Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Sohn erzählt vom Nazi-Überfall auf seinen Vater
Lokales Segeberg Sohn erzählt vom Nazi-Überfall auf seinen Vater
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:00 18.09.2019
Reinhold Möller aus Schieren berichtet von den Leiden seines Vaters nach dem Nazi-Überfall in Quaal Quelle: Glombik
Quaal/Schieren

„Ja, das war mein Vater, Richard Möller, der von den Nazis fast totgeschlagen wurde, als er seinen jüngeren Bruder schützen wollte“, erzählt Reinhold Möller aus Schieren den Lübecker Nachrichten. Sein Vater, der früher in Warder wohnte, wäre im Oktober 110 Jahre alt geworden. Nachdem die LN vor Kurzem über die Gründung der NSDAP-Ortsgruppe in Bad Segebergam 27. August 1929 und den Kampf um die politische Macht und die Brutalität berichtet hatten, wurde der 77-Jährige aus Schieren auf den LN-Artikel aufmerksam gemacht. Tatsächlich war der Vater von Reinhold Möller 1932 ein Opfer der NS-Schergen gewesen, die nicht nur Juden, sondern auch Sozialdemokraten verfolgten.

Ein Passbild von Richard Möller aus der Nazizeit. Quelle: Familienbesitz

Massenschlägerei im Gasthaus angezettelt

Der furchtbare Überfall, der weit über den Kreis Segeberg hinaus Aufsehen erregte, ereignete sich im Februar 1932 in Quaal. Im Gasthaus tagte an einem Sonnabend die kleine Ortsgruppe des Reichsbanners der SPD. „Gegen Mitternacht fuhren mehrere Autos mit 30 bis 40 SS-und SA-Männern dorthin, unter ihnen Ortsgruppenleiter Otto Gubitz, drangen ins Lokal ein und begannen eine Massenschlägerei, zum Teil mit Eisenstangen“, berichtete Heimatchronist Axel Winkler. Mit im Saal war auch der junge Tischler Richard Möller aus Warder. Als die Nazis versuchten, das Lokal zu stürmen, habe Möller die Saaltür zugehalten. Er selbst sei gar nicht bei der Ortsgruppe aktiv gewesen, er wollte nur seinen jüngeren Bruder begleiten, der politisch aktiv war, erinnert sich Reinhold Möller an die Erzählungen seines Vaters. „Wäre der Dussel da nicht hingegangen, wäre das alles gar nicht passiert“, habe die Großmutter später geschimpft.

Vorher war es noch eine Idylle: Den Gasthof in Quaal (später Quaaler Quelle) stürmten 1932 die Nazis. Quelle: LN-Archiv

Irgendwann konnten sich die Sozialdemokraten gegenüber der Übermacht der SA nicht mehr behaupten. Die Tür wurde aufgestoßen. Richard Möller hatte als einer der ersten im Saal gleich einen Schlag abbekommen. Nach Erzählungen seines Sohnes mit einem Schmiedehammer. Denn gleich neben dem Gasthaus befand sich in Quaal eine Schmiede, wo Pferde beschlagen wurden.

In der Schmiede holten sich Nazis ihre Mordinstrumente

Dort hatten sich die Nazis vor dem Sturm auf das Lokal mit Schlaginstrumenten versorgt. „Es muss grauenhaft gewesen sein“, sagt Möller. Sein Vater kämpfte nach einem mehrfachen Schädelbruch tagelang um sein Leben. Die herbeigeeilte Mutter habe den offenen Schädel gehalten, ihn ins Krankenhaus begleitet. Möller: „Mir ist heute noch ein Rätsel, wie er diese schwere Verletzungen überlebt hat.“

1932 kam es hier in Quaal zu einem Überfall der Nazis auf eine Sitzung der Sozialdemokraten. Im hinteren größeren Gebäude befand sich der Gasthof, vorne rechts die alte Schmiede. Quelle: Glombik

Nach 15 Minuten kamen die Landjäger und beendeten den Überfall. Vier Reichsbanner waren verletzt, zwei von ihnen mussten ins Krankenhaus nach Segeberg gebracht werden. Möller überlebte knapp. Teile seiner Schädeldecke hatte er verloren. Teilweise gelähmt, zog das Opfer ein Bein nach, starb schon mit 58 Jahren. Er hatte es geschafft, trotz seiner Behinderung ohne Ehefrau fünf Kinder groß zu ziehen. Was etwas verwundert: Bis zu seinem Tod hat er die Täter öffentlich nicht genannt, geschweige denn angezeigt. Es seien zwei Quaaler Nazis gewesen, die ihn malträtiert hatten, sagt der Sohn.

Selbst den Briten verriet er nicht die Namen

Sie müssen Möller im Dorf, einer Nazi-Hochburg, fast täglich über den Weg gelaufen sein. Selbst den Briten als Besatzungsmacht habe er in Verhören später keine Namen genannt, obwohl sie es von ihm verlangt hatten. Sein Sohn Reinhold kannte die Täter. Er werde sie aber nicht verraten, versichert dieser. „Die Täter sind längst tot, ihre Nachkommen wissen offenbar gar nichts davon.“ Es nütze doch nichts, wenn jetzt Angehörige damit belastet würden. Reinhold Möller selbst ist absoluter Gegner rechter Parolen. Er arbeitet im Sozialverband, ist stellvertretender Kreisvorsitzender. Für ihn sei wichtig, dass „wir aus der Geschichte lernen“. Nicht nur die Täter, die versucht hatten, Möller zu ermorden, kamen davon. Auch die anderen am Überfall Beteiligten wurden zwar vor Gericht gestellt, bekamen aber nur geringe Geldstrafen aufgebrummt, berichtet Chronist Axel Winkler.

Von Wolfgang Glombik

Beschlossene Sache im Kreis-Wirtschaftsausschuss: Segeberg will sich um das Fairtrade-Label bewerben. Ein Fachmann erklärte, welche Kriterien gelten. Unter anderem müssten 38 Geschäfte fair gehandelten Kaffee anbieten.

27.09.2019

Professor Jost Steinhäuser und sein Team haben eine Fragebogenaktion der Gemeinde Pronstorf zur ärztlichen Versorgung ausgewertet. Die Ergebnisse werden am Freitag, 20. September, in Eilsdorf vorgestellt.

18.09.2019

Der Geschichtskreis Klein Niendorf präsentiert in seiner Vortragsreihe am 21. September die Geschichte der Bad Segeberger Rennkoppel. Der Eintritt im Schützenhof ist frei.

18.09.2019