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Segeberg Der singende Senior aus Trappenkamp
Lokales Segeberg Der singende Senior aus Trappenkamp
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15:07 23.12.2018
Mit 80 Jahren auf der Showbühne: Fritz Bliesener aus Trappenkamp in der Sat.1-Show „The Voice Senior“. Quelle: ProSiebenSat.1
Trappenkamp

Das Singen hatte Fritz Bliesener Ende 2017 innerlich eigentlich schon an den Nagel gehängt. Ein Auftritt vor 3500 Menschen auf der Friesenpferde-Schau im niedersächsischen Luhmühlen. Wie hätte er das je wieder toppen können? Mit 80 Jahren? Dachte er jedenfalls. Dass es nun doch ein wenig anders für den Trappenkamper lief, davon wird sich die gesamte Republik am Sonntagabend überzeugen können. Als ältester Teilnehmer tritt Bliesener um 20.15 Uhr bei der Sat.1-Castingshow „The Voice Senior“ an, die erstmals betagtere Gesangstalente in den Mittelpunkt stellt.

Und wie der Sender schon vorab in einem Trailer zur (aufgezeichneten) Sendung verrät, begeistert der 80-Jährige dort regelrecht. Kaum hebt Bliesener mit seiner kraftvollen Tenorstimme und im weißen Anzug zur Arie „O Sole mio“ an, regnet es Ja-Stimmen von der Jury, erheben sich Menschen im Publikum applaudierend aus ihren Sitzen – fast ein Paul-Potts-Moment. Der Beginn einer späten, aber großen Karriere?

Als Kind vier Tage lang verschüttet

Daheim in seinem Einfamilienhaus in Trappenkamp ist von dem Glamour nicht viel übrig. In brauner Lederweste sitzt der pensionierte Verlagskaufmann auf der Ledercouch in seinem Wintergarten. Ehefrau Annelise tischt selbst gebackenen Eierlikörkuchen auf. Und mit Glamour hat auch die Lebensgeschichte von Fritz Bliesener nicht viel zu tun, insbesondere nicht der erste Teil. 1938, kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs, kam er in Berlin zur Welt. Das unschuldige Kinderleben währte nur kurz. „Als ich vier Jahre alt wurde, hat meine Kindheit ganz plötzlich geendet“, erzählt er. Vier Tage war er als kleiner Junge verschüttet, nachdem eine Fliegerbombe direkt den Bunker traf, in dem seine Eltern mit ihm und den vier Geschwistern Schutz gesucht hatten. Es folgten erst die Flucht nach Thüringen und ein paar letzte friedliche Tage in der Natur. Dann rückte die Rote Armee ein. Die Mutter wurde von Soldaten vergewaltigt, die Familie auseinandergerissen und in alle Richtungen verstreut. Es kam der Hunger, die zweite Flucht in ein Lager in Uelzen, neun Monate Krankenhaus wegen Koliken infolge der Kriegstraumata. „Schlimme Zeit“, sagt er. Keine für Gesang.

Die Sendung

Die erste Folgevon „The Voice Senior“ läuft Sonntag, 23. Dezember, in Sat.1. Insgesamt werden vier Folgen ausgestrahlt – 23., 28., und 30. Dezember jeweils um 20.15 Uhr. Das große Finale mit der Live-Entscheidung des TV-Publikums ist am 4. Januar 2019.

Die Coaches in der Sendung sind die Frontmänner von The BossHoss, Sascha Vollmer und Alec Völkel, zudem Yvonne Catterfeld, Mark Forster und Sasha. Sie konkurieren um die beste Stimme der Teilnehmer ab 60. „Es ist das erste Mal, dass Sängerinnen und Sänger über 60 gegeneinander antreten“, sagt Sasha.

Zum Singen in die Toilette gesperrt

Dieses Talent erkannte er erst später. „Meine Schwester und ihre Freundin hatten mich mal in die Toilette gesperrt. Raus durfte ich erst wieder, nachdem ich etwas geträllert hatte“, erinnert er sich. „Offenbar konnte ich etwas, was andere gerne hören mochten.“ Zusammen mit seiner Schwester wagte er dann als 15-Jähriger, die Familie war inzwischen in Wilhelmshaven gelandet, die ersten Gehversuche vor Publikum. „Meine Schwester war Fan von Caterina Valente, ich von Vico Torriani. Zusammen sind wir dann mit diesen Liedern auf Hochzeiten aufgetreten.“ Bei einer dieser Feiern wurde ein Gesangspädagoge auf ihn aufmerksam und bot dem jungen Mann Unterricht an. „Sechs Jahre habe ich bei ihm dann Gesangsstunden genommen.“

Die Musik bleibt danach ein stetiger Begleiter. Fritz Bliesener trat mit einer Band, später auch allein auf Feiern oder kleinen Konzerten auf, sang Schlager und klassische Musik auf Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch und Neapolitanisch. „Sprachen, die ich allesamt nicht sprechen kann“, verrät der Trappenkamper. Die richtige Aussprache der Texte und ihre Bedeutung brachte er sich nach und nach selbst bei, ebenso wie das Orgelspielen. „Eigentlich bin ich bei allem, was ich tue, Autodidakt.“

Trotz seines Talents blieb der Gesang aber immer Hobby. Daran gedacht, sich ganz zu konzentrieren, das Singen zum Beruf zu machen, habe er nie. „Ich war nachher ja verheiratet und hatte Frau und Kinder zu ernähren, da kam ich gar nicht auf so eine Idee.“

Familie meldete ihn bei „The Voice“ an

Folgt jetzt vielleicht der späte Durchbruch? Von alleine hätte er sich gar nicht bei „The Voice“ beworben, gibt er zu. „Eines Tages hatte ich Post von denen bekommen und wusste erst gar nichts damit anzufangen. Meine Kinder haben mich da einfach hinterrücks angemeldet“, sagt er lachend. Zunächst habe er gar nicht gewollt. Den Stress, die lange Fahrt zur Aufzeichnung, wollte er in seinem Alter nicht mehr auf sich nehmen. Als ihm sein Schwiegersohn eröffnete, dass er dafür aber nur nach Hamburg müsse, sagte Fritz Bliesener schließlich zu – wenn auch zunächst widerstrebend. „Im Nachhinein war es ein tolles Erlebnis. Unheimlich tolle Menschen dort, liebenswert hoch drei.“

Wie weit Fritz Bliesener aus Trappenkamp bei „The Voice Senior“ gekommen ist, dürfen wir an dieser Stelle nicht verraten. Mit Sicherheit dürfte aber heute fast ganz Trappenkamp vor dem Fernseher sitzen und beim Auftritt von ihrem Fritz die Daumen drücken.

Die Jury besteht aus Sascha Vollmer; Mark Forster, Yvonne Catterfeld, Sasha und Alec Völkel (v.l.). Quelle: SAT.1/André Kowalski

Oliver Vogt