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Segeberg „Welche Geisteskinder haben wir hier?“
Lokales Segeberg „Welche Geisteskinder haben wir hier?“
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20:10 27.02.2013
Von Wolfgang Glombik
Typisch Bad Segeberg? Die Gedenkstätte am Synagogen-Grundstück ist zu einem Dreckloch verkommen. Auf den Wänden wird Bad Segebergs Bürgermeister Dieter Schönfeld beleidigt, doch er hat keine rechtliche Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Quelle: Glombik
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Bad Segeberg

Gehen Sie einmal mit offenen Augen durch Bad Segebergs Innenstadt: Häuser sind vollgekleistert mit Parolen und Beleidigungen, Brunnen- und Jesusfigur wurden demoliert, die originellen Totempfähle in der Fußgängerzone sind lädiert und teilweise schon entfernt worden. Die Restaurierung der Jesus-Skulptur an der Marienkirche wird vermutlich 15 000 Euro kosten. „Welche Geisteskinder haben wir hier eigentlich?“ fragt ein Polizist.

Inzwischen scheint sich auch mehr und mehr eine rechte Szene in der Stadt breit zu machen. Doch die Neonazis sollen nach LN-Informationen nicht in Bad Segeberg wohnen, sondern aus Umlanddörfern kommen, gehen hier aber zur Schule oder machen in der Kreisstadt eine Ausbildung. Die Stadt wird so zu ihrem Betätigungsfeld. Der Krieg zwischen Rechts- und Linksextremen spiegelt sich auf den Wänden wider. Rechte Parolen werden von Linken durchgestrichen und umgekehrt. Joachim Cords (SPD) schlug am Dienstag in der Stadtvertretersitzung Alarm: Die Zunahme an Beschädigungen und Schmierereien lasse sich nicht mehr übersehen. Doch Ursula Michalak, Vorsitzende im Kriminalpräventiven Rat, wiegelte eher ab. In Gesprächen mit der Polizei habe sie erfahren, dass die Schmierereien „nicht aus dem Rahmen fallen“. Kopfschütteln. Das klinge befremdlich, wenn man sehe, wie viele Wände in der Stadt beschmutzt und beschmiert seien, so Bürgermeister Dieter Schönfeld. „Wenn das tatsächlich im Landesdurchschnitt nichts Besonderes ist, zeigt das, wo unsere Gesellschaft hingekommen ist.“

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Die LN fragten nach: Revierleiter Torsten Schmidt korrigierte sofort frühere Äußerungen im Kriminalpräventiven Rat. „Nein, das ist nicht normal, was wir jetzt hier erleben. Das ist schon eine besondere Qualität der Sachbeschädigung. Das ist nicht mehr hinnehmbar.“

Schönfeld forderte Zeugen auf, sich zu melden. „Jeder, der eine Kamera hat, darf den Täter auch ablichten und das Bildmaterial der Polizei übergeben.“ Bei der Stadt wurde die ausgesetzte Belohnung für Hinweise zur Ergreifung der Täter, die zum Beispiel die städtische Brunnenfigur Gänseliesel zerstört haben, noch nicht abgeholt. Schönfeld: „Wer sachdienliche Hinweise geben kann, soll sich melden.“

Der Verwaltungschef selbst wird auf „Wandmalereien“ übelst beleidigt. Doch das Bundesverfassungsgericht sei der Meinung, dass Personen des öffentlichen Lebens vom hauptamtlichen Bürgermeister an aufwärts es sich gefallen lassen müssten, als Arschloch bezeichnet zu werden, bemerkte Schönfeld.

Für Ulf Peters, rühriger Geschäftsmann und kreativer Kopf in der Hamburger Straße, der die Stadt mit immer neuen Aktionen liebenswert machen möchte, ist die Zerstörungswut ein Bad Segeberger „Phänomen“. „Wir bekommen das hautnah mit.“ Er plane jetzt „Rollende Gärten“ für den Frühling in der Hamburger Straße. Erste Frage von Sponsoren sei gleich gewesen: „Was macht ihr gegen die Idioten?“

Peters: „Es kann nicht sein, dass wir den meisten Hirnschmalz darauf verwenden, wie man das alles sichert, damit es nicht kaputt gemacht wird.“

Nur noch schriftlich
Die Einwohnerfragestunde in Bad Segebergs Stadtvertretersitzung ist meist die Stunde von Magret Bonin. Sie hat fast immer etwas auf dem Herzen. Auch vorgestern gab es von der Anhängerin des abgerissenen Hotel am Kalkbergs (HaK) Fragen. Habe die Stadt ein Jugendkonzept für die unter 25-Jährigen? Erkenne die Stadt Anzeichen für einen Neonazi-Untergrund in Bad Segeberg? Die Fragen könnten ihr auch mit Ja oder Nein beantwortet werden. Bürgermeister Dieter Schönfeld stellte klar, dass von Seiten der Stadtverwaltung im Falle Bonin nicht mehr mündlich auf Fragen reagiert werde.

Denn sie würde auf ihrer Internetseite und auf Youtube Behauptungen aufstellen, er sei „ein böser Mensch“. Mit ihr stehe die Stadt auch in juristischen Auseinandersetzungen. Da Magret Bonin „die Dinge meist anders auffasse, als wir sie mitteilen, möchten wir ihr nur noch schriftlich antworten“, erklärte Schönfeld. wgl

Wolfgang Glombik