragen, die ich im Auto nicht hätte. Interessieren würde mich auch, ob der Landrat heute zur Arbeit radelt. Oder warum bisher keines der 66 gemeldeten Teams „Fridays For Future“ heißt.

Kilometer der Segeberger mitverfolgen

Auf der Seite Stadtradeln.de kann man verfolgen, wie aktiv Segeberg radelt. Über 300 Personen sind bisher dabei, darunter 15 Parlamentarier. In einem Ranking können sich die Teams vergleichen. Natürlich schaffen die Norderstedter mehr Kilometer. Aber auch Tangstedt und Neversdorf haben viele Mitradler. In Bad Segeberg strampeln unter anderem der ADFC, die Ergon-Schule und ein offenes Team.

Stadtradeln zur Arbeit in Bad Segeberg: Noch 16 Kilometer. Quelle: ibu

Während ich radle, lasse ich die Kilometer über die Stadtradeln-App mitzählen. Bei meiner ersten Pause nach 9,5 Kilometern höre ich zum ersten Mal die nahende Autobahn. Weil ich auf dem Asphalt sitze, hält das einzige Auto an, das vorbeikommt. Der Fahrer fragt, ob es mir gut geht. „Ja bestens – zumindest noch“, sage ich lachend. Gerechnet hätte ich mit so einer Begegnung nicht. Auch nicht, dass die meisten Autofahrer vorsichtig vorbeifahren und mir oft ihre Vorfahrt gewähren. Das stimmt mich positiv.

Nach zwölf Kilometern sehe ich den ersten Radfahrhinweis nach Bad Segeberg. Noch 20 Kilometer. Uff! Motivation sieht anders aus. Zumal der undankbarste Hügel der Strecke gleich folgt. Die Stimmung hebt sich aber mit den Gerstenfeldern, versteckten Höfen und dem Stau vor Bad Segeberg, der diesmal ohne mich auskommt. Es fühlt sich ein bisschen wie Sonntag an.

Kalkberg in Sicht, fast am Ziel! Quelle: Irene Burow

Apps zählen Kilometer unterschiedlich

Und auf den letzten Kilometern geht es dann doch schnell. Hinter dem Schleichweg bei der Gärtnerei Sylvester kommt bald der Kalkberg in Sicht. Bleibt nur noch zu entscheiden, ob nun die 32 Kilometer von „Komoot“ zählen oder die 29,6 von der Stadtradeln-App. Es geht schließlich um jeden Klima-Kilometer.

Fazit: Trotz Frühaufstehen, Sonnenbrand und Anstrengung schaffe ich alle Tagesaufgaben. Inklusive der Rücktour am Abend. Dennoch ist mindestens anzuzweifeln, ob das Zur-Arbeit-Radeln so einfach umgesetzt werden kann, wie Klimaschützer es sich wünschen. Vielen dürfte es ähnlich gehen: Die Dusche auf der Arbeit fehlt, die Zeit, die Flexibilität.

Dennoch konnte ich meine Kollegen motivieren, den Spaß mitzumachen. Denn das soll es ja vor allem sein. Und dafür reicht auch eine Tour nach Feierabend. Mal sehen, wie viel CO2 wir als „Radelnde Reporter“ am Ende einsparen!

Radfahren in Segebergs Politik

Neben der AktionStadtradeln“ setzt der Kreis Segeberg so auf das umweltbewusste Fortbewegungsmittel Fahrrad – eine Übersicht: Seit 2016 gibt es einen Radverkehrsbeirat auf Kreisebene. 2016 wurde die Stelle eines ehrenamtlichen Radverkehrsbeauftragten geschaffen. In den Jahren 2017/18 wurde das Radverkehrskonzept unter Beteiligung aller Gemeinden im Kreis fortgeschrieben. Im Jahr 2018 fasste der Kreistag den Beschluss der Radverkehrsförderung für Kommunen. Diesen stehen dabei jährlich insgesamt zwei Millionen Euro aus dem Kreishaushalt für den Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur zur Verfügung. 2018 wurde die Stelle „Fachingenieur für Radverkehrsplanung“ geschaffen und besetzt.

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Irene Burow

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