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Segeberg Steuerberater erstochen: Lange Haft für Prostituierte
Lokales Segeberg Steuerberater erstochen: Lange Haft für Prostituierte
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21:45 28.04.2017
Das Landgericht Kiel verurteilte die Angeklagte wegen heimtückischen Mordes. Quelle: Christian Charisius/dpa
Bad Segeberg/Kiel

Wann genau es war, als Franziska K. den Entschluss fasste, Heinz S. umzubringen, welches Wort, welche Geste, welcher Umstand die 28-Jährige zum Küchenmesser greifen und auf ihren Freier einstechen ließ, all das bleibt auch nach dem Ende des Mordprozesses gegen die Prostituierte im Dunkeln. Fakt ist für die Achte Große Strafkammer am Landgericht Kiel aber, dass sie es nicht nur getan, sondern dabei auch vorsätzlich und heimtückisch gehandelt hat. Wegen Mordes an dem Segeberger Steuerberater verurteilte das Gericht unter dem Vorsitzenden Jörg Brommann die junge Frau deshalb gestern zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten sowie zur Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung.

 

„Maßgeblich ist allein die Erkrankung.Jörg Brommann Vorsitzender Richter

Strafmildernde „Rabatte“ sieht das Gesetz bei Mord eigentlich nicht vor. Und Brommann stellt in seiner Urteilsbegründung unmissverständlich klar, dass so ein Verbrechen „ohne Wenn und Aber mit einer lebenslangen Haftstrafe geahndet werden müsste“. Gleichwohl habe die Beweisaufnahme ergeben, dass K. im Zustand verminderter Steuerungsfähigkeit agierte, als sie auf den 58 Jahre alten Heinz S. in dessen Bett einstach. Ursächlich dafür seien aber weder der getrunkene Alkohol – knapp zwei Promille hatte K. im Blut – und auch keine eingenommenen Medikamente. „Maßgeblich ist allein die schwere Borderline-Erkrankung, unter der die Angeklagte seit Jugendtagen leidet.“ Es gebe keinen Zweifel, dass Franziska K. eine schwer kranke Frau sei, sagt Brommann und zitiert den psychiatrischen Gutachter Michael Jehs: „Ihre Lebensgeschichte ist eine Leidensgeschichte.“ Trotz fast unzählbarer Klinikaufenthalte, trotz immer wieder neuer Gewaltausbrüche selbst gegen Personen aus dem engsten Umfeld sei sie nie erfolgreich therapiert worden.

Franziska K. nimmt das Urteil und die Ausführungen des Vorsitzenden äußerlich fast unbewegt auf. Erst als Brommann auf die Tat und den daraus folgenden Verblutungstod von Heinz S. zu sprechen kommt, senkt sie ihren Blick, presst die Lippen fest zusammen. Geäußert hat sich die junge Frau während des vier Tage dauernden Prozesses nicht ein einziges Mal.

Beabsichtigt oder nicht, rehabilitiert die Urteilsbegründung auch den Ruf des Tatopfers. Die kurz nach ihrer Verhaftung von K. gemachten Äußerungen, dass Heinz S. ein „Pädophiler“ war, der mit „polnischen Mädchen gehandelt“, Geld von K. erpressen und sie an seine Freunde „verkaufen“ wollte, verweist Brommann ins Reich der Märchen. Im Gegenteil habe sich S. sogar bemüht, K. bei verschiedenen Dingen zu helfen, wie die Auswertung von Chat-Nachrichten ergab. Ihr Verhältnis sei herzlich gewesen und über das einer reinen „Geschäftsbeziehung“ hinaus gegangen. Alles, was sich sexuell zwischen ihnen abgespielt hatte, sei einvernehmlich geschehen. Der Umstand, dass Franziska K. am Abend der Tat mit einem anderen Bekannten über WhatsApp in Kontakt stand und dabei auch über den Mord chattete, „hat die Kammer jedoch sehr lange beschäftigt“, räumt der Richter ein. Unter anderem hatte K. geschrieben, dass sie „den alten Sack gern umbringen würde“. Auch ein „Selfie“ mit der Tatwaffe, deren Klinge sie sich aufreizend an die Zunge hielt, verschickte sie aus S.’ Wohnung. Nicht zuletzt, weil sämtliche Nachrichten mit Smileys und Emoticons garniert waren, hatte der Bekannte aber an einen Scherz geglaubt.

„Zu Recht“, wie Brommann klarstellt. Es sei nicht einmal ausgeschlossen, dass Franziska K. tatsächlich nur herumgealbert hat, als sie die Nachrichten absetzte. Denn der eigentliche Mord war erst vier oder fünf Minuten später passiert, nachdem K. den Satz „Die Sau ist tot“ in ihr Handy getippt und an den Bekannten geschickt hatte. Das habe die zeitliche Rekonstruktion des Ablaufs bewiesen. „Wir wissen letztlich nicht, ob es danach noch einen Auslöser gegeben hat, der zu der Tat geführt hat“, erläutert Brommann. K. sei aber bereits früher aus scheinbar nichtigen Anlässen gewalttätig geworden. „Und ist dabei mit allem auf ihre Mitmenschen losgegangen, was sie gerade in die Finger bekam.“

Die Erklärung von Verteidiger Kai Dupré, dass sich K. nur einer gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht habe, der tödliche Stich in den Oberbauch letztlich nur ein Unfall infolge eines „Gerangels“ war, weist das Gericht zurück. Nach allen vorliegenden Erkenntnissen habe K. den Stich absichtlich und mit voller Wucht ausgeführt, als S. das wegen seiner verbundenen Augen weder sehen noch damit rechnen konnte.

Das Urteil ist bislang nicht rechtskräftig. Sollte es dabei bleiben, ist aber keinesfalls gewiss, dass Franziska K. nach sieben Jahren und sechs Monaten wieder eine freie Frau sein wird. „Die Unterbringung ist zeitlich unbegrenzt“, stellt Brommann klar. Falls K. irgendwann aber als geheilt gelten und damit keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit bedeuten sollte, bestehe die Möglichkeit, die übrige Haftzeit zur Bewährung auszusetzen.

 Oliver Vogt