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Segeberg Wie antisemitisch war Karl May?
Lokales Segeberg Wie antisemitisch war Karl May?
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17:55 03.04.2018
Karl Friedrich May (geboren 1842 in Ernstthal, gestorben 1912 in Radebeul) ist noch immer einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller. Weltweit wurden geschätzt rund 200 Millionen seiner Bücher verkauft.  Quelle: LN-Archiv
Bad Segeberg

Auch wenn Adolf Hitler als großer Fan seiner Bücher galt. Karl May (1842-1912) war allem Anschein nach kein Antisemit. „Der Bürger Karl May hatte vermutlich weit weniger Ressentiments als die meisten seiner Zeitgenossen“, schreibt zum Beispiel Ingo Way in einem Artikel für die Jüdische Allgemeine vom 23. Februar 2012. May habe eher eine Haltung gehabt, die von Toleranz und Völkerverständigung durchdrungen war.

Gleichwohl war Karl May aber auch ein Kind seiner Zeit. Und Stereotype wie das des „geldgierigen jüdischen Kaufmanns“ waren im Deutschen Kaiserreich, obwohl die Gleichberechtigung von Juden in der Reichsverfassung seit 1871 verankert war, durchaus verbreitet. Mit dem Börsenkrach von 1873, der Teile der Welt in die Große Depression stürzte, verschärfte sich das dramatisch. Verschwörungstheorien, die das „raffende jüdische Finanzkapital“ für die Krise verantwortlich machten, wurden salonfähig. Antisemitische Agitatoren diskutierten öffentlich die „Judenfrage“; 1881 beteiligten sich mehr als 250 000 Menschen an einer Petition, die die verfassungsmäßig geschützte Gleichstellung von Juden wieder rückgängig machen sollte. Ein Nährboden, auf dem später auch die Ideologien der NSDAP gedeihen konnten.

KOMMENTAR

Eine Frage des Respekts

Kaum eine spannende Geschichte kommt ohne Schurken aus. Erst recht keine klassischen Heldengeschichten, wie sie Karl May erzählt hat und wie sie in Bad Segeberg Jahr für Jahr Hunderttausende begeistern. Wenn Winnetou und Old Shatterhand gut sein sollen, braucht es auch einen bösen Widerpart. Karl May hat viele solcher Figuren erfunden, hießen sie Santer, Rattler, Grinley (der „Ölprinz“), Tokvi-Tava oder Kara Nirwan – Christen, Mormonen, Muslime, Indianer, Deutsche, Amerikaner. Insofern ist es in der Logik von Karl May nur konsequent, wenn einige seiner Bösewichter eben auch Juden waren.
Der Schriftsteller hat sich dabei vermutlich nicht viel gedacht, politische Botschaften jedweder Art waren seine Sache nicht. Karl May schrieb, um zu unterhalten. Und er benutzte dabei auch Klischees, die seinen Lesern bereits vertraut waren. War das gedankenlos? Wahrscheinlich. Aber war es auch bösartig? Eher nicht. Es war nur eine andere Zeit. Von einem Adolf Hitler hatte man zu Karl Mays Lebzeiten noch nie etwas gehört; der Holocaust existierte für ihn und die meisten seiner Zeitgenossen noch nicht einmal als ein böser Traum.
Heute ist das anders. Wir wissen, wie die Geschichte weiterging, wie sich vermeintlich harmlose Klischees zu mörderischem Hass steigerten, der Millionen Frauen, Männern und Kindern das Leben kostete. Einen unbefangenen Umgang mit solcher Art Stereotypen darf es deshalb nicht mehr geben, besonders in Deutschland nicht, Werktreue hin oder her. Und deshalb kann eine jüdische Schurkin auch keine Schurkin sein „wie alle anderen auch“, ganz egal wie neutral Karl May zu seiner Zeit in Fragen von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit gewesen sein mag.
Das hat weniger mit der Sorge vor einer Wiederholung der Geschichte zu tun. Es ist vor allem eine Frage des Respekts vor unserer Geschichte und dem an den Juden verbrochenen Leid

„Felsenburg“ erschien, als der Antisemitismus um sich Griff

Im selben Jahr als „Die Felsenburg“ erschien, der erste Band von Karl Mays dreiteiliger Reiseerzählung „Satan und Ischariot“, holten die beiden offen judenfeindlichen Parteien, die Antisemitische Volkspartei und die Deutschsoziale Partei, 1893 bei den Reichstagswahlen 3,4 Prozent der Stimmen und 16 Mandate (ein Plus von 2,7 Prozent gegenüber den Wahlen 1890). Dass Karl May angesichts dieser politischen Gemengelage mit Judith Silberstein ausgerechnet eine jüdische Schurkin für sein Werk wählte, wirft zumindest Fragen auf.

„Ihr jüdischer Glaube hat mit der Motivation der Figur in dem Buch aber rein gar nichts zu tun“, sagt der Bad Segeberger Karl-May-Experte Ekkehard Bartsch. Es stimme zwar, dass Karl May nicht frei davon war, den Juden zugeschriebene Stereotype zu gebrauchen, und er sei dabei natürlich auch vom Zeitgeist beeinflusst gewesen. Es gebe in seinen Werken aber auch eine Reihe ausgesprochen positiver jüdischer Figuren wie zum Beispiel den Kaufmann Manasse Ben Aharab aus den Orient-Geschichten um Kara Ben Nemsi, der Nathan dem Weisen aus Gotthold Ephraim Lessings gleichnamigen Drama nachempfunden sei, das sich um Humanismus und religiöse Toleranz dreht.

In diesem Geist ist offensichtlich auch ein Briefwechsel zwischen Karl May und einem jugendlichen Bewunderer entstanden, aus dem Ingo Way in der Jüdischen Allgemeinen zitiert. Der junge Herbert Friedländer, offenbar Jude, schrieb an den Autor, dass er „durch Ihre Bücher bewogen wurde, zum Christentum überzutreten“. Karl Mays Antwort: „Ich sage Dir als aufrichtiger und gewissenhafter Christ: der Glaube Deiner Väter ist heilig, ist groß, edel und erhaben. … Einen solchen Glauben wechselt man nicht einiger Bücher wegen … Denn glaube mir, mein lieber Junge: Es kann keiner ein guter Christ oder ein guter Israelit sein, der nicht vorher ein guter Mensch geworden ist.“

Figur bestätigt antijüdische Vorurteile

Gleichwohl: Insbesondere der Figur der Judith Silberstein, die in der Vorlage als gefühlskalt und geldgierig beschrieben wird und deren häufige Partnerwechsel sich einzig und allein mit dem Streben nach materiellen Wohlstand erklären, bescheinigt May-Experte Rainer Jeglin von der Karl-May-Gesellschaft in einem Aufsatz „eindeutig antisemitische Rezeptionsmöglichkeiten“. Jeglin merkt zwar ebenso wie Ekkehard Bartsch an, dass im Buch keinerlei Zusammenhang zwischen der Verdorbenheit der Judith Silberstein und ihrer (jüdischen) Herkunft hergestellt werde. Vielmehr beschreibt May die Gier der attraktiven Femme fatale als Folge fehlender Charakterstärke und Herzensgüte. Dennoch sei kaum von der Hand zu weisen, dass die Figur bei zeitgenössischen Lesern vorhandene antijüdische Ressentiments bestätigen könne, folgert der Karl-May-Experte.

Das galt für das ausgehende 19. Jahrhundert. Aber wie sieht es im 21. aus? Als die Romanadaption „Das Geheimnis der Felsenburg“ 2005 am Kalkberg aufgeführt wurde, hatte man sich mit dieser Frage offenbar auch auseinandergesetzt. In dieser Version wurde die Figur der Judith Silberstein in „Judith Steinberger“ (gespielt von Saskia Valencia) umbenannt. Nicht zu unrecht offenbar. Ob der Schlechtigkeit ihrer Bühnenfigur kassierte Valencia damals mehrmals Buhrufe aus dem Kalkberg-Publikum.

Name ließ Raum für „Missinterpretation“

Die Namensänderung sei damals aus der Sorge heraus geschehen, dass der Name „missinterpretiert“ werden könnte, räumen Kalkberg-GmbH-Geschäftsführerin Ute Thienel und Drehbuchautor Michael Stamp in einer gemeinsamen Erklärung ein. Diese Umbenennung habe aber nichts an der Romanfigur und somit auch nichts an der Kritik an Karl Mays Werk in diesem Punkt geändert. Zumal der Nachname in dem Stück kein einziges Mal ausgesprochen worden, die ganze Namensfrage also recht theoretisch geblieben sei. Im Übrigen hätten viele Karl-May-Figuren von Haus aus religiöse Hintergründe, was für die Handlung der Inszenierung aber keinerlei Rolle spiele und auch nicht erwähnt werde. So sei der Mit-Schurke Harry Melton in der „Felsenburg“ im Originalroman ein Mormone. „Generell gilt bei Karl May: Das Gute und das Böse finden sich bei ihm bei Menschen jeder Hautfarbe, Religion und Nationalität.“

„Theatermacher stehen in der Verantwortung“

Walter Blender, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Bad Segeberg, möchte diese Frage zwar ebenfalls nicht dramatisieren. „Aber ich kann auch nicht leugnen, dass ich mich mit dieser Namensgebung etwas unwohl fühle.“ Nach Blenders Ansicht bestehe durchaus das Risiko, längst überwunden geglaubte Vorurteile gegenüber Juden wieder in die Gegenwart zu transportieren. Zumal eine Reflexion über das Thema im Rahmen eines familienfreundlichen Sommertheaters kaum möglich sei.

Eben das sei aber die Verantwortung von Theatermachern, meint Stella Hindemith, Kulturwissenschaftlerin und Antisemitismus-Expertin bei der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin. Ihrer Ansicht nach reiche es nicht aus, sich auf die Position zurückzuziehen, dass das Jüdisch-Sein der Judith Silberstein in dem Stück nicht erwähnt werde und demzufolge keine Rolle spiele. Allein der Charakter der Figur – hintertrieben, auf Geld aus, übersexualisiert –, „das sind alles antisemitische Stereotype, die in der Gesellschaft nach wie vor vorhanden und abrufbar sind“, sagt Hindemith. Dass es nicht explizit gesagt werde, sei nicht von Belang. „Es genügt, wenn das Publikum es vermutet.“ Zudem dürfte die jüdische Konnotation des Names Judith Silberstein vielen auffallen.

Gerade bei der Umsetzung historischer Literatur stünden Theatermacher in der Pflicht, sich mit dem Ausgangsmaterial auseinanderzusetzen und antisemitische, rassistische oder sexistische Inhalte aus heutiger Sicht zu hinterfragen, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Wenn das nicht möglich sei, dann sei der Verzicht auf einzelne Werke, Passagen oder Figuren manchmal die bessere Option. Oliver Vogt