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Segeberg Trotz des Skandals: Pferdefleisch ist gefragt
Lokales Segeberg Trotz des Skandals: Pferdefleisch ist gefragt
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22:10 06.03.2013
Von Christian Spreer
In seinem Betrieb schlachtet Bernd Poggensee nicht nur Rinder und Schweine, sondern pro Jahr auch 120 Pferde.
Hartenholm

Für Schlachtermeister Bernd Poggensee ist der „Pferdefleischskandal“ kein Skandal, sondern „gemeiner Betrug und Geldmacherei“. Denn den Verbrauchern wurde in der Lasagne nichts Ekliges oder Gesundheitsgefährdendes untergejubelt — sie wurden schlicht betrogen, weil die Ware falsch deklariert war. „Was drauf steht auf der Packung, das muss auch drin sein.“

Gestern teilte das Landwirtschaftsministerium mit, dass erstmals auch im Produkt eines schleswig-holsteinischen Herstellers Pferdefleisch nachgewiesen wurde „An Pferdefleisch ist ja nichts auszusetzen“, sagt Poggensee, in dessen Betrieb in Hartenholm wöchentlich durchschnittlich drei Pferde geschlachtet werden. Er selber habe durch den Skandal keine Einbußen hinnehmen müssen, die Nachfrage nach dem Fleisch sei nicht zurückgegangen. Er habe eher den Eindruck, als ziehe sie sogar an.

Montags und donnerstags werden in Bernd Poggensees Betrieb Pferde geschlachtet. Etwa 120 im Jahr. Seit über 100 Jahren sind die Poggensees Fleischer. Was er schlachtet, verkauft unter anderem sein Bruder in dessen Hamburger Geschäft an Pferdefleischliebhaber. Davon gibt es nicht wenige. „Die, die Pferdefleisch mögen, kaufen es jetzt erst recht“, sagt er. Zudem stelle sein Bruder nun „viele fremde Gesichter im Laden“ fest: Kunden, die jetzt an den Verzehr dieses Fleisches in ihrer Kindheit erinnert würden und nun wieder zugreifen. „Das Fleisch ist preiswerter als Rind und schmeckt gut“, sagt Poggensee. Und keinesfalls streng: Wenn in der Lasagne zehn Prozent Pferdefleisch wäre, „würde ich das nicht ‘rausschmecken“.

Zwei Prozent der Deutschen essen regelmäßig, durchschnittlich einmal die Woche, Pferdefleisch, sagt der 46-Jährige. Ein nicht zu unterschätzender Kundenkreis kaufe Pferdefleisch jedoch als Hundefutter. Nicht, weil es billig wäre. Sondern weil ihre Hunde gegen Industriefutter allergisch seien. In Trockenfutter sei oft Schweinefleisch enthalten. Das sollten Hunde aber eigentlich nicht essen.

Abschied vom

Weggefährten

Im Betrieb von Bernd Poggensee geht es professionell zu. Der Halter hat bereits Abschied genommen. Jetzt steht sein altes Pferd auf dem Anhänger vor dem Schlachthaus in Hartenholm. Bernd Poggensee zieht sich um, redet ruhig auf das Tier ein, bevor er es in das geflieste Gebäude führt. Das ist größer als erwartet, alles ist modern, sauber, kalt und feucht.

Der Reporter erhält Plastikkittel, Haarhaube und Überzieher für die Schuhe. Poggensee schärft ein Messer, bereitet das Bolzenschussgerät vor. Es muss genau am Großhirn platziert werden, damit das Tier nichts spürt. Er setzt es an, drückt ab. Sofort sackt das Pferd zusammen. Es gibt keinen Laut von sich. Auf dem Boden zuckt es noch leicht. Poggensee nimmt ein Messer, sticht es in den Hals.

Blut strömt in eine Schale. Erst dadurch sterbe das Tier, sagt er. Zuvor sei es lediglich empfindungslos gewesen. „Schlachten ist Töten durch Blutentzug“, definiert er. Der Bolzenschuss sei nur die Betäubung.

