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Segeberg Unbegleitete Jugendliche: „Alles ist in Bewegung“
Lokales Segeberg Unbegleitete Jugendliche: „Alles ist in Bewegung“
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11:48 15.02.2016
„Etwa 100 unbegleitete Jugendliche sind uns schlichtweg abgehauen.“ Manfred Stankat, Jugendamtsleiter
Bad Segeberg

Seit Anfang 2015 wurden im Kreis Segeberg 487 unbegleitete Jugendliche registriert. Es ist eine Mammutaufgabe, die das Jugendamt derzeit neben seinen sonstigen Aufgaben zusätzlich zu stemmen hat. Die unbegleiteten minderjährigen Ausländer, im Amtsjargon kurz „UMA“ genannt, müssen untergebracht, betreut, beaufsichtigt und jeweils mit einem Vormund versorgt werden. Für Manfred Stankat, Leiter des Segeberger Jugendamtes, ist dabei die Unterbringung der 33 Jugendlichen in Gastfamilien eine besondere Segeberger Erfolgsgeschichte.

50 Plätze in Gastfamilien würden jetzt insgesamt zur Verfügung stehen. Der Aufruf via Medien im Ostkreis sei sehr erfolgreich gewesen. „Nur in einem Fall musste das Gastelternverhältnis aufgelöst werden“, berichtete Stankat. Dabei hätten anfangs Kollegen anderer Jugendämter gewarnt, die Jugendlichen quasi Laien zu überlassen — ja, das wurde geradezu als „Verrat“ an der Fachkompetenz der sozialen Einrichtungen betrachtet. Kopfschütteln im Ausschuss. Laut Stankat habe sich herausgestellt, dass die Integrationsleistung der Gastfamilien nicht zu übertreffen sei, weil die Gastfamilien oft auch durch eigene Kinder so gut mit Schule und Vereinen vernetzt seien, dass davon die ausländischen Jugendlichen enorm profitierten. Zumal die Motivation hier sehr groß sei.

Anfangs waren die Jugendlichen vor allem in der Landesunterkunft Boostedt untergebracht. Von denen seien 98 Prozent männlich, nur sehr wenige Mädchen seien dabei. Sehr häufig seien die Jugendlichen auf der Balkanroute monatelang mit Verwandten, zum Beispiel mit dem Onkel, unterwegs gewesen. Da gebe es eine 15-jährige Mutter, die von einem 35-jährigen Mann begleitet wird, der angibt, ihr Ehemann zu sein. Derartige „Reisegemeinschaften“ werden gesondert in Boostedt untergebracht. Insgesamt 264 Kinder seien von Gerichten an den Kreis als Vormund gegeben worden. Für weitere 50 seien Vormundschaften beantragt. Stankat zu den sich täglich ändernden Zahlen: „Alles ist in Bewegung.“

Ein Ausschussmitglied vermisste in Stankats Zahlenwerk über 100 Jugendliche. Tatsächlich sind dem Kreis übers Jahr zahlreiche Minderjährige „abhanden gekommen“.

Das sei nicht ungewöhnlich. Die Jugendliche seien teilweise viele Monate oder gar Jahre unterwegs, haben sich zum Beispiel noch einmal in Hamburg oder anderswo registrieren lassen, „weil sie da noch einmal Taschengeld bekommen“. Das sei mittlerweile „deutsche Realität“, erklärte Stankat den staunenden Politikern. Solange die Flüchtlinge nicht zentral über ein bundesweites Register erfasst werden, sei das möglich. Auch — und das ist wohl menschlich verständlich — zieht es die Jugendlichen schnell weg, wenn sie über ihr Handy erfahren, dass Mutter oder Vater in Dresden gelandet sind und sie dort spontan hinreisen. Dann werde vergessen, den zuständigen Sachbearbeiter zu unterrichten. Der Kreis bekomme, wenn überhaupt, erst viel später mit, dass kein Vormund mehr benötigt werde, weil ja nun die Eltern da seien. Teilweise werden unbegleitete Jugendliche in dem Gebäude der JobA-Einrichtung (14 Personen) und auch in der Jugendakademie (11) an der Marienstraße untergebracht.

Nur sieben von ihnen leben in Segeberger Heimen. Diese Plätze seien extrem knapp und für Kinder und Jugendliche mit Suchtproblemen, psychischen Erkrankungen oder aus zerrütteten Verhältnissen gedacht. Stankat: Für die ausländischen Jugendlichen brauche man nicht „den ganzen Tanker“ der Jugendhilfe. Neue Heime zu bauen, sei schwierig. Man könne nicht von einem Träger erwarten, Geld für ein Heim in die Hand zu nehmen, für das man vielleicht nur für wenige Jahre eine Betriebserlaubnis bekomme. Zumal das Land die Heimaufsichtsvorschriften auch nicht für Flüchtlingskinder lockern möchte.

Wolfgang Glombik