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Segeberg WZV: Norderstedt droht mit Klage und Kündigung
Lokales Segeberg WZV: Norderstedt droht mit Klage und Kündigung
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23:10 04.11.2016
Der Recyclinghof in Norderstedt. Die Stadt fürchtet, dass ihr dort erhebliche Einnahmen entgangen sind. Quelle: Fotos: Hfr/fuchs*/dreu*
Bad Segeberg

Die Kritik am Wege-Zweckverband (WZV) und dessen Verbandsvorsteher wird nach dem Untreue-Schuldspruch gegen einen leitenden Mitarbeiter immer lauter. Jetzt soll ein Sachverständiger damit betraut werden, die Geschehnisse auf dem Norderstedter Recyclinghof und möglicherweise darüber hinaus aufzuarbeiten. Das beschlossen die Mitglieder des Hauptausschusses, dem fünf Bürgermeister aus dem Kreis angehören. Von einigen wird offenbar befürchtet, dass die mutmaßlich veruntreuten Gelder in Höhe von rund 30 000 Euro nur die Spitze des Eisbergs sein könnten.

Nach dem Untreue-Urteil gegen einen führenden Mitarbeiter steigt der Druck auf den Wege-Zweckverband – ein Wirtschaftsprüfer soll die Geschehnisse jetzt aufarbeiten.

Denn der Prozess gegen den Abteilungsleiter hat kaum Fragen beantwortet, sondern im Gegenteil sehr viele neue aufgeworfen: Wie konnte es sein, dass der WZV-Führung nicht aufgefallen war, dass mit den Abrechnungen des Recyclinghofs Norderstedt etwas nicht stimmte und Geld fehlte? Warum stiegen die Umsätze des Recyclinghofs um ganze 135000 Euro pro Jahr an, nachdem der beklagte Mitarbeiter nicht mehr mit der Abrechnung betraut war? Bestehen die Schlupflöcher, die für den mutmaßlichen Betrug ausgenutzt wurden, weiterhin? Auch auf anderen Recyclinghöfen? Und warum rückt WZV-Chef Kretschmer bis heute nicht von seinem Mitarbeiter ab?

Druck macht vor allem Hans-Joachim Grote (CDU), Oberbürgermeister der Stadt Norderstedt. Er fordert eine umfassende Aufklärung. Denn im Raum stehen für ihn nicht nur Schadenersatzansprüche für entgangene Gewinne, fraglich sei auch die weitere Zusammenarbeit mit dem WZV insgesamt. Obwohl bereits seit zehn Jahren eine Kooperationsvereinbarung bestehe, „gibt es derzeit von unserer Seite erhebliche Ressentiments bei der Frage einer weiteren Verlängerung“, sagt Grote. Zweifel hat der Norderstedter Verwaltungschef insbesondere daran, ob WZV-Chef Kretschmer „seinen Organisations- und Führungsaufgaben in vollem Umfang gewachsen ist“. Es sei jedenfalls ziemlich fragwürdig, die praktisch aus dem Nichts aufgetauchten Umsätze in Höhe von 135000 Euro en passant damit zu erklären, dass die Mitarbeiter des Recyclinghofes schlicht „genauer hingesehen“ hätten, wie Kretschmer es in seiner Zeugenvernehmung getan hatte. „Deshalb wollen wir genau geprüft wissen, ob mangelnde Organisationsstruktur und Führung dazu beigetragen haben, dass der Stadt möglicherweise jahrelang Gewinne entgangen sind.“ Die Frage nach der Verantwortung müsse zunächst geklärt werden.

Auch eine Klage auf Schadenersatz sei dann denkbar.

Offen ist aber, inwieweit „Führungs- und Organisationsstruktur“ bei der bevorstehenden Prüfung auf den Tisch kommen. Denn ein Sachverständiger wird durch den WZV beauftragt, wäre insofern nur diesem und dem Hauptausschuss gegenüber rechenschaftspflichtig, wie der WZV-Verbandschef gestern den LN bestätigte. Auf die Kritik des Norderstedter Oberbürgermeisters Grote ging Kretschmer nicht ein. Man habe jedoch das gleiche Anliegen, versichert er. Es gehe darum, herauszufinden, wie es zu dem Geldverlust kam, wie ihn das Gericht festgestellt hatte, – und wieso die Umsätze so sprunghaft angestiegen seien. „Da gibt es zwei Möglichkeiten“, sagt Kretschmer. „Möglichkeit A: Der angeklagte Mitarbeiter hat etwas damit zu tun, was ich für unrealistisch halte. Oder Möglichkeit B: Es gibt noch etwas Verborgenes. Und das möchten wir gerne genau wissen.“

Dass die Umsätze sprunghaft angestiegen sind, hat auch für Erstaunen bei Gerd Lentföhr, dem Vorsitzenden des WZV-Hauptausschusses gesorgt. Eventuelle Gründe wollte er gestern jedoch nicht kommentieren, sondern betonte, dass ein externer Prüfer nun die Vorgänge genauer unter die Lupe nehmen solle. „Der WZV muss dafür sorgen, dass alles mit rechten Dingen läuft“, betont Lentföhr. Er geht davon aus, dass ein Spezialjurist damit beauftragt wird. Dass der WZV selbst diesen Juristen aussucht, ist für ihn kein Problem. Zweifel an Verbandsvorsteher Kretschmer stünden nicht zur Diskussion.

Das Urteil gegen den WZV-Mitarbeiter ist indes noch nicht rechtskräftig. Wie Karin Witt, Sprecherin des Landgerichts in Kiel, gestern bestätigte, hat die Verteidigung Berufung eingelegt. Das Landgericht als zweite Instanz werde sich also erneut mit dem Fall befassen. Einen Zeitplan gibt es dafür noch nicht. Realistisch sei aber vielleicht ein halbes bis Dreivierteljahr.

 Petra Dreu, Nadine Materne und Oliver Vogt