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Segeberg Tanz, Musik, Gemeinschaftsgefühl: Segebergs inklusive Lebenshilfe-Disco
Lokales Segeberg Tanz, Musik, Gemeinschaftsgefühl: Segebergs inklusive Lebenshilfe-Disco
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14:00 22.12.2019
„Hier kann ich abhotten und Spaß haben“, sagt Jakob (19). Musik und Tanz seien genau sein Ding. Die Lebenshilfe-Disco lässt er sich nicht entgehen. Quelle: Heike Hiltrop
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Bad Segeberg

Ein Gestell mit vier farbigen LED-Strahlern ist aufgebaut. Tim Hauke hat den Laptop aufgeklappt und die Playlist hochgeladen. Im Foyer der Mühle stehen die ersten Gäste an, um zwei Euro Eintritt zu bezahlen. Bummelig 40 Leute haben sich zur letzten Saturday-Night-Disco der Lebenshilfe in diesem Jahr eingefunden.

 

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Janek Clausen fährt in seinem Rolli übers Parkett und lässt dabei bunte Dioden an den Rädern im Takt von Pop und Schlager leuchten. Quelle: Heike Hiltrop

Da ist Valeska. Die junge Frau mit den langen dunklen Haaren kann nicht sprechen, sich auch kaum anders artikulieren. Dennoch spürt jeder, dass die 26-Jährige es kaum erwarten kann, auf der Tanzfläche zur Musik zu wippen. Dass sie dabei auf dem Boden robbt, interessiert niemanden. Auch die Gruppe aus vier Männern und Frauen, die sich erwartungsvoll an den Händen hält, erntet weder Blicke noch Kommentare. Lachend dreht sich das Quartett im Kreis. Ein Paar übt sich vorsichtig im Discofox. „Hier seh‘ ich tausend Sterne, tausend Sterne, tausend Sterne ...“ Der Titel von „Neelix“ dröhnt aus den Lautsprechern. Tim Hauke hat die Playlist gestartet. Drei Stunden und 27 Minuten. Von der ersten Minute an wird bei ausgelassener Stimmung getanzt.

DJ Tim Hauke hat die Playlist für den Abend gestartet: Ein Mal im Monat ist Disco in der Mühle. Für Menschen mit Behinderung im Besonderen, aber jeder ist willkommen. Quelle: Heike Hiltrop

„Schlager sind Favorit. Helene Fischer und Wolle Petry stehen ganz weit oben. Klar erfüllen wir auch Wünsche.“ Der 17-Jährige am Laptop ist angehender sozialpädagogischer Assistent bei der Lebenshilfe. Den Discjockey gibt er ehrenamtlich. An diesem Abend ist das Team zu fünft. Studentin Lena Bärwald und Julia Wenzel stehen am Getränke- und Würstchentresen. Sie organisieren das Angebot freiwillig, lediglich gegen eine kleine Aufwandsentschädigung.

Die Besucher sind einander zugewandt

Alles ist, wie überall, wo Leute zusammenkommen, die für ein paar Stunden den Alltag vergessen, gemeinsam Spaß haben wollen. Und doch ist diese Disco anders. Es gibt keinen Alkohol. Am Rand der Tanzfläche stehen große Tische mit ein paar Knabbereien und Stühlen drumherum zum Pausieren. Es wird viel mehr gelacht, alle sind einander zugewandt. Fast jeder hier hat eine körperliche oder geistige Behinderung. Alltagseinschränkung sei die bessere Bezeichnung, behindert klinge so abwertend. „Hier ist eine ganz besondere Stimmung. Das hat mir von Anfang an gut gefallen“, fasst DJ Tim Hauke zusammen. „Jeder tanzt mit jedem. Alle sind lustig. Der ganz große Unterschied zu einer ‚normalen‘ Disco ist die große Offenheit und dass das Alter keine Rolle spielt.“ Der jüngste Besucher sei 19, der älteste 60 Jahre alt.