Für Poggensee ist diese Form des Tötens „humaner“ als das Einschläfern. Dieses Wort schätzt er gar nicht. „Einschläfern ist totspritzen, nichts anderes.“ Wenn Pferdehalter — meist sind es Frauen — sagen, sie ließen ihr Pferd nicht schlachten, sondern einschläfern, dann habe das was Verniedlichendes. Angenehmer sei es aber für das Tier nicht. Es berge die Gefahr, dass es leidet. Das Einschläfern nach vorheriger Narkose könne recht lange dauern, bis es zum Tod führt. „Da ist der Bolzenschuss schneller und schmerzlos für das Tier“, sagt der 46-Jährige. Daher kämen viele Pferdebesitzer bewusst zu ihm. Poggensee: „Viele sagen: ,Was ihr macht, geht schneller‘.“

Dem Tier

Qualen ersparen

„Etwa ein Drittel der Besitzer ist dabei und wartet, bis es passiert ist“, erzählt er. Sie begleiten ihr Tier bis zum Schluss. „Einige gucken nur noch ein letztes Mal durch die Tür, hören den Schuss — und dann ist es für sie gut.“ Warum bleiben sie bis zum Ende? Poggensee: „Gesundes Misstrauen.“ Die Leute wollten sichergehen, dass ihr Pferd auch wirklich hier geschlachtet werde — und nicht etwa per Massentransport 1000 Kilometer nach Frankreich oder Italien zum Schlachthof gekarrt werde, wo es mehr Geld einbringe. Er könne diese Menschen verstehen. „Die wollen ihrem Tier zusätzliche Qualen ersparen. Bei mir können sie sicher sein, dass ihr Tier hier tatsächlich geschlachtet wird.“

Er zeigt eine SMS von einer Frau namens Sigrid: Darin bedankt sie sich ausdrücklich dafür, wie er ihr Tier getötet habe. „Sie hatte es einen Tag zuvor gebracht und sich auf meiner Koppel von ihm verabschiedet“, erzählt er. Manchmal komme er sich wie ein Psychologe von Tierhaltern vor. Allerdings riefen ab und zu auch Leute bei ihm an, „die Pferde vor dem Tod retten wollen“. Das versteht der Schlachtermeister nicht. „Die Pferde haben ja ‘was, sind nicht okay: Wirbel- oder Gelenkschäden, Arthrose, oder sie sind einfach alt, können nicht mehr geritten werden.“ Im übrigen: Die Alternative ist die Abdeckerei.

Lebend- und

Totbeschau

Holger Humfeld, seit 31 Jahren im Beruf, übernimmt das Tier, zerlegt es. Mit dabei ist Veterinär Dr. Hans-Joachim Heldt. Er hat eine eigene Praxis und ist zweimal wöchentlich bei Poggensee im Auftrag des Kreises, wo er die Lebend- und Totbeschau der Tiere vornimmt. Zuvor hat er den Equidenpass geprüft, ob das Pferd auch zum Schlachten zugelassen ist. Pferde, die mit bestimmten Medikamenten behandelt wurden, dürfen nicht verzehrt werden.

Heldt kennt auch die Arbeit in großen Schlachthöfen: Der Unterschied: „Hier hat man mehr Zeit, hier unterliegt man nicht dem Takttempo des Fließbandes.“ Heldt hat das Pferd vor der Schlachtung betrachtet, jetzt macht er die Totbeschau. Er nimmt Proben an bestimmten Stellen des Körpers. Unter anderem beschaut er die Nasenhöhlen, schneidet die Mandeln ‘raus wegen möglicher Krankheiten, die dort nachweisbar wären, checkt die Organe. Und das Fleisch wird auf Trichinen untersucht.

Etwa 60 Prozent der Lebendmasse des Tieres werden verwertet, berichtet Heldt, während Humfeld immer mal wieder zum Schlauch greift, Wasser gegen den Torso spritzt, um besser arbeiten zu können.

Immer wieder spritzt er auch den Fußboden sauber.

Nachdem er das Tier ausgenommen hat, zieht er ihm per Flaschenzug das Fell ab. Es wird in Steinburg zu Handtaschen verarbeitet. Immer wieder gleitet sein Messer durch das Schärfgerät. Bei ihm sitzt jeder Handgriff. Humfeld benutzt nicht einziges Mal eine Zange, selbst Kopf und Extremitäten trennt er mit dem Messer ab. „Hier wird das noch traditionell gemacht — wie sich das gehört“, kommentiert der Tierarzt. Ab und zu zucken noch Nerven am toten Körper. Eineinhalb Stunden könne das noch auftreten, sagt der Veterinär. „Das ist ganz normal.“

„Hier unterliegt man nicht dem Takt des Fließbandes.“
Tierarzt Dr. Hans-Joachim Heldt

Christian Spreer

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