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Segeberg Tod im „Joy“: Schläger muss ins Gefängnis
Lokales Segeberg Tod im „Joy“: Schläger muss ins Gefängnis
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09:41 03.05.2018
Die Schwurgerichtskammer wertet den tödlichen Faustschlag, den ein 22-jähriger Besucher der Henstedt-Ulzburger Diskothek „Joy“ einem gleichaltrigen Mitbewerber um die Gunst einer jungen Frau versetzt hatte, als Körperverletzung mit Todesfolge. Quelle: ARCHIV
Kiel/Henstedt-Ulzburg

Die Schwurgerichtskammer wertet den tödlichen Faustschlag, den ein 22-jähriger Besucher der Henstedt-Ulzburger Diskothek „Joy“ einem gleichaltrigen Mitbewerber um die Gunst einer jungen Frau versetzt hatte, als Körperverletzung mit Todesfolge. Gestern im Kieler Landgericht ging die Kammer von einem minder schweren Fall aus und verurteilte den albanischen Staatsbürger zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe.

Wie der Vorsitzende Richter Jörg Brommann in der anderthalbstündigen Urteilsbegründung ausführte, lagen die schwerwiegenden Folgen der Faustattacke auf der Tanzfläche „im Gesamtbild nicht weit von einem Unfall“. Der Angeklagte habe den Tod seines Kontrahenten, mit dem er an jenem Morgen gegen 4 Uhr um eine 18-jährige Tänzerin im bauchfreien Top konkurrierte, nicht gewollt.

Dies sah die Anklage anders: Wie berichtet plädierte Staatsanwältin Barbara Westermeyer auf fünf Jahre Haft auch wegen versuchten Totschlags. Aus ihrer Sicht hatte der wegen Raubes vorbestrafte Täter bei seinem zweiten Schlag gegen den Kopf des bereits bewusstlos am Boden liegenden Opfers dessen Tod zumindest billigend in Kauf genommen. Die Staatsanwältin prüft jetzt ebenso Rechtsmittel wie der Verteidiger, der maximal zwei Jahre auf Bewährung gefordert hatte.

Laut Urteil bauten sich in der Tatnacht zwei junge Männer voreinander auf, die zuvor dieselbe junge Frau „angetanzt“ hatten. Nach Zeugenaussagen standen sich die Gegner dicht an dicht gegenüber. Der Vorsitzende sprach von wechselseitigem Imponiergehabe, das vom späteren Opfer ausging: Hätte der junge Syrer den Angeklagten nicht angesprochen, wäre wahrscheinlich nichts passiert.

Dass das spätere Opfer die verhängnisvolle Begegnung selbst eingeleitet hatte, wirkte sich strafmildernd aus. Auch dass der sportlich wirkende, aber einen Kopf kleinere Angeklagte zur Tatzeit durch Kokain und Alkohol enthemmt war, sprach für einen minder schweren Fall. Zudem habe der in Italien aufgewachsene Albaner die „unüberlegte Spontantat“ im Kern gestanden und glaubhaft Reue gezeigt.

Das Gericht hielt es für glaubhaft, dass der Angeklagte sich nach seiner Flucht nach Italien den deutschen Behörden stellen wollte. Warum sonst hätte der Gesuchte vier Wochen später das Risiko eingehen sollen, über die Schweiz zurück nach Deutschland zu reisen? Hier habe er weder eine Wohnung noch nennenswerte soziale Kontakte gehabt, befand die Kammer.

Strafschärfend fiel dagegen der zweite, „völlig unnötige“ Faustschlag des Angeklagten gegen den Kopf des am Boden liegenden Opfers ins Gewicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Syrer bereits den tödlichen Schädelbruch durch den ungebremsten Aufschlag am Boden zugezogen. Er erlag fünf Tage später in einer Hamburger Klinik seinen Verletzungen.

Auf dem Video der Überwachungskamera wirkte die „blitzschnelle“ Fortführung des Angriffs „sehr gefährlich“, so das Urteil. Doch der Eindruck habe sich im rechtsmedizinischen Gutachten relativiert:

Die Folgen seien zur Begründung einer Tötungsabsicht nicht gravierend genug. Eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit des Täters schloss das Gericht trotz dessen Kokainkonsums und Alkoholisierung bis 1,69 Promille aus.

So habe keiner der Zeugen während der Beweisaufnahme von Ausfallerscheinungen des Täters berichtet. Der weiter in U-Haft sitzende Angeklagte habe vielmehr gezielt und effektiv agiert. Auch als er sich nach der Vorfall vor den Security-Mitarbeitern der Diskothek verbarg und seine Garderobenmarke einem Freund gab, um unauffällig an seine Jacke zu kommen.

 Von Thomas Geyer