Übliche Disco nur schwer möglich

Zum Tanzen zu gehen ist eigentlich nichts, über das man groß nachdenken müsste. Doch für viele Menschen mit Behinderung ist ein üblicher Discobesuch nur schwer möglich. Das beginnt beim Hinkommen, der Barrierefreiheit, geht über die besondere Empfindlichkeit einiger bei beweglichem Blitzlicht und endet spätestens bei der Intoleranz anderer. Nicht überall funktioniert Inklusion reibungslos. In der inklusiven Lebenshilfe-Disco schon: Jeder ist so, wie er ist.

Hilfe im Advent

Liebe Leserinnen und Leser,

„Alle Menschen sollen dabei sein. Bei der Arbeit, beim Wohnen, in der Freizeit und in allen Lebenslagen.“ So lautet das Leitmotiv der Lebenshilfe, die mit ihrer Arbeit dazu beiträgt, dass Menschen mit Behinderungen teilhaben können - in allen Lebenslagen.

Manche Projekte, für die es keine öffentlichen Mittel gibt, kann die Lebenshilfe nur über Spenden finanzieren - Disco, Kegeln oder einfach nur ein Ausflug in die Natur. Dinge, die für Menschen ohne Beeinträchtigungen selbstverständlich sind, bleiben für viele behinderte Menschen ohne die Lebenshilfe oft unerreichbar.

Deshalb kommen die Spenden aus der LN-Aktion „Hilfe im Advent“ in diesem Jahr der Lebenshilfe zugute. Ich bitte Sie, liebe Leserinnen und Leser: Unterstützen Sie „Hilfe im Advent“, spenden Sie für die Lebenshilfe.

Holger Schwartz, LokalchefLN-Redaktion Bad Segeberg Das SpendenkontoVerwendungszweck:„Hilfe im Advent

Kontoinhaber: Lebenshilfe Bad Segeberg

IBAN: DE 30230510300511046476

Geldinstitut:Sparkasse Südholstein

Abrocken und Gas geben

Janek Clausen fährt in seinem Rolli übers Parkett und lässt dabei bunte Dioden an den Rädern leuchten. So gibt er den Takt von Pop und Schlager vor. Die eigene Lightshow am Vehikel des 28-Jährigen konkurriert fröhlich mit den Spots. Neben ihm reckt ein junger Mann mit Baskenmütze und schwarzem Sakko einen Arm in die Höhe und formt Zeige- und Mittelfinger zum Victoryzeichen. „Hier kann ich Gas geben und abrocken“, sagt Jacob, 19, Gärtnergehilfe mit Downsyndrom, und wirbelt ausgelassen durch den Raum.

„Meine Tochter zeigt mir, wie glücklich sie ist“

Ausgehen und andere Leute außerhalb der Werkstätten oder Wohngruppe treffen, tanzen, flirten – einmal im Monat gibt es das Angebot der Lebenshilfe. „Es bedeutet für meine Tochter viel Freude und Vergnügen, das sieht man ihr an.“ Ricarda von Büren aus Kleinkummerfeld hat ihre Tochter, wie jedes Mal, gebracht und wird sie später auch wieder abholen, wie einige andere Eltern es auch tun oder organisierte Fahrer. „Wenn sie hier ist, muss ich mir keine Sorgen machen. Sie ist gut aufgehoben. Und sie zeigt mir, dass sie zufrieden und glücklich ist.“

Auch „Normalos“ schauen vorbei

Auch die Helfer lassen sich von der guten Stimmung anstecken. Gegen 20 Uhr schaut Corda Jacobsen rein. Sie leitet sie die Musikgruppe der Lebenshilfe. „Hierher komme ich privat. Man kann einfach mal abschalten. Die Stimmung, die Fröhlichkeit, das ist sehr besonders und es tut gut“, sagt die Wahlstedterin. „Musik kann so viel Positives bewirken.“

Die inklusive Disco

Von Heike Hiltrop

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