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Segeberg Werner-Rennen – zwischen Liebe und Leid
Lokales Segeberg Werner-Rennen – zwischen Liebe und Leid
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16:49 05.08.2018
Das Plakat zum Werner-Rennen. Quelle: Hfr
Hasenmoor

Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall, lautet ein plattdeutsches Sprichwort. Überspitzt ins Hochdeutsche übersetzt: Was den einen begeistert, ist dem anderen ein Graus. Wie berichtet haben sich 14 Bürger an Rechtsanwältin Andrea Brümmer aus Hamburg gewandt, um das Spektakel auf dem Flugplatz Hartenholm – und weiträumig drumherum – mit einer einstweiligen Verfügung zu verhindern.

Keine Wiederholung der Krawallveranstaltung auch zum Wohl des Naturschutzes und wegen Brandgefahr, so die Hauptargumente. Jetzt ist der Erlass einer einstweiligen Anordnung eingegangen, bestätigt ein Sprecher des Verwaltungsgerichts Schleswig. „Eine Entscheidung ist allerdings noch nicht konkret absehbar.“ Der so genannte Auflagenbescheid, sozusagen das amtliche Okay für das Rennen, könnte mögliche Bedenken ausräumen. Doch der liegt noch gar nicht vor. „Bei Erstveranstaltungen in dieser Größenordnung ist das nichts Ungewöhnliches“, sagt Ordnungsamtsleiter Karsten Kohlmorgen vom zuständigen Amt Kaltenkirchen Land.

Marcus Runge kann nicht nachvollziehen, dass nach so langer Vorbereitung nun eine Gruppe von Leuten alles verhindern will: „Auf der Einwohnerversammlung hat sich niemand beschwert.“ Noch heute kommt der 84-jährige Bimöhlener ins Schwärmen, wenn er an 1988 denkt. Und daran, wie er und seine Mitstreiter vom Horex-Club im MSC Roland Teil des Werner-Rennens wurden. „Die haben gefragt, ob wir unsere Maschinen zeigen wollen, und wir sind gekommen.“ Abends seien sie weggefahren, morgens wiedergekommen,weil nichts gesichert war.

Jürgen Runge (53)

„Ja, da lagen die Schnapsleichen. Die Leute haben ja sogar bei uns campiert. Der Edeka-Markt im Dorf war leergekauft. Aber die Leute waren wie eine große Familie. Das war ein Erlebnis.“ Mittlerweile ist sein Schwiegersohn Jürgen Vorsitzender des MSC. Und auch dieses Mal wollen über 30 Horex-Fans mit ihren Motorrädern zur Show um das Rennen beitragen. „Mit Werkstatt und passender Deko, das wird richtig schön.“

Damals seien es 200000 Menschen gewesen, jetzt sollen es 50000 werden. „Das ist doch ganz anders. Holger Hübner macht auch Wacken, der hat das im Griff.“ Außerdem hätten sich damals 1988 viele Anwohner eine goldene Nase verdient – und Schadenskosten seien erstattet worden. Marcus und Jürgen Runge freuen sich, wie viele aus den umliegenden Dörfern, auf das Spektakel.

Hans Wrage (80)

Hans Wrage wohnt im Epizentrum, keine 20 Meter vom Flugplatzgelände entfernt. Zwar gehört er nicht zu denjenigen, die sich Rechtsbeistand gesucht haben, aber ihn graust es jetzt schon. Die Erinnerungen des 80-Jährigen sind noch sehr lebendig: „Die haben einfach in meinem Garten campiert. Alles war voller Menschen. Sie haben meine Beete zertrampelt, die Rhododendren abgeschnitten und dann wollten die auch noch meinen Lokus benutzen und bei mir duschen.“ Wrage zieht die Stirn in Falten. „Die haben sich einfach die neuen Holzbalken von meinem Hof genommen, meinen Holzzaun rausgerissen und alles verfeuert. Sogar zwischen den Zapfsäulen drüben an der Tankstelle, die es mal gab, haben die Feuer gemacht.“

"So etwas nie wieder erleben"

Damals im Spätsommer 1988 seien drei berittene Polizisten bei ihm stationiert gewesen. „Die haben sie einfach verjagt, die Pferde standen hier alleine. Eine Hundertschaft musste die rausholen.“ Renn-Besucher seien in seine Scheune eingefallen. „Fast 60 Leute haben einfach im Stroh übernachtet. Gefragt hat mich niemand. Dass da nichts gebrannt hat, ist ein Wunder.“ In alten Zeitungs- und Fernsehberichten ist von Menschen die Rede, die zu Hauf’ ihr Geschäft in Vorgärten verrichtet hätten. 1500 Kubikmeter Müll waren nach dem Rennen zurückgeblieben. Zwei Wochen hätten die Aufräumarbeiten gedauert. Wrage: „Ich will so was nie wieder erleben. Wollte ich schon damals nicht.“

Marcus Runge ist sich, wie viele, sicher, dass dieses Mal alles ganz anders sein wird: „Es sind ja viel weniger Leute.“ Jürgen Runge pflichtet ihm bei: „Das sind erfahrene Veranstalter. Da bracht man doch nur nach Wacken zu schauen, wie das läuft.“ Das räumt sogar Hans Wrage ein, der mit gut 40 Hasenmoorern zur Bustour vor genau einem Jahr auf das Wacken-Open-Air eingeladen worden war. Bedenken zerstreuen war das Ziel – und zeigen, wie es in Hartenholm laufen soll.

Wacken als positives Vorbild

„Das hat mir schon imponiert. Ich war angenehm überrascht, das sah ganz ordentlich aus. Aber da ist das auch langsam gewachsen“, bleibt Wrage bei seinem Standpunkt. Man habe ihn damals entschädigt und dieses Mal einen Zaun rund um sein Grundstück zugesagt – plus Ordner an seinen drei Auffahrten. Beruhigen kann ihn das nicht: „Ich mache drei Kreuze, wenn das alles vorbei ist.“

Hasenmoors Bürgermeister Klaus-Wilhelm Schümann (CDU), ein klarer Befürworter des Werner-Rennens, nimmt diese Sorgen ernst. Darum ist am 14. August vor der Gemeindevertretersitzung ein Schlichtungsgespräch anberaumt. Und dass es zu keinem Brand kommt, dafür rüsten sich die Feuerwehren: „Wir bereiten uns angemessen vor, sind in engem Kontakt mit der Feuerwehr Wacken, um von ihren Erfahrungen zu partizipieren“, umreißt Hasenmoors Wehrführer Tim Mielke. Jürgen Runge sieht das entspannt: „Die Leute die kommen, die passen aufeinander auf. Die wollen keine Randale und sie wollen nicht, dass was passiert. Die wollen einfach nur Spaß.“

Hintergrund

Es war das Woodstock Schleswig-Holsteins, das Werner-Rennen von 4. September 1988. Rund 100000 Tickets hatten die Veranstalter damals im Vorverkauf, tatsächlich kamen aber bis zu 200 000 Menschen auf den Flugplatz nach Hartenholm. In den 80er Jahren genoss die Comic-Figur Werner noch eine unglaubliche Popularität. Holger Henze im Porsche gewann das Rennen, Rötger Feldmann alias „Brösel“ erlitt auf seinem „Red Porsche Killer eine Niederlage und musste auf den „Schmähturm“. Nach dem Rennen erschien 1988 auch das Comic-Buch „Werner - Das Rennen“.

Heike Hiltrop