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Segeberg Sülfeld gegen Neonazis: Was man gegen die Rechten tun kann
Lokales Segeberg Sülfeld gegen Neonazis: Was man gegen die Rechten tun kann
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15:27 09.12.2019
Knapp 300 Sülfelder kamen in die Sporthalle, um sich bei Fachleuten über Rechtsextremismus zu informieren. Quelle: Petra Dreu
Sülfeld

Die Gemeinde Sülfeld steht zusammen und will den ersten Aktionen gegen Rechts weitere Taten folgen lassen: Rund 300 Einwohner waren am zweiten Advent dem Aufruf von Bürgermeister Karlheinz Wegener gefolgt, um sich in der Sporthalle auf den neusten Stand der Entwicklung bringen und von Beratungsstellen Tipps im Umgang mit Rechtsextremismus geben zu lassen.

Aufkleber des „Aryan Circle“, körperliche Angriffe, Einschüchterungsversuche, Drohungen und als letzte Reaktion auf die Infoveranstaltung der Gemeinde soll der Bad Segeberger Neonazi und „Aryan Circle“-Anführer Bernd T. diese in den sozialen Netzwerken sogar als „Kriegserklärung“ bezeichnet haben: In Sülfeld ist nichts mehr, wie es war, seitdem drei Rechtsextremisten Marcel S., Marie P. und Daniel S. Sülfeld mit Aufklebern des rechtsextremistischen Netzwerkes zugepflastert hatten.

Bislang in nie dagewesener Deutlichkeit sind die Sülfelder aufgestanden und haben sich entschieden gegen die rechte Gesinnung ihrer drei Einwohner gestellt. Mit Pastor Steffen Paar vorne weg ist Sülfeld zu einem beispiellosen „Dorf mit Courage“ geworden, das bundesweit Beachtung gefunden hat.

Strippenzieher Bernd T. hält zurzeit die Füße still

Inzwischen sind die Sülfelder zwei Rechtsextremisten wieder los, wie Holger Matzen, Stationsleiter der Polizei Itzstedt mitteilte. „Marie P. hat sich von ihrem Freund getrennt und wohnt jetzt bei ihrer Mutter in Lübeck“, so Matzen. Marcel S. sitze wie bereits bekannt in U-Haft.

Daniel S. dagegen dürfte den Sülfeldern noch etwas länger erhalten bleiben. „In seiner Wohnung sind noch Sachen von ihm. Er selber hält sich aber viel in Bad Segeberg auf, will aber die Wohnung in Sülfeld behalten. Und einfach kündigen können ihm die Vermieter nicht. Man muss abwarten, wie das weitergeht“, so Matzen.

Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus

Das Landesdemokratiezentrumbeim Landespräventionsrat Schleswig-Holstein verantwortet die Ausgestaltung einer nachhaltigen Beratungs-, Informations- und Vernetzungsstruktur im Bereich der Extremismusprävention und Demokratieförderung. Es fördert zudem verschiedene Beratungs- und Fachstellen. Alle Zuständigkeiten und weitere Infos unter www.ldz-sh.de.

Für Beratung und Hilfegegen Rechtsextremismus vor Ort gibt es „Regionale Beratungsteams gegen Rechtsextremismus“ (RBT) mit Büros in Lübeck, Itzehoe, Flensburg und Kiel. Sind Einrichtungen des AWO Landesverbands SchleswigHolstein und der Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein. Sie beraten Menschen und Institutionen zum Thema Rechtsextremismus und Unterstützung im Umgang mit Rassismus, Antisemitismus, Homophobie. Unter www.rbt-sh.de finden Sie die entsprechenden Ansprechpersonen.

Das Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (Zebra) berät Betroffene, Angehörige und Zeugen nach rassistischen, antisemitischen und anderen rechtsmotivierten Angriffen. Dazu gehören unter anderem gezielte Sachbeschädigungen, Bedrohungen (auch digital), Nötigungen, tätliche Angriffe sowie professionelle Hilfe in Krisensituationen. Weitere Infos gibt es unter www.zebraev.de.

Strippenzieher jedoch sei Bernd T. aus Bad Segeberg, der momentan die Füße stillhalte. „Er weiß auch, dass er unter Beobachtung steht“, erläuterte der Polizeibeamte. Nach den ersten Vorfällen hatte die Polizei verstärkt in Sülfeld Präsenz gezeigt. Die sei inzwischen zwar bereits zurückgefahren worden, aber sollte wieder etwas passieren, würde die Polizei neu bewerten und reagieren.

Ausländische Kinder haben Angst auf dem Schulweg

Dennoch: Bei vielen Sülfeldern bleibt auch ein mulmiges Gefühl, wie Wilfried Holz berichtete, der ehrenamtlich eine Asylbewerberfamilie betreut. „Die Familie ist in Gefahr und hat Angst um ihre Kinder, vor allem, wenn sie auf dem Weg zur Schule sind“, schilderte Holz.

Dem stimmte Torsten Nagel, Leiter der regionalen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus zu: „Leider ist es tatsächlich eine gruppenbezogene Fremdenfeindlichkeit. Der regionale Beratungsdienst kommt vorbei, dann besprechen wir das.“

„100-prozentige Sicherheit werden wir nicht hinbekommen“, glaubt dagegen Gemeindevertreter Marek Krysiak, der selbst Angst verspürt hat, als er zusammen mit seiner Familie die Nazi-Aufkleber im Gemeindegebiet entfernt hat.

Bürgermeister: „Sülfeld ist bunt“

Dass es eine 100-prozentige Sicherheit nicht geben könne, ist auch dem Trainer der Sülfelder Handball-Damen klar, der sich damit aber nicht zufrieden geben will. „Angst, zur Schule zu gehen? Dann muss ganz einfach eine Gruppe zusammenkommen, die Kinder begleiten und zeigen, dass wir für sie da sind“, so Florian Hauber. Er appellierte an die Sülfelder: „Wenn etwas ist, möchte ich, dass sich die ganze Nachbarschaft auf den Weg macht und proaktiv handelt. Zu reagieren ist schließlich schwieriger, als für etwas einzustehen.“

Rund 300 Menschen kamen am zweiten Advent in der Sporthalle zusammen.

Karoline Zocher, Präventionsbeauftragte gegen Rechtsextremismus, und Torsten Nagel überschütteten die Sülfelder mit Lob. „Sie sind ein tolles Dorf und haben sich im richtigen Moment aufgerichtet.“ Beide verwiesen auf das umfangreiche Präventionsangebot der Beratungsstellen, zu denen auch ein Argumentationstraining gegen rechte Parolen gehört. Bürgermeister Wegener zeigte sich mehr zufrieden: „Ich gehe mit einem guten Gefühl hier raus. Sülfeld ist bunt.“

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Von Petra Dreu

